Urlaub von Avalonia

Man ist ja manchmal etwas betriebsblind. Alida war das nicht aufgefallen, mir auch nicht, aber Elingaria beschwerte sich schließlich “ mir ist das soooo langweilig, ihr fahrt in der Gegend ‘rum und ich bin immer nur hier, Kinderhaus, Schule, Hafen, baden gehen...ich will auch mal was von der Welt sehen!” sagte sie mit einem derart tieftraurigen Ton daß wir beide ganz betroffen aussahen. “Und was möchtest du sehen? fragte Alida schließlich “Die Welt! Die gaaaanze Welt. Ihr redet immer von oben, der Sonne, Sternen und so’n Zeug, und ich habe keine Ahnung was das ist.” - “Hast du eine Ahnung wie groß die Welt ist?” - “Ich bin ja nicht doof! Klar weiß ich das. Riesengroß, das hatten wir schon in der Schule. Das ist es ja, und ich sehe immer nur Conartis. Zeigt mir doch endlich die Welt!”

Alida lachte. “Wir würden Jahre brauchen und du mußt ja zur Schule gehen. Wie wäre es denn wenn wir eine Insel da oben besuchen würden? Sonne, Sterne und braune Menschen gibt es da, große Schiffe, und mit etwas Glück kannst du Südamerika sehen.” - “das ganze Südamertika? Au ja.” - “Nein, nur die Küste. Du hast ja keine Ahnung wie groß ein Kontinent ist.” - “Ooooch...möchte ich aber.” Wir sahen uns an, abgemacht.

Am nächsten Tag sagten wir noch in der Schule Bescheid daß Elingaria nun für einige Zeit von ihren Eltern Unterricht bekäme, und stiegen in den Gleiter der uns schnell nach Illardis brachte, wo wir in die Rifenia umstiegen. Das große Schiff war halb voll und schon die Schiffsreise brachte Elingaria in Hochstimmung. Man sah zwar nichts, aber sie inspizierte jedes Detail und ging schließlich in den Steuerstand wo sie blieb bis wir in Rifé ausstiegen. Nun war sie erneut enttäuscht “was denn, weiter fahren wir nicht?” - “Schau mal nach oben.” Es dauerte einen Moment bis die Kleine begriff daß das Licht nicht vom Vulkangipfel kam.  “Was denn, das ist die Sonne?” - “Genau.” - “Manno, ist die weit weg. Auf welchem Berg steht die denn?” Ich weiß, es war unfair zu lachen und Elingaria auch kurz beleidigt, aber wir klärten sie bald auf. “Die schwebt also ganz frei in der Luft herum???” - “Noch nicht mal Luft. Da oben ist gar nichts, nur die Sonne.” - “Wahnsinn...”

Wir hatten wohl gut gewählt.  Bis in die Nacht bestaunte Elingaria die Sensationen der Oberwelt, sah zum ersten Mal den Mond, Sterne, Schiffe die bei uns da unten nicht in die Häfen passen würden und Menschen von denen sie zunächst annahm, sie hätten sich noch nie gewaschen. “Nein Kind, die sind so braun. Du kennst doch die schwarzen Afrikaner.” - “ja, schwarz - aber die sehen ja aus wie Erde! Sind das Landarbeiter?” - “Nein, Indios.” - “Ach, Indianer. Ich dachte die wären rot?”

Wir waren beschäftigt. Nebenher besuchten wir Andira die uns zu einem kleinen Haus führte das gerade renoviert worden war, noch nach Farbe roch und dessen Bewohner ebenfalls Urlaub machten, aber unten bei uns. Elingaria kümmerte das gar nicht, sie bombardierte uns mit Fragen und wurde auch nicht müde, egal wie spät es wurde. Naja, es war auch viel zu heiß um schlafen zu können.  Ich klopfte schließlich am Nachbarhaus, wollte fragen ob jemand Zeit hätte uns und Elingaria ein wenig mehr über Rifé zu erzählen. Es öffnete eine derart umwerfende Schönheit daß mir momentan die Worte fehlten, aber wie auch immer, Danverdia kannte uns. “Norman, hallo. Na, die Kleine ist anstrengend, was?” - “Wenn man Lehrer spielen muß und keiner ist...” - “Ah ja. Und da dachtest du, die Danverdia hat mehr Geduld.” - “Ich hoffe es.” - “Muß die Kleine nicht ins Bett?” - “Ach, im Urlaub...” - “Verstehe. Kleinen Moment, ich komm gleich ‘rüber.”

