Das einzige Dokument

Kapitän Therandor Caraband war zur Zeit des Unglücks in der Bucht von Atlantis unterwegs. Sein Schiff war voll beladen mit Erzen von Illardia, er war unterwegs nach Mirarthris und hatte nichts von den Warnungen Elévras mitbekommen. Während das ganze Land in Panik geriet durch Vulkanausbruch, Flutwelle und steigendes Wasser, war er nur bemüht sein Schiff sicher in einen Hafen zu bringen.

So kam es daß er die Ruhe bewahrte und als Einziger auf die Idee kam, das Erlebte schlicht und ohne Schnörkel aufzuschreiben. Das Dokument habe ich entdeckt als ich für meinen Artikel über Elévra im Archiv herumstöberte. Ich gebe es hier auszugsweise wieder, ohne es zu kommentieren.

Alida Mercuria Weinstein

Der schlimme Tag

Wir waren an der Südspitze von Illardia als wir den großen Ausbruch des Atalan sahen. Davor war uns zwar eine große Aschewolke aufgefallen, aber wir dachten, aha, mal wieder der Tharokan, der Kavothrakis verwüstet - aber es war der Atalan, und das machte uns Sorgen. Das Meer war ohnehin schon ungewöhnlich unruhig, einen Sturm hatten wir schon hinter uns, halb so schlimm, geschützt durch das Küstengebirge von Illardia waren wir dicht unter Land gefahren. Hier in der Bucht von Atlantis fehlte dieser Schutz, wir mußten alle Mann an Deck ordern und etliche Segel reffen um nicht zu kentern. Aber es wurde immer ungemütlicher. Dazu kam ein unheimliches Geräusch von achtern; ich hatte Derartiges noch nie wahrgenommen, es war wie ein riesiger, donnernder Wasserfall; aber sahen wir nach achtern, war dort nichts zu sehen, es war schlicht finster in der anbrechenden Nacht. Der Atalan schoß Feuersäule über Feuersäule in den Nachthimmel, immer gefolgt von schwarzen Wolken die zum Glück nicht in unsere Richtung zogen. Meine Mannschaft begann unruhig zu werden, aber wir sahen schon die Lichter von Mirarthris, Sonartis und Atlantis vor uns - die Fahrt würde bald enden.

Da kam etwas dazu was mir fast den Verstand raubte. Der Wind ließ nach, dennoch wurden wir schneller; die Segel blähten sich gegen die Fahrtrichtung, mein Steuermann Danathor begann Gebete zu murmeln.... ich versuchte den Grund für dieses seltsame Verhalten des Schiffs herauszufinden, und als ich begriff was da vorging, fing auch ich an zu beten. Hinter uns stieg das Wasser an; wir fuhren regelrecht abwärts und wurden deshalb immer schneller. Es gelang mir nicht die gesamte Mannschaft in die Wanten zu schicken, viele weigerten sich einfach und starrten entsetzt in die See hinaus, als wäre der Seedrachen hinter uns her von dem ich annehme daß es ihn gar nicht gibt. Danathor hatte hart mit dem Ruder zu kämpfen, ich mußte ihm helfen das Schiff unter Kontrolle zu halten. Die Strömungen ließen es nicht zu nach Mirarthris zu steuern, ich fand es auch angebracht das nähere Atlantis anzulaufen um so schnell wie möglich den Schutz eines Hafens zu suchen. So taumelten wir auf Atlantis zu, hatten Angst um das Schiff bei dem beängstigenden Tempo, und hofften nur daß nicht noch mehr Ungemach entstehen würde.

Die Türme an der Hafeneinfahrt waren nicht zu verfehlen. Inzwischen waren wir zu dritt am Steuer, auch der Bootsmann mußte mithelfen, wir schafften es mühsam nicht gegen die Schutzmauer zu treiben und retteten uns in den Kanal zum Hafen; dort aber drückte uns die Strömung an die Mauer, steurbordseits. Verschrammt und schrägliegend schafften wir es ins Hafenbecken, und kollidierten nun erst backbordseits mit dem Kai, dann prallten wir, immer noch zu schnell, mit dem Bug ans Ende des Hafenbeckens. Leckgeschlagen, aber endlich sicher, vertäuten wir das Schiff und schickten die Männer an die Pumpen. Ich ging an Land - was man so Land nennt. Der Hafenplatz, die Kais, alles einen halben Meter überflutet, die unteren Gassen der Altstadt ebenfalls vollgelaufen, stapfte ich durchs Wasser bis zur Hauptstraße, die anstieg und endlich war ich auf trockenem Grund. Der zitterte allerdings von den Ausbrüchen des Atalan, und bald war ich in einer Menschenmenge die sich zum Palast drängte - da wollte ich auch hin, erfahren was eigentlich los war, und Bescheid geben daß ich nicht weiter fahren konnte. Aber es war kein Durchkommen. Die Luft roch brandig, viele in der Menge waren verletzt, Häuser zeigten Risse, und als ich den Palast sah wurde mir übel. Der südliche Flügel mit der großen Halle war teilweise eingestürzt, dort mühten sich Männer mit Balken ab weitere Schäden zu verhindern; sah ich über den Palast hinweg, fiel mein Blick auf den Hang des Atalan wo ein breiter Lavastrom herunter gekommen war, sich nicht mehr bewegte und teilweise schon erkaltet war. Es blieb mir nur, Menschen um mich herum auszufragen....

“Drei Gassen hinter dem Palast sind völlig niedergebrannt!” sagte einer und ”glühende Felsen sind da durch die Gassen gerollt” ein Anderer. Von einer Frau erfuhr ich daß Vanartis unbeschädigt geblieben war, mehr wußte sie nicht. Ein Schreiber drängte sich vorbei und als ich ihn fragte, sagte er nur daß man wohl auch bis Sonartis auf der Straße durch käme, weiter aber nicht. “Kanäle?” fragte ich ihn und er zeigte mir einen Vogel....”auf keinen Fall, reißende Strömung” - und schon war er in der Menge verschwunden. Ich wurde rabiat, so ging das nicht. Ellbogen rechts, Ellbogen links, bis es mir gelang auf die große Treppe zu kommen, da wurde es besser. Ich stieg hinauf und half ohne lang zu fragen beim Balken schleppen und Mauern abstützen; und schnappte hier und da einen halben Satz auf, und konnte mir zusammenreimen daß König Ingathor und Königin Volardia zwar wohlauf, aber nicht im Palast waren. Sie waren nach Vanartis gegangen wo es keine Schäden gegeben hatte, und versuchten von der alten Königshalle aus das Land zu regieren. Das war wohl auch nötig, Vanartis sollte voller Flüchtlinge aus Illardia sein. Warum, wußte keiner.

Wir  taten also was wir konnten, behindert von dem Menschenauflauf, und weil nicht schnell genug genügend Balken heran getragen wurden. Der Palast sah übel aus, die südliche Wand war gänzlich eingestürzt, ein Haufen Schutt; einige Säulen der Halle standen noch, das Portal war ebenfalls zerstört. Nach und nach gelang es uns die Empore abzustützen und Leute zu bewegen, anstatt zu gaffen, lieber Schutt wegzuräumen. So konnten wir anstelle der Südwand ein Holzgestell aufrichten und  vom Dach zu retten was noch oben war...Balken auf Balken entstand ein Notbehelf, unten auf dem Platz versuchten Schreiber, Maurer aufzutreiben. Es mußte schon späte Nacht sein, oder gar Morgen, ich weiß es nicht.

Da erschien sie plötzlich, und es wurde ganz still. Elévra stand auf der Empore und breitete die Arme aus “es ist vorbei, beruhigt euch bitte” sagte sie und wartete bis es auch unten auf dem Platz still war. So leise sie auch sprach, jeder verstand was sie sagte. “Liebe Leute...es ist gut, wir leben und mehr Unheil kommt auch nicht mehr. Ich bitte euch alle, vergeßt eure Angst und helft mit, denn das Glück das wir hier hatten, war nicht überall. Regardis gibt es nicht mehr...” ein erstauntes Murmeln setzte ein “und Conartis ist auch versunken. Das westliche Nordland ist nur noch eine Erinnerung, und das Meer fließt in die Täler von Illardia. Es gibt nun tausende von Flüchtlingen, und wenn ihr nicht sofort vernünftig werdet, wird alles nur noch bitterer. Tut euch zusammen, repariert an euren Häusern was getan werden muß, und jede Familie nimmt eine Familie bei sich auf die kein Haus mehr hat. Die Festungen werden göffnet, die leeren Kasernen auch. Alle Baumeister die hier sind, bitte zu mir. Die Händler geben Nahrung aus ohne Geld zu verlangen, und wer einen Karren hat, fährt Baumaterial.” Nun wurde auch gemurrt, und die leise Stimme wurde lauter und strenger “kein Widerspruch, dazu haben wir keine Zeit. Wer meine Anweisungen nicht befolgt, wird sich vor dem Richter sehen. Nun geht ans Werk und blockiert hier nicht Straßen und Plätze, sobald es geht werden wir euch über alles unterrichten. Gott segne euch.”

Elévra verschwand wieder, die Menge begann sich zu verlaufen. Ich half noch mit eine Nottreppe zum Obergeschoß zu zimmern, dann warf ich mich auf einen Sandhaufen und wollte kurz ruhen, schlief aber ein.

Ein finsterer Morgen, düstere Tage...

  Es war wohl zu still, und das weckte mich auf. Immer noch waren nur die Lichter der Mélanaden zu sehen, hatte ich nur kurz geschlafen oder gar bis in die nächste Nacht? Ein paar Meter weiter stand eine Gruppe Männer und redete leise. Ich raffte mich auf und fand Vanghedor inmitten einiger Baumeister. Ich hörte nur zu. “Ihr räumt das zerstörte Portal weg, Leute. Es wird nicht wieder aufgebaut. Statt dessen baut ihr eine Reihe Türen, darüber Fenster - es muß Licht in diese Halle! Macht euch gleich daran, und holt euch mehr Leute die Schutt wegtragen. Sobald der Palast sicher ist, geht ihr durch die Stadt und seht zu wo ihr helfen könnt. Die Maurer schaffen die neuen Wände schon ohne euch. Seht vor allem zu daß Händler arbeiten können, und Wohnhäuser nicht einstürzen. Wenn ihr in Atlantis fertig seid, geht nach Mirarthris, da sieht es böse aus. So, das wärs...an die Arbeit.”  Die Männer verneigten sich, Vanghedor wollte wieder hinauf gehen - und ich faßte mir ein Herz, wen hätte ich sonst ansprechen sollen? “Majestät, eine Augenblick bitte...” Vanghedor blieb stehen, lächelte seltsam “Majestät? Das war ich einmal. Worum geht es?” - “Mein Schiff, die Blume von Vanartis, liegt beschädigt im Hafen. Wir müßten nach Mirarthris, aber vorher wären Lecks zu reparieren...was mach ich?”  - “Ein Schiff? Das ist gut. Bist du nicht  Therandor? Ich kenne dich....hoffe ich. Schiffe brauchen wir dringend. Schlimme Schäden?” - “Ein paar gebrochene Planken. Die Mannschaft pumpt... was sollen wir machen, wenn wir flott sind?”  - “Baumeister nach Mirartris bringen, zur Feuerhalle fahren, Mélanaden holen, nach Mirarthris bringen. Hört, Leute, zwei Zimmermänner zu dem Kapitän hier! Nimm sie mit, repariert sofort, fahrt so schnell es geht. Alles an Kristallen was ihr holen könnt. Dann melde dich wieder hier. Sei unbesorgt, Vanartis ist verschont geblieben.” - “Was ist denn eigentlich passiert? Es ist so finster...” - “Wir sind unter dem Meer und müssen sehen daß wir nicht ersaufen. Morgen sagen wir dem Volk alles, heute müssen wir erst mal sehen was überhaupt noch da ist und wo Hilfe gebraucht wird. Heb dir Angst und Sorgen auf bis morgen Mittag, nun geh und tu was du kannst. Alare vador, Therandor.” - “Alara vador, Maje...Vanghedor.”

Er ging, und ich auch, mit zwei Zimmerleuten zum Hafen, wie erschlagen von der Mitteilung eben. Unter dem Meer? Und mein Schiff auf dem Meer? War das ein Alptraum?  Draußen traf es mich noch härter, was für ein Panorama...

Der Hafenplatz glänzte noch von der Nässe, das Wasser war aber zurück gegangen. Mitten in der Bucht schlugen große Flammen direkt aus dem Wasser, Rauchwolken darüber. Über der Westkette hing ebenfalls schwarzer Rauch aus dem manchmal ebenfalls Flammen schlugen. Einer der Zimmerleute sah meinen Blick “Vulkanausbrüche, Mann. Überall.... die Erde spielt verrückt, das Meer auch. Also bitte nicht auch noch wir.”  - “Jaja, schon gut, solange ich lebe..Also, hier sind wir. Holz haben wir ja, aber das Schiff ist beladen - nicht so einfach.” - “Machen wir schon, Kapitän. NIcht schön, aber dicht. Kümmer du dich mal um deine Leute, wir gehen mal an die Arbeit.”  Tja, meine Leute waren auch schon halb wahnsinnig, hatten zuwenig geschlafen wie wohl alle in diesem verletzten Land, aber der Kahn schwamm und wurde jetzt geflickt. Und ich hatte das Gefühl, ich könnte endlich mal aufwachen. Scheißtraum. Aber der ging weiter; damit die Zimmerleute ihre Arbeit tun konnten, mußten wir umladen, um durch Schlagseite die beschädigten Planken aus dem Wasser zu bekommen. Dann hörte auch der Wassereinbruch auf, während gesägt und genagelt wurde, ging ich wie die meisten der Mannschaft auch, endlich in die Koje. Atlantis, Hafeneinfahrt und Schutzmauer

Wir schliefen nicht lange. Die Zimmerleute klopften an und meldeten, Schiff klar. Mit welchen Gefühlen wir dann losmachten und wieder hinaus auf die Bucht steuerten, muß ich wohl nicht erklären,  mulmiger ging es kaum. An den Hafentürmen vorbei, sahen wir daß die See rauh war, aber ohne große Wellen. Nun hatten wir bald  an Backbord die Stelle an der schwarzer Rauch aus dem Meer quoll, und  an Steuerbord die Küste, und die sah teilweise nicht gut aus. Treibende Inseln aus Bäumen, Gebüsch und sonstigem Unrat lagen davor, an machen Stellen sahen wir was die Flutwelle angerichtet hatte, an anderen Stellen nicht - Sonartis lag höher und sah unbeschädigt aus; aber es gab Stellen da war das Meer zum Küstenkanal durchgebrochen.

“Das ist ja Rumbosand, was da raucht” meinte Danathor “ob das ein Vulkan wird?” - “Was sonst” sagte ich und zeigte zur Westkette, deren Gipfel ebenfalls in schwarzen Rauch gehüllt waren “da stimmt auch nicht alles. Hoffen wir daß vor uns nicht auch noch so ein Feuerchen aufkommt.” Das tat es nicht, aber wir waren froh als wir Mirarthris sahen - aber nicht lange.  Vom Hafen war nichts mehr zu sehen, das Hafenvietel lag in Trümmern, die Hafenfestung teilweise eingestürzt und als wir näher kamen, sahen wir daß ein Großteil der Stadt unter Wasser stand, schlimmer als Atlantis gestern, und während wir uns das ansahen brach ein Haus unter den anstürmenden Wellen zusammen, obwohl die gar nicht so hoch waren. “Und jetzt, Kapitän?” - “Fahr in die Straße von Lelianth.” - “Aye, zur Werft?” - “Ja, mal sehen ob wir da abladen können. Hier geht ja wohl nichts.” Das Wasser wurde ruhiger als wir in die schmale Wasserstraße einbogen, und hier sah die Stadt auch besser aus. Aber auch an der Werft war die Mole überflutet, weiter drinnen aber gab es noch einen Kai der gerade noch trocken war. Wir steuerten da hin, und Arbeiter kamen und begrüßten uns freudig...ich begriff erst allmählich daß unser Schiff wohl eines von Wenigen war, das die Katastrophe heil überstanden hatte. Wir luden also ab, und erfuhren daß die Werft arbeitsfähig war, es aber sehr an Material fehlte. Unser Eisenerz kam gerade richtig, aber Holz wurde ebenfalls dringend gebraucht. Und Kristalle... “hier haben wir gerade genug, aber für die Stadt werden so viele gebraucht wie ihr nur laden könnt.”