Danverdia kam wenige Minuten später und ich genoß die großen Augen von Alida, die nun auch vorübergehend vom Thema abkam. Aber dann ging es wieder nur um Elingaria, und die hatte es binnen Minuten geschafft uns alle zu einem nächtlichen Ausflug auf den Rifakan zu beschwatzen. “Nord - oder Südgipfel?” - “Ach was, Zentralgipfel.” - “aber der ist doch aktiv...?” - “Eben drum.” Mir war nicht ganz wohl dabei, auf den Atalan hätten mich nachts wohl keine zehn Pferde gebracht, aber Danverdia sagte mehrmals, der Rifakan wäre ja auch viel harmloser, meistens...

Adlernest

Einen Gleiter hatten wir schnell und waren auch schnell am Kraterrand des Rifakan; einen Ort zum landen zu finden war in dem blau - dämmrigen Zwielicht schon schwieriger, dann standen wir auf dem bizarren Lavariff des Kraterrands und fanden es tatsächlich angenehm. Es war kühler als unten in der Stadt, etwas windig und der Rifakan fast eingeschlafen. Eben das begeisterte unsere Kleine total, denn sah man in den Krater hinab, war das wie ein fast erloschenes Holzfeuer; eine schwarze Fläche mit hier und da aufglimmenden roten Punkten, nur gelegentlich mal ein knallroter, gezackter Riß der auch schnell wieder verdunkelte...Elingaria staunte und Danverdia erklärte ganz gut was wir da sahen. “was denn, ein See aus Feuer?” - “Aus Lava. Der kühlt gerade ab weil der Vulkan nichts tut, und hat sich eine dünne Decke aus erkaltetem Gestein gebildet. Die reißt auch mal auf, und nur das sehen wir.”

Mich freute eher daß der Wind von hinten kam und wir deshalb weder Hitze noch Gestank von diesem See mitbekamen. Nach endlosem Staunen  setzten wir uns dann am Außenhang hin, mit Felsen im Rücken und dem Meer unter uns, Richtung Westen. Ganz weit weg blinkten schwache Lichter, eine ganze Kette davon. Elingaria sah lange hin “Südamerika?” - “Genau. Wenn deine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, wirst du auch das Land sehen.” - “Ich seh’s ja schon. Ganz schön weit weg.” - “Zehn Minuten mit dem Gleiter.” - “Fahren wir hin?” - “Heute nicht, und wenn schon, dann am Tag.” - “Schade. Huch! was war das?”

Ein großer Schatten hatte kurz den Momd verdunkelt und war über uns hinweg gehuscht, lautlos, pfeilschnell. “Ein Vogel, Kind. Danverdia? Was für einer?” - “Ein Adler, schätze ich. Es hat einige hier oben.” Wieder etwas das unter dem Meer nicht zu finden ist, Elingaria war fasziniert und suchte den Himmel nach weiteren Adlern ab - mit Erfolg. Drei der großen Vögel kreisten sehr hoch über dem Gipfel, manchmal kam einer herunter und sauste unheimlich geschickt zwischen den Lavasäulen durch...”Nester hier oben am Krater???” - “Ja, wo denn sonst. Hier sind Felsen, und die sind warm ... gut zum brüten, und beste Fernsicht. Weiter unten ist ja alles bewaldet.”  - “Und wenn’s mal rumpelt?” Danverdia lachte. “Dann hocken die Biester auch schon mal auf den Hafentürmen.”

Das war etwas für unser Kind, Elingaria ließ sich von den Adlern erzählen und Danverdia genoß das sichtlich während Alida und ich einfach nur den lauen, angenehmen Abend genossen. Und wir waren gar nicht die Einzigen hier oben...