Ach, wenn ein Seemann das nur alles begriffen hätte. Jedenfalls legten wir bald wieder ab und fuhren weiter, Richtung Conartis, um zu Feuerhalle zu gelangen.

Wie kann ich unser Entsetzen beschreiben als wir sahen, was Vanghedor schon gesagt hatte...keine Spur von Conartis, unserem großen Westhafen. Keine Spur von Zagornia, der verbotenen Insel. Die Straße nach Conartis kam aus den schwarzen Wolken in der Westkette herunter und lief direkt ins Meer...Herrgott, wo fahren wir jetzt? Wo ist das Zagornia-Riff? Sind wir über Conartis? Ist es tief genug?  Ich ließ Matrosen ständig die Tiefe ausloten, wischte mir Tränen aus dem Gesicht, sah die ganze Westmark nicht mehr, nur treibendes Holz, Bäume, Büsche, Bims...die Wälder der Westkette in Flammen, das Meer immer noch sehr aufgewühlt...wie gern hätte ich die Augen geschlossen um all das nicht zu sehen.

Aber es ging gut, wir kollidierten nur mit Treibholz , und der Anblick des Nordwestkaps tat gut - unverändert. Schwenk nach Osten., Richtung Feuerhalle - und wieder, was für ein Anblick. Das hohe Riff das den Vorhafen schützt, fast ganz unter Wasser. Im Vorhafen wieder Treibholz, aber erkennbar nicht vom Wald, sondern von zerstörten Schiffen. Der vorderste Teil der Halle eingestürzt, die filigranen Felsenbögen, nicht mehr da. Immerhin, die Halle selbst war intakt, aber es war schwierig hinein zu fahren. Wir mußten mit langen Stangen Holz wegdrücken das sich vor dem Bug staute...dann ging es einfach nicht weiter, und wir sahen Leute auf dem leicht überfluteten Kai die auf langen Leitern Kristalle von der Südwand pflückten; wie legten das Schiff an die Nordwand, wo kein Kai ist, bis Rahen und Masten an Wand und Decke anlagen , dann hieß es “aufentern!” und Kristalle pflücken. Keine Arbeit für einen Seemann...so sehr wir uns auch bemühten, viel bekamen wir nicht zusammen. Bis dann der Bootsmann sah daß die Kristalle bergeweise unter uns lagen, am Grund des Beckens. Ein paar Mann die tauchen konnten, mußten ran und mit Säcken und Körben wurden die Kristalle geborgen - eine von drei Ladebuchten konnten wir damit füllen, mehr aber auch nicht. Also wieder ‘raus aufs Meer...halt, die hatten doch gesagt, Holz wäre auch dringend nötig. Also weiter nach Osten, nach Vanartis....

Holz gab es dort genug, aber was uns viel mehr bedeutete - die Stadt war völlig unversehrt, nur überfüllt, alles voller Menschen. Wir bekamen also zwei Ladebuchten voller Balken, und das von einem einsichtigen Sägewerker “wir können aber nicht bezahlen, Janador. Wir fahren Im Auftrag des Palastes, bitte rechne dort ab.” mußte ich sagen und bangte ob er das akzeptieren würde - Janador lächelte breit. “Ich weiß schon, Nothilfe. Ingathor hat es schon bekannt gemacht daß alles was dringend gebraucht wird, ohne großes Theater zu geben ist. Ladet ruhig was das Schiff fasst, gut daß es noch eines gibt...” - Was denn, ist mein alter Kahn der Einzige??” - “Bis jetzt ja.” Ich kratzte mich am Hinterkopf, das konnte ja heiter werden...”Jungs, aufladen, macht mal etwas fix...”

Also weiter. Straße von Vanartis, eine überladene Fähre kreuzt. Bucht von Vanartis.... etliche kleine Boote. Atlantis zog steuerbords vorbei, oh je, aus dem Rumbosand ist tatsächlich ein Vulkan geworden, und der meint es ernst...dicht unter Land, immer wieder mit Treibholz kollidierend, schafften wir es nach Mirarthris. Wieder um die Stadt herum, in den Werfthafen...und großes Gejohle als wir anlegten, die Werft konnte nun arbeiten. Wir hatten reichlich Hilfe beim abladen. Etwas erstaunt sah ich zu wie sie Körbe voller Kristalle zu den Schmelzöfen trugen um sie dort am Feuer zu “rösten” - die dunklen Kristalle begannen bald zu glimmen. Ach so geht das...und schon war das Schiff leer, wieder rausfahren, zurück nach Atlantis. Und hallo, da liegen ja zwei Schiffe...der “Drachen” aus Kavothrakis und die “Weiße” aus Regardis. Na, der Drachen sah arg lädiert aus....im wieder arbeitsfähigen Hafenamt erfuhr ich die Neuigkeiten.

Der  Drachen war schwer beschädigt, wurde provisorisch repariert und mußte dann nach Mirarthris, in die Werft. Die Weiße würde wohl morgen wieder auslaufen können. Und die Versammlung hatte noch nicht stattgefunden. “Die wissen noch nicht genug” sagte der Hafenmeister, Lonathor, und klang müde “ein kleiner Segler ist nach Norden gefahren, soll herausfinden ob wir die Erzminen anlaufen können. Wenn ja, fahrt ihr da hin. Wir haben keine Nachricht aus Rifé und Tenar; die Versammlung kommt frühestens morgen. Schlaft mal eine Runde...sag mal, seid ihr drei Tage durchgefahren?”

Ja, waren wir wohl, ich merkte erst jetzt daß ich völlig erledigt war. Aber in dieser vertrackten Dunkelheit verlor man ja jedes Zeitgefühl... müde schleppte ich mich zurück aufs Schiff, gab die Parole “alles pennen gehen!” aus und schlich mich in meine Koje. Ach, schön...keine Wellen, nicht mal die Taue knarrten.. .uaaahhh...und weg.

Das Licht hat uns gerettet.....

Ich war Danathor wirklich böse. Wie konnte der Kerl mich nur wecken, wo ich mich gerade erst hingelegt hatte “wie??? Nachmittag? Wie lange habe ich geschlafen?” Danathor grinste. “an die 20 Stunden, Käppen. Bin ja auch eben erst geweckt worden, die Versammlung fängt bald an. Was meinst du, erst noch schön essen gehen?” - “Vorschlag angenommen. Wenn das schon wieder geht?” - “Sieht ganz gesund aus, die Stadt. Versuchen können wir es ja.” Ich schnappte meinen Geldbeutel, rauf aufs Deck, Glocke läuten...es dauerte bis die Mannschaft angetreten war. Dann, wir alle, in die Stadt - und wir hatten Glück daß gerade ein Restaurant wieder aufmachte. Wir also rein, Laden voll. Und gespachtelt was nur reingeht....und dann die Überraschung als ich zahlen wollte “laß mal stecken Kapitän. Ihr macht ja Notdienst, da rechne ich mit dem Palast ab.” sagte der Wirt freundlich und ich wunderte mich “ich dachte das gilt nur für die Armen?” - “Und für alle die Notdienst machen. Wollt ihr noch was trinken?”

Eina Katastrophe hat auch helle Momente, stellten wir fest - prost. Wesentlich heiterer gingen wir dann zum Marktpaktz, der schon gut voll war, und warteten ab.

Erstaunlich. Die eingestürzte Südwand war schon wieder aufgemauert, aber noch eingerüstet. An der Ostfront wurde noch gearbeitet, drei neue Türen waren schon eingebaut, und aus einer dieser Türen kam Vanghedor. Alt sah er aus, müde, gebeugt, und bat als erstes um Ruhe. “Alare Vador, Liebe Freunde...Fragen können später gestellt werden. Zuerst gebe ich den traurigen Bericht über die Lage, bitte unterbrecht mich dabei nicht. Ich fange im Norden an....

- Rifé können wir nicht erreichen. Es sieht so aus als wäre die Insel vom Untergang verschont geblieben, aber dann sind wir von Rifé getrennt.
- Arganthia ist teilweise unter Wasser; nur die Berge stehen heraus.
- das Nordriff ist ebenfalls halb unter Wasser, dorthin haben sich tausende gerettet, denn...
- Naronis existiert nicht mehr. Die Welle hat die Stadt völlig zerstört, es gibt zwar Überlebende, aber die meisten sind wohl ertrunken...”

Vanghedors Stimme versagte, er wischte sich Tränen aus den Augen.

“- Regardis ist ebenfalls völlig vernichtet. Wahrscheinlich sind auch die Könige beider Städte umgekommen. Überlebende sind auf dem Weg zur Vanartis-Fähre.
- das Illarde-Tal ist geflutet, alle Dörfer dort verloren; aber es hat dort keine Verluste gegeben, weil das Wasser langsam kam.
- Kyklos haben wir evakuiert weil sich auf dem Kyklakan Risse gebildet haben; es sieht nach einem Vulkanausbruch aus.
- Kavothrakis wurde von einem Lavastrom des Tharokan verwüstet. Zum Glück war es ja schon verlassen.
- die gesamte Nordwestmark ist nicht mehr, aus dem schmalen Meeresarm ist ein Meer geworden.
- Delios ist unversehrt, aber der Westhafen völlig zerstört. Der Osthafen ist nur leicht geflutet, wahrscheinlich können wir ihn retten.
- Geromantis ist unter Wasser, ebenfalls ohne Verluste, aber drei Schiffe sind dort verloren gegangen. Die Bewohner sind schon in Vanartis.
- Vanartis ist gänzlich verschont geblieben, von einem Ascheregen des Atalan abgesehen. Die Stadt ist aber voller Flüchtlinge.
- im Feuerhalle-Hafen wurden dreißig Schiffe völlig zerstört, als die Welle sie in die Halle gedrückt hat. Sie waren unbemannt, Gottseidank.
- Therarthris meldet keine Schäden, aber Vulkanausbrüche in direkter Nähe. Wahrscheinlich werden wir dort noch Arbeit bekommen.
- Atlantis hat 63 Häuser durch Feuer verloren, sonst nur geringe Schäden. Die Werft ist ebenfalls durch Feuer beschädigt, derzeit außer Betrieb.
- Sonartis ist unbeschädigt.
- in der gesamten Westkette gibt es Vulkanausbrüche. Das gesamte Gebiet ist gesperrt, die Wälder brennen.
- auf dem Rumbosand ist ein neuer Vulkan entstanden. Schiffer müssen das Gebiet meiden, der Vulkan ist gefährlich.
- Mirarthris wurde durch ein Erdbeben schwer beschädigt, der Hafen ist unter Wasser. Im Moment konzentrieren wir uns darauf die Stadt wieder aufzubauen.
- Conartis und Zagornia sind völlg überflutet. Die Bewohner von Conartis haben sich retten können, sind in Henartis.
- Lelianth meldet keinerlei Schäden.
- Tenar können wir nicht erreichen, wir wissen nicht ob es komplett geflutet ist oder gar nicht betroffen; wie auch Rifè.”

Vanghedor schwankte. Schreiber sprangen hinzu und stützten ihn; mit schwacher Stimme sagte er noch “entschuldigt, aber das ist zu viel für mich...”  dann wankte er zurück in den Palast. Raunen, Gemurmel, Schreie, lautes weinen, war zu hören, rund um uns herum. Wir waren eher ruhig, hatten vieles davon ja schon gesehen. Aber das dauerte nicht lange, dann öffnete sich die Tür wieder. Und schon war es ganz still, dann heraus kam Elévra, und sah aus als wäre sie größer als ein Mensch sein kann.... sie sah nicht alt aus, ganz im Gegenteil, sehr jung, trotz der weißen Haare. Ihr dünner Umhang ließ den makellosen Körper erkennen, sie ging bis an die oberste Treppenstufe, dann erhob sie den rechten Arm, und in ihrer Hand erstrahlte der größte Kristall den ich je gesehen hatte, und die Dunkelheit floh davor.

Man hätte ein Sandkorn fallen hören...”Dieses Licht hat uns gerettet” begann sie laut und klar “und nun schaut zum Berg hinauf!” Das taten wir, und ein lautes “oooh...” hallte über den Platz. Da stand er, der riesige Vulkan, und war ganz still. Der Dunst der ihn verhüllt hatte, war verschwunden wie die schwarze Rauchwolke darüber; und an den Hängen leuchteten tausende kleiner Lichtpunkte, nur nicht auf dem schwarzen Streifen der  vom Krater bis zum Bergviertel reichte...

“Mein Gott, sie befiehlt dem Atalan” stammelte Danathor neben mir “sie ist Gott!” er war kreidebleich. “Sie ist Elévra, was immer sie ist, aber Gott wohl nicht” sagte eine Stimme hinter uns “dann ist sie ein Engel” murmelte Danathor völlig neben sich, es war auch wirklich magisch, wie das Licht in Elévras Hand die Finsternis verjagte. Und Elévra sprach weiter.

“Ich danke euch, die ihr mir geglaubt hat. Ich konnte euch ja nicht sagen was euch bevorstand, obwohl ich es wußte - aber ihr hättet mich ja für verrückt erklärt. Also blieb mir nur übrig zu sagen was ihr tun sollt; und ihr seid so gute Menschen, ihr wißt es nicht, ihr habt mir geglaubt. Das, und diese Kristalle, haben uns gerettet. Also dankt auch euch selbst! Seht die Lichter am Atalan, die wir da hinauf getragen haben: sie halten das Wasser über uns in der Schwebe, und drücken das Meer nach unten, so sind wir verschont geblieben. Die das nicht getan haben, sind nicht mehr, bis auf Wenige, und die sind jetzt auch klüger geworden. Wir leben in einer Luftblase unter dem Meer; und ich habe eine Warnung für die Schiffer und Fischer: fahrt nicht in die Dunkelheit! Denn da draußen, da wo dieses Licht nicht scheint, steht ein Wasserfall von mehr als 4000 Metern Höhe. Ihr werdet ihn hören, aber nicht sehen. Kehrt um, wenn ihr ihn hört, und bleibt im Licht! Es wäre euer Verderben, ihm zu nahe zu kommen. Wir werden uns bemühen das Licht zu verbreiten, im Moment geschieht das in Mirarthris, wo es zuwenig Licht gibt. Wir hoffen auch Illardia wieder zu erleuchten, und dafür brauchen wir euer aller Hilfe. So, nun begreift das erst einmal, dann habe ich euch noch mehr zu sagen.”  

Es gab erneut Gemurmel, wurde aber schnell wieder still. Immer noch mit dem Arm hoch erhoben, sprach Elévra weiter.

“Wir haben Notmaßnahmen beschlossen, und bevor jemand sagt, Elévra ist ja gar nicht mehr Königin, seid euch gewiß daß Ingathor und Volardia eben in diesem Moment das Gleiche in Vanartis verkünden.
- die Armen unter uns müssen keinen Zehnten entrichten.
- sie bekommen Lebensmittel ohne sie zu bezahlen.
- Baumaterial wird kostenlos abgegeben.
- jede Familie die ein Haus oder eine Wohnung hat, muß eine obdachlose Familie aufnehmen. Wir wissen daß es eng wird, es geht aber nicht anders.
- die Reichen unter uns, sofern sie in einem großen Haus wohnen, müssen mehr aufnehmen.
- wer einen Karren besitzt ist verpflichtet Baumaterial zu transportieren.
- wer einen Mélanaden sieht der trübe wird, muß ihn an sich nehmen, neben ein Feuer legen bis er wieder strahlt, und zurück an seinen Platz bringen.
- jeder, absolut jeder, der es körperlich vermag, ist verpflichtet beim Wiederaufbau zu helfen, nach seinen Möglichkeiten.
- wir werden eine neue Stadt bauen, hier im Süden von Atlantis, in der Ebene die wir “die Dürre” nennen. Dort  werden die wohnen, die nicht zurück können.”