“Hast du die Wächter gesehen?” fragte Alida leise, ich nickte “was die wohl nachts hier oben machen?” - “Keine Ahnung. Ich geh’ mal fragen.” Ich ging mit, Elingaria war ja beschäftigt, also besuchten wir drei Wächter die sich oben auf einer Lavasäule hingehockt hatten und Feldstecher benutzten. Alida fragte, einer setzte sein Glas ab und stieg herunter. “Hey, ihr...von Rifé seid ihr nicht, was?” - “Nein, aus Conartis.” - “Glückliches Unterseeland! Ja, wir passen auf etwas auf das ihr wohl nur aus Büchern kennt - Piraten.” - “Seeräuber? Hier in Rifé?” - “Nein, nicht hier. An der Küste da drüben. Aber manchmal interessieren die sich auch für unseren kleinen Hafen. Wir haben schon öfter eingreifen müssen, die kommen nicht zur Insel, aber sie überfallen Schiffe die hier durchkommen. Argentinien tut ja nichts dagegen.” - “Was denn, und ihr drei könnt was dagegen tun?” - “Wir nicht, wir überwachen nur den Verkehr und geben Bescheid wenn die unterwegs sind - heute ist es ruhig.” - “Und, wenn? Was dann?” - “Dann zischt einer von uns zum Hafen ‘runter und von da aus starten dann ein paar Gleiter. Ist manchmal gar nicht so einfach, wir sind ja schneller, aber die haben Maschinengewehre. Nicht ungefährlich.” - “Wie oft kommt sowas vor?” - “manchmal ein, zweimal pro Woche, dann wieder monatelang gar nicht. Ist nicht vorhersehbar.” - “Und wo kommen die her? Argentinien?” - “Nicht vom Festland, aber die Inseln vor der Küste sind argentinisch, ja.”

Alida schnaufte und sagte nichts, was sie dachte war mir klar (“die sollte man ausräuchern”) - also sagte ich das.  “Haben wir auch schon gemacht” sagte der Mann “aber irgendwie wächst das Unkraut nach. Es ist argentinisches Gebiet, auch wenn die Gauchos sich nicht drum kümmern. Wir können nicht einfach da hingehen und Polizei spielen, aber wenn wir Boote gejagt haben, sind wir schon mal in deren Häfen gewesen und haben die etwas aufgemischt - aber jetzt wo wir offiziell Avalonia zugehören, geht das auch nicht mehr.” - “Was denn, ein Verbot vom Rat?” - “Das nicht, ein haltet euch zurück von Andira. Es ist noch nicht raus was vom Rat kommt, der weiß noch nicht allzu lange von unseren Sorgen.” - “Kommen denn keine Wächter von unten um euch zu helfen?” - “Bisher nicht. Wir hoffen darauf.” - “Und die Küstenwache da drüben?” Er schüttelte sich lachend “ja, wörtlich genommen - Küstenwache. Die passen auf die Küste auf, daß die nicht geklaut wird. Was hinter ihnen auf dem Meer passiert, kümmert die überhaupt nicht. Wenn die mal kontrollieren, dann große Schiffe - nicht Schnellboote, Jachten oder gar Schlauchboote.Aber damit sind die Banditen unterwegs.” - “Machen die euch Schwierigkeiten?” - “Nein, auch nicht. Wir sind denen auch zu klein, denke ich. Oder sie sind ganz froh wenn wir ihre Arbeit tun.”

Ich hätte ihn ja gern noch mehr gefragt, aber er wurde von seinen Kollegen gerufen und stieg wieder auf den Felsen. Wir gingen also zurück und fanden Elingaria in Danverdias Armen, tief schlafend. Sie wachte auch nicht auf als wir zum Gleiter gingen und zurück fuhren, auch nicht, als wir sie ins Bett legten. Ihr Gesicht lächelte, sie war ganz ruhig. Dieser Abend war wohl ganz nach ihrem Geschmack gewesen, und die Piraten hätten ihr sicher auch gefallen. Was uns anging, wir sprachen noch etwas mit Danverdia und hörten einige Räuberpistolen über Piratenüberfälle, teilweise dicht vor der Riféner Hafeneinfahrt. Aber auch, daß etwa zehn dieser Gauner in der Hafenfestung ihre Strafe absaßen. Bis zu zehn Jahren hatten sie sich eingefangen, und damit waren sie noch billig weg gekommen. In Atlantis hätten sie für Mord ganz was anderes abgekriegt....

Wir gingen erstmal schlafen, aber das wollten wir dann bald mit Andira besprechen.

Elingaria ging gleich nach dem Frühstück zu Danverdia hinüber, die zwei hatten sich angefreundet. Wir also zu Andira, die gleich mal aufstöhnte als sie hörte um was es uns ging. “Ich hätte denen