Dann senkte sie den Arm und ließ den grellen Lichtstrahl aus der Spitze des Kristalls über die Menge wandern “und wir sehen euch. Die Wächter sind angewiesen darauf zu achten daß diese Anweisungen ausgeführt werden. Denkt an die vielen die alles verloren habe, und schiebt Faulheit und Bequemlichkeit auf, bis wir diese Maßnahmen aufheben. So, und nun könnt ihr Fragen stellen.”

Mir fiel keine Frage ein, überhaupt blieb es ziemlich still.

“Wie lange wird das wohl dauern?” - “Vorerst ein halbes Jahr. Wenn sich wirklich alle beteiligen, wird das hoffentlich ausreichend sein.”

“Werden wir nie mehr die Sonne sehen?”  - “Das weiß nur der Eine. Zunächst hängt unser Leben an diesen kleinen Steinen, also achtet auf sie.”

“Wie können wir Handel treiben?”  - “Mit anderen Ländern wohl nicht mehr. Da müssen sich kluge Köpfe kluge Gedanken machen, um das zu ändern.”

“Soll das heißen, wir könnten aus diesem nassen Gefängis ausbrechen?” - “Ja. Wenn wir uns genug Mühe geben.”

“Bist du ein Engel?” - “Das weiß ich nicht. Ich bin Elévra, und tue was ich kann. Tut es mir gleich!”

Das war wohl so erstaunlich daß keine Fragen mehr kamen. Elévra wartete einen Moment, dann verneigte sie sich tief “ihr seid wundervolle Menschen. Nun geht ans Werk, mein Auftrag ist erfüllt.” Damit drehte sie den Kristall ganz nach unten, das Licht erlosch - aber es wurde nicht wieder dunkel. Tausende funkelnde Punkte am Atalan und die Leuchter in den Straßen schienen heller zu scheinen als jemals zuvor. Elévra ging zurück in den Palast, und kurz danach zupfte mich Danathor am Ärmel “Käpt’n, fahren wir Erz holen. Ich ertrag das alles nicht, ich muß,was tun.” - “Ja, stimmt. Gehen wir ans Werk...”

In der Hafenmeisterei erfuhren wir wo wir Erz bekommen könnten “fahrt in die Soejm-Bucht, Ost-Illardia. Der Hafen ist zwar unter, aber die Straße zum  König -Arnathor-Bergwerk ist erleuchtet und abgemauert, da könnt ihr anlegen. Wird etwas schwierig sein, ihr müßt das Zeug wohl sackweise aufs Schiff schleppen. Geht aber nicht anders. Gute Fahrt.”

Damit begann wieder so etwas wie Alltag....ich war erleichtert, und fragte mich gleichzeitig, warum eigentlich....wahrscheinlich weil ich etwas ganz normales tun durfte, Fracht fahren. Mit weniger düsterer Laune ging es zurück auf’s Schiff.

Alltag mitten im Untergang

Es ging nicht nur mir so. Während der Fahrt nach Norden kamen aus der Besatzung viele Fragen, die ich nicht oder nur halb beantworten konnte. Nein, ich wußte nicht ob es so dunkel bleiben würde. Ob wir unter dem Meer überhaupt überleben könnten, war mir auch unklar. Warum das passiert war, was die Ursache war, ob Gott uns zürnte und was wir eigentlich verbrochen hätten... “Herrschaftszeiten Leute, ich bin nur euer Kapitän, woher soll ich all das wissen? Aber was können wir wohl besser machen, als uns anzustrengen, mit der neuen Lage fertig zu werden? Ich weiß nur daß es in Mirarthris inzwischen heller ist, und das Wasser zurück geht. Ein bißchen haben wir dazu beigetragen. Machen wir das weiter, mal sehen was wir hinbekommen...”

Dabei war mir selbst mulmig zumute, je nachdem wo wir gerade waren. In der Bucht von Atlantis ging es, da sahen wir viele Lichter. Östlich Illardia dagegen war es stellenweise echt finster, und Elévra’s Warnung ging mir nicht aus dem Kopf. Es war nicht ganz dunkel; hier und da zeigten kleine Lichtpunkte die östliche Küstenstraße an, hin und wieder glomm ein rötliches Licht hinter der Bergkette auf, der Tharokan kam nicht zur Ruhe, war aber selbst nicht zu sehen. Ich war sehr erleichtert als wir die Soejmbucht erreichten und dort mehr Lichtpunkte waren als an der unbewohnten Ostküste. Sie hatten sich Mühe gemacht, die Bergwerker, da wo die Straße zum versunkenen Hafen das Wasser erreichte, hatten sie einen Landesteg gebaut. Wir konnten ganz bequem anlegen, es fehlte nur an Hafenarbeitern. Wir mußten alle ran, aber das war in Ordnung. Wir konnten etwas tun.

Und wieder raus auf das dunkle Meer. Wieder nach Mirarthris, und wieder zur Werft. Dort lag der “Drachen” auf dem Trockenen, man sah die üblen Schäden jetzt besser - ein Wunder daß der Kahn es bis hier geschafft hatte. Es wurde dran gearbeitet..zu normalen Zeiten wäre er als Brennholz geendet, aber bei dem Mangel an Schiffen ging das nicht. Die “Weisse”, erfuhr ich, war auch kurz hier gewesen und schon wieder voll im Einsatz. Wir luden also ab, hatten hier Hilfe, die gleiche Tour noch einmal, und dann wieder nach Atlantis. Keine Pause, immer weiter...mein Steuermann und ich waren nicht mehr ganz da, aber irgendwie ging es. Anlegen, zur Hafenmeisterei...

“Ah, Therandor. Alles gut gelaufen?” Der Hafenmeister sah mich zweifelnd an, ich warf mich auf einen Stuhl und nickte “ja, Erz geholt und abgeliefert. Und was jetzt?” - “Sag mal, wie schaffst du das eigentlich? Ist dir klar wie lange ihr ohne Pause  unterwegs seid?” - “Ein paar Tage..?” - “Jaja, keine Zeitgefühl, diese Dunkelheit...zwei Wochen, Mann.. Nächster Auftrag: Schiff zur Werft rüber bringen, du und deine Leute machen jetzt mal Pause. Ab nach Vanartis, weißt du noch wie deine Frau heißt?” - “Komm, ja? Im Ernst?” - “Was hätten wir von einem toten Kapitän? Deine “Blume” wird erst mal überholt und verstärkt, die muß noch viel aushalten. Inzwischen sind ja ein paar Schiffe wieder flott, der “Drachen” kommt auch bald wieder in Fahrt. Und du machst mal daß du den Schlaf nachholst der dir fehlt. Wir sagen Bescheid wenn die “Blume” soweit ist.” - “Und dann?” - “Wir werden sehen, wahrscheinlich Frachtdienst wie gehabt, Vangardis-Mirarthris. Obst und Gemüse fahren, Erz wird der “Drachen” übernehmen wenn er wieder fährt, der ist ja größer. Ab mit dir.”

Also noch einmal eine kurze Fahrt in die Werft von Atlantis, die wieder arbeitete. Und dann...Mensch, jetzt merkte ich erst wie müde ich war...zu Fuß nach Vanartis. Immer noch viele Menschen nach Süden unterwegs, auf der Küstenstraße, aber keine Karren auf denen man hätte mitfahren können. Nichts war normal, wirklich nichts. Was war ich froh als ich die ersten Häuser der Stadt erreichte, und noch quer durch die Stadt, ins Westviertel, die Walgasse hinauf, und da war sie , meine Helgardia, pflegte das Gärtchen vor dem Haus, sah mich kommen, kam auf mich zu, lachend und weinend zugleich, fiel mir um den Hals...ich war daheim, und außer dem Dämmerlicht war alles wie gewohnt. Was für eine Erleichterung, obwohl ich ja gewußt hatte, in Vanartis war nichts passiert. Ins Haus, ins Bett, und alles erst einmal vergessen. Wenigstens meine kleine Welt war unversehrt...dem Himmel sei Dank.

Ich verschlief drei Tage mit kurzen Pausen, weil ich Hunger hatte. Dann, einigermaßen wieder hergestellt, nahm ich mir Zeit für Helgardia und die Kinder - glückliche Kleine, sie hatten sich schon an die halb-Dunkelheit gewöhnt, das war gar kein Thema mehr für sie. Wir Erwachsenen taten uns da schwerer, meine Frau hoffte, ich würde mehr wissen als sie - aber Fehlanzeige, wir waren ja auf dem Schiff gewesen und ständig im Einsatz.Tage vergingen zwischen sorgenvollen Gesprächen und fröhlichem Kinderlachen, und dem Erstaunen daß jedenfalls hier in Vanartis, alles einigermassen funktionierte. Die wirklichen Schwierigkeiten deuteten sich erst an; Gemüse wurde knapp und teurer, es gab auf den Straßen schon die ersten besorgten Diskussionen, ob die Bauern in dem trüben Licht überhaupt noch arbeiten könnten. Umso mehr hatten die Fischer zu tun; und nach einigen Tagen wurde klar daß die gemeinsame Anstrengung, denen die alles verloren hatten, ein neues Zuhause zu bauen, erst der Anfang einer großen Umstellung war.

Ein Aushang erschien auf allen Plätzen, daß sich alle die etwas von den rosa Kristallen verstanden, in Atlantis beim Palast melden sollten. Zwei Tage später ein zweiter, in dem unser König Delbardor seine Abdankung bekannt gab, und mit wenigen Sätzen begründete :

“Vanartis hat es gut überstanden, liebe Mitbürger. Wir haben aber alle Besitzungen auf Illardia verloren, und ich muß zu meiner Schande gestehen, wäre es nach mir gegangen, Vanartis wäre nicht mehr. Wie ihr wißt habe ich den Warnungen Elévras nicht geglaubt und mich nicht dafür eingesetzt daß überall Leuchter aufgestellt wurden. Zum Glück wart ihr, liebe Mitbürger, klüger und habt nicht auf mich gehört - dem Himmel sei Dank dafür.

Da nun das Königreich Vanartis nur noch aus der Stadt besteht und es sich gezeigt hat daß in Atlantis die weitaus größere Weisheit regiert, habe ich mich entschlossen die Verwaltung der Stadt an das Königreich Atlantis abzugeben und selbst keine Ämter mehr anzunehmen. Ich danke allen die mir treu gefolgt sind, und noch mehr denen, die mir nicht gefolgt sind als ich mich so grob geirrt habe. Gott schütze unser Land.”

Delbardor Tenarios Maldor, ab sofort wieder Reeder.”

Es gab also genug Stoff für lange Gespräche, überall in der Stadt. Wenig später erfuhren wir daß auch Janethor, König von Delios, den gleichen Schritt getan hatte; aus ähnlichen Gründen. Er hatte zwar für Leuchter auf seinen Bergen gesorgt, aber auch das Königreich von Delios war auf die Stadt reduziert. Der Westhafen samt Wohnviertel war völlig zerstört, Kyklos evakuiert und vielleicht nicht mehr bewohnbar, und die Ebene um die beiden Gebirge versunken. Deliartis allein ist kein Königreich, erklärte Janethor und übergab ebenfalls an Atlantis. So waren in kürzester Zeit allein im Norden 4 Königreiche untergegangen, da ja auch Regardis und Naronis völlig zerstört waren, und die gekrönten Häupter vermißt, vermutlich ertrunken. Dazu kam das ebenfalls untergegangene Königreich Conartis...uns wurde schmerzlich bewußt wie klein unser Land geworden war.

Und dennoch gingen wir täglich zum Markt und bekamen was wir brauchten, auch wenn es von Kaffee über Orangen oder Bananen so manches nicht mehr gab, das früher (ja, wir sprachen schon von “früher”...!) von Schiffen aus fernen Ländern gebracht worden war. Schiffe, von denen wir nicht einmal wußten ob sie es überstanden hatten, und wenn, wo sie jetzt waren...man konnte die meisten Fragen die sich aufdrängten, nur aufschieben. Aber das wußte man im Palast von Atlantis wohl ganz gut, nach der ersten Versammlung wurde eine zweite einberufen, zu der auch die Bürger von Deliartis und Vanartis geladen wurden. Jetzt, Wochen danach, erwarteten wir uns davon klarere Auskünfte, wie es denn weiter gehen könnte. Genauer gesagt, alle hofften daß Elévra sprechen würde....

Die erste Beratung

Was für ein Gedränge. Viel voller als bei der ersten Versammlung, natürlich, gerade die neuen “Untertanen” von Atlantis waren ja neugierig was sie nun erwartete. Es begann aber mit einer Enttäuschung, denn Elévra war nicht anwesend. Volardia und Ingathor eröffneten die Versammlung mit einer kleinen Überraschung.

“Liebe Mitbürger, so vieles hat sich verändert daß man es kaum begreifen kann. Wir begrüßen euch heute nicht nur als Zuhörer. Wir haben uns entschlossen solche Versammlungen ab sofort “Beratung” zu nennen, und das heißt daß ihr gefragt werdet bei wichtigen Entscheidungen, also mitreden könnt. Der Grund dafür wird gleich besprochen werden. Alare Vador, Überlebende, Freunde!” 

Volardia trat zurück, Ingathor trat vor und erklärte zunächst daß es nur noch die Königreiche Atlantis, Mirarthris und Lelianth gab. “Es mag sein daß Rifé auch noch existiert, aber wir haben keine Verbindung dort hin. Wir haben also einen schmerzlich verkleinerten Rat der Könige. Wir sind nur noch vier, davon zwei von hier. Das, so haben wir uns beraten, ist nicht genug um das Land klug zu führen. Wir haben also beschlossen den Rat mit Menschen aufzufüllen die zwar keine Krone tragen, aber durch ihr Leben bewiesen haben daß sie sich genau so gut für unser Land einsetzen und auch die nötige Weisheit dafür besitzen. Und schon kommen wir zum ersten Mal überhaupt, daß unser Volk bestimmen kann wer in den Rat aufgenommen werden soll. Wir geben jetzt eine halbe Stunde Zeit um Vorschläge zu sammeln, meldet euch hier bei den Schreibern. Wir hier, da wir etwa für die Häfte des Landes stehen, können vier Ratsmitglieder ernennen. Die anderen vier werden in Mirathris und Lelianth ernannt. So, jetzt bin ich still und ihr seid dran - macht eure Vorschläge.”

Erst war es still, dann gab es Beifall. Es hatte zwar schon Diskussionen gegeben ob man das Volk mitreden lassen sollte, schon unter Elévra und Vanghedor; aber damals hatten mehrere Könige dem nicht zugestimmt. Die verbliebenen Monarchen waren sich jetzt einig geworden, aber das Volk war es nicht gewöhnt. Es dauerte bis sich Leute bei den Schreibern meldeten  um Vorschläge zu machen. Und nicht alle waren akzeptabel., das sagte dann Volardia an.

“Leute, Elévra steht ebensowenig zur Verfügung wie Vanghedor. Sie haben ihren Dienst für das Land geleistet und wollen jetzt ganz normale Mitbürger sein. Bitte schlagt keine abgedankten Könige vor.” Das dauerte dann doch eine Stunde, bis alle Vorschläge gemacht waren, dann wurden Namen genannt und durch Handzeichen abgestimmt, auch das völlig ungewohnt. Helgardia und ich standen in der Menge und kannten gar nicht alle die da genannt wurden. Wir konnten nur einmal die Hand heben, als Waltehdor vorgeschlagen wurde, ein beliebter älterer Arzt der sich sehr um bessere Zustände in den alten Vierteln von Vanartis bemüht hatte. Er wurde auch bestätigt. Dann der Bürgermeister von Deliartis, Yanerdor und zwei aus Atlantis deren Namen ich vergessen habe. Sie waren auch anwesend und wurden auf die Terasse gerufen, wo sie sich kaum trauten den hohen Herrschaften die Hand zu geben “Nein, du mußt dich nicht verbeugen, Waltehdor” sagte Volardia lächelnd “oder ich muß es auch. Im Rat sind wir alle gleich.”

  Das wurde teils mit Zustimmung, teils mit Kopfschütteln aufgenommen, das allgemeine Gemurmel auf dem Platz verhinderte zunächst daß es weiter gehen konnte. Dann kam das nächste Thema dran.

Ingathor trat vor und rief alle die Erfahrungen mit den rosa Kristallen hatten, zu sich. Es versammelten sich etwa 20 Leute, vom Forscher bis zum Metallurgen; Ingathor sprach eine Weile leise mit ihnen, dann wandte er sich erneut an die Bürger.

“Liebe Mitbürger, ich weiß welche Frage unter euch kursieren, und will zunächst die Antworten geben die ich geben kann. Ich verheimliche nicht daß auch unter Fachleuten, ich habe eben nochmal nachgefragt, noch Fragen offen sind. Wir wissen bisher:

- daß die Kristalle die Fähigkeit haben, das Wasser über uns in der Schwebe zu halten, und das Wasser unter uns etwas abzusenken.
- daß sie ihre Leuchtkraft und den Einfluß auf die Schwerkraft  bis zu zwei Jahren behalten, dann müssen sie an starkem Licht oder Feuer liegen, bis sie wieder strahlen.
- daß Pflanzen unter ihrem Licht schlechter wachsen als unter Sonnenlicht; manche auch gar nicht. Es ist also wichtig mehr Leuchter aufzustellen.
- daß die Feuerhalle nicht genügend Kristalle liefern kann um die überfluteten Gebiete wieder trocken zu legen. Derzeit ist sie leergefegt, es dauert bis wir dort wieder Kristalle finden werden, sie wachsen nur langsam.

Deshalb schlage ich vor daß wir ein Institut gründen, daß diese Kristalle erforscht und Methoden entwickelt, die es uns ermöglichen  der Landwirtschaft mehr Licht zur Verfügung zu stellen, um möglichst größere Kristalle zu züchten; es gibt eine Hoffnung daß dies möglich ist.. Da aus diesen Kristallen bisher Mélan gewonnen wurde, was Kristalle verbraucht, gilt ab sofort: der Verbrauch von Mélan, egal für welchen Zweck, ist verboten. Wer Mélan in seinem Besitz hat, muß es hier im Palast abgeben. Wir beabsichtigen, dieses Institut sofort zu bauen und dort alle die sich mit Kristallen auskennen, zusammen zu bringen. Wer diesen Beschlüssen widersprechen will, kann das sofort hier tun; spätere Einsprüche werden wir nicht beachten. Ich bitte also um Wortmeldungen, falls jemand nicht einverstanden ist.”

Helgardia sah mich fragend an “der König fragt das Volk ob er tun darf was er vorhat? Was passiert hier?” - “Die haben sich ganz schön verändert, Schatz. Ich habe vor ein paar Wochen persönlich mit Ingathor gesprochen, das war nicht anders als wenn ich mit Nachbarn geredet hätte. Mir gefällt das.” - “ja...weiß er denn nicht mehr was gut für uns alle ist? Wofür ist er dann König?” - “Er weiß es schon, du hast ihn doch gehört. Aber er will nicht mehr der Halbgott hoch über uns sein, sondern einer der dem Land dient - wie wir alle. Ist doch gut so.”

Meine Frau schwieg zwar, aber ihr Gesicht war leicht bewölkt...

Es kamen keine Einwände von Belang. Nur Fragen, ob so ein Institut gefährlich wäre, wo es gebaut werden sollte und wann mit Ergebnissen zu rechnen wäre. Ingathor erklärte, das werde der Rat bestimmen, gleich nach der Versammlung, nein, gefährlich ist das nicht, und wann wir etwas davon haben weiß kein Mensch. “Wir müssen aber daran gehen, denn sonst droht uns eine Knappheit an Ackerfrüchten, Obst, Gemüse. Ich habe noch einen Punkt vergessen: weiß hier jemand ob es im Atalan Erze gibt, die Mélan enthalten? Bitte zu uns kommen. Und, bevor ihr alle heim geht, möchte ich euch eines auftragen: bitte sprecht darüber mit allen die ihr kennt, und die nicht hier dabei waren. Wir brauchen jeden der sich mit Kristallen, Mélan oder Kristallzucht auskennt. So, und zuletzt ist nun Zeit für Fragen, die ich nicht angesprochen habe. Bitte, ihr seid dran.”

Es dauerte einen Moment. Dann kam ein älterer Herr auf die Treppe “Koldathor, Delios. Ich bin Kaufmann. Wie lange soll das noch gehen, daß wir Lebensmittel kostenlos an die Armen abgeben?” Ingathor breitete die Arme aus, Volardia antwortete. “Koldathor, wir haben gesagt, solange wie das Notprogramm dauert - also bis alle die vor dem Wasser geflohen sind, eine neue Bleibe haben. Wir haben angefangen, Neu-Atlantis zu bauen; in Mirarthris wird ebenfalls eifrig gearbeitet. Ich kann es nicht genau wissen, aber etwa ein Jahr dürfte schon nötig sein.” - “Und so lange zahlt der Palast unsere Rechnungen?” - “Ja, genau.”

Koldathor war sichtlich zufrieden. Nun war ein junger Mann dran “Emeraldor, Vanartis. Ich bin Fischer. Es fehlt bei uns an allem; Boote, Transportschiffe, Netze.  Gibt es auch ein Notprogramm für uns?” - “Bisher nicht, Emeraldor. Die Werften bauen Großschiffe, wir haben ja fast alle verloren. Moment mal bitte...” sie trat weiter vor “alle Fischer hier, habt ihr alle dieses Problem? Bitte die Hände heben.” Es ging eine große Anzahl Hände hoch. “Ich bitte euch, kommt herauf. Ihr könnt gleich nach der Versammlung mit dem Rat zusammen kommen, wenn ein Notplan für euch nötig ist, werden wir ihn heute noch machen.” Und wieder zu Emeraldor gewandt “Frage beantwortet?” Emeraldor strahlte und nickte eifrig. Nun kamen etliche Fischer die Freitreppe herauf, und einer blieb bei Volardia stehen “darf ich etwas vorschlagen? Ähm...Gerardor, Kavothrakis...ach...Vanartis.” - “Bitte. “ - “Kavothakris ist zwar ein Trümmerhaufen, aber die Werft nicht. Könntet ihr die Sperre aufheben, daß man die Werft in Gang setzen und dort Fischerboote bauen könnte?” - “Hmmm...schon, kann man denn dort arbeiten, kommt man hin? Der Hafen ist doch zerstört.” - “Die Werft hat ihr eigenes Hafenbecken. Eine Fähre könnte man dort hin schicken, wenns noch eine gibt. Wäre doch nett, statt Kriegsschiffe Fischerboote bauen?” Volardia lächelte “an der Sperre wird es nicht scheitern. Besprecht das gleich im Rat. “

Es wurde eine Weile gewartet, aber weitere Fragen kamen nicht, die Menge verlief sich schon. “Ich danke euch fürs kommen” sagte Volardia noch, damit war die erste Beratung überhaupt etwas informell beendet. Dennoch kamen wir erst sehr spät nach Vanartis zurück, denn der Platz leerte sich zwar, aber in den Gassen, am Hafen, in den Lokalen wurde noch lange schwadroniert, über die Veränderungen, über Könige die mit dem Volk beraten, und über die Befüchtungen mancher, wir würden doch noch untergehen - nur später.

Es wird normal

Drei Tage später bestieg ich wieder die “Blume” und fuhr ab sofort Linie, Vangardis - Mirarthris, Lebensmitteltransporte. Eine viel angenehmere Arbeit als Erz zu fahren, und der düstere Norden blieb mir auch erspart. Das übernahm jetzt der reparierte “Drachen”, und bald ein neu gebautes Schiff, noch größer als der “Drachen”, die “Illardia Stern”, speziell für Erztransporte eingerichtet und mit eigenen Leuchtern ausgestattet, ein schöner Anblick. Und weil ich bei den Transporten wieder normal fuhr, also Pausen hatte und Ruhetage, konnte ich mir die Neuerung ansehen, die da gebaut wurde - das “Kristallforschungsinstitut Lelianth”, das im Nullkommanichts hochgezogen wurde, von fast zweihundert Arbeitern und etlichen Baumeistern. Ich wunderte mich, wo sie es bauten;  Lavasee, ähnlich dem Leliakandicht bei dem seltsamen Lavasee den wir “Leliakan” nennen, obwohl er eigentlich kein Berg ist. Er liegt in einem wüsten, nicht sehr hohen Gebiet dicht an der Straße von Lelianth, gegenüber Mirarthris, dort gab es bisher nur die Fähre und die Straße nach Leliartis. Es wächst dort nichts; der Boden ist heiß und trocken, und in großen Abständen pflegte der Lavasee über die Ufer zu steigen und einen Lavastrom hinunter zur Meeresstraße zu schicken - keine angenehme Gegend. Und ausgerechnet dort zogen sie den Klotz hoch, hundert Meter lang, fünfzig breit und fünf Stockwerke hoch. So häßlich wie die Umgebung, meinte Deniathor.

Sie fingen dort schon an zu arbeiten, während noch gebaut wurde. Ich sah eine enorme Maschine die halb aus der Halle heraus ragte, und Schienen auf denen sie sich bewegen konnte, bis zum Rand des Lavasees. Sie war nicht in Betrieb als wir dort waren,, ich ließ mir von einem Mitarbeiter des Institus erklären wozu dieses Monstrum gut war, unglaubliches geschah dort, vielleicht gut daß sie das an einem so unwirtlichen Ort machten wo das kaum jemand mitbekam.

“Wir können drei große Behälter in die Lava absenken. Die werden dort zum glühen gebracht, und damit können wir Erze verhütten, Mélan schmelzen oder Stahl herstellen. Dann fährt die Maschine in die Halle, wo man z.B. Metall in Formen gießen kann.” sagte der Mann und grinste über meine gerunzelte Stirn “ und wozu das? Ihr macht doch hier Kristallforschung? “ - “Ja genau. Wir versuchen, Kristalle selbst zu züchten, dazu nüssen wir Mélan gewinnen. Außerdem glühen wir Lava vom Atalan um herauszufinden ob sie Mélan enthält; und stellen Mélaneisen her, für neue, größere Leuchter. Tja, und wenn wir uns der Hitze des Lavasees bedienen, brauchen wir weniger Holzkohle - und Steinkohle gibt es ja nicht mehr seit wir Tenar nicht mehr erreichen können. Und wir produzieren weniger verdreckte Luft, das macht schon der Leliakan.” - “Und wenn der mal wieder zuviel Lava hat?” - “Dann können wir nicht mit der Maschine arbeiten, macht aber nichts, wir brauchen sie nicht ständig. Und die Lava fließt wie immer ins Meer, das Institut steht ja viel höher.”  - “Angenehmer Arbeitsplatz, wirklich - pfui Teufel” fluchte Deniathor “mir glühen ja jetzt schon die Füße.”

“Ach, geht so” meinte der Wissenschaftler “es ist halt heiß im Haus, da hilft nichts. Aber sieh es so, wir laufen da drinnen fast nackt herum, und da wir auch reizende Kolleginnen haben, hat die Arbeit hier auch einige Vorteile - wenigstens für’s Auge.” Deniathor grinste, kratzte sich am Kopf “Käpt’n, gehn wir wieder aufs Schiff? Bin ich froh daß ich nur Steuermann bin...”  Wir verzichteten auf eine Besichtigung.

Ich gab ihm Recht. Auch ich war froh daß ich “nur” Kapitän bin und mit all den Neuerungen wenig zu tun habe. Obwohl, Frauen auf dem Schiff, das wäre eine Neuerung die ich sofort begrüßen würde. Na, was soll’s, wir hatten überlebt und es ging weiter - so seltsam mir dieses Institut vorkam, es bedeutete Hoffnung. Hoffnung auf mehr Licht, weniger Wasser und, wer weiß, einen Weg hinauf ins Sonnenlicht?

Wir fuhren weiter Gemüse. Das Leben hatte uns nicht vergessen.

Hier endet der Bericht an einer abgerissenen Seite. Wahrscheinlich ging er noch weiter, aber mehr wurde nicht gefunden. Mir bleibt noch anzumerken daß das erwähnte Institut der Vorläufer der Kristallwelt war, das alte Gebäude steht nicht mehr, es wurde nachdem die große Kuppel fertig gebaut war, abgerissen . Dort wurden wichtige Erfindungen gemacht; die Kristallzüchtung gelang teilweise, aus den fingergroßen Mélanaden (die man damals noch “rosa Kristalle” nannte) wurden immerhin faustgroße Exemplare gezüchtet, mehr gelang erst viel später der Kristallwelt.  Auch die ersten wirklichen Leuchter wurden dort gebaut, dort erfunden: die Leuchter der  frühen Zeit waren einfache eiserne Halter, an deren Spitze sich eine Art Traube aus kleinen Mélanaden befand. Das Institut fand heraus daß man mit Mélaneisen und einem Fuß der dem Wurzelteller von Bäumen ähnelt, bessere Ergebnisse bekommt. Diese Leuchter bekamen schon die ersten gezüchteten Kristalle, und später diese Einrichtung zum abdunkeln, mit der wir Tag und Nacht “erzeugen”. Die Leuchter wurden immer größer...das hat Norman schon erzählt.

 Später gelang dort die Entwicklung schwerkraftbetriebener Karren. Wenn Pferde sprechen könnten, hätten sie sich sicher bedankt. Die Entwicklung von Gleitern wurde oft versucht, mißlang aber und gelang erst viel später in der Kristallwelt.

Das Königreich Mirathris wurde wenig später aufgelöst, ebenfalls an Atlantis übergeben, übrig blieben also nur noch Atlantis und Lelianth als Königreiche; das blieb so bis Lelianth durch einen katastrophalen Spaltenausbruch unbewohnbar wurde. Die Zeit der Könige schwand allmählich dahin, der Rat wurde immer wichtiger und stützte sich immer öfter auf öffentliche Beratungen. Wie das heute ist, hat Norman ja ausführlich dargestellt.

Etwa zweihundert Jahre war das Institut in Betrieb, da wurde südlich vom Leliakan eine Höhle entdeckt. Da Lelianth wasserarm ist, setzte man einiges in Bewegung diese Höhle zu erforschen; in der Hoffnung einen unterirdischen Fluß zu finden. Das gelang nicht, aber die Höhle entpuppte sich als riesiger Gang der langsam anstieg, und als man nach Monaten ihr Ende erreichte, fiel dort Sonnenlicht herein. Die Höhle ist ein alter Lavagang und reicht bis in die Basaltberge von Tenar, endet auf der kleinen Insel Adarnia. Es wurde jahrelang daran gearbeitet, ausgemauert, erweitert, geglättet, mit Kristallen ausgestattet. Sie wurde zu dem Tunnel, der uns den Zugang zur oberen Welt wieder ermöglicht und bis heute benutzt wird.

Tja, und da könnte man nun die Geschichte wieder von vorn erzählen...aber ich will Norman nicht ins Handwerk pfuschen. Ich gehe dann mal mit Elingaria spielen.

Alida

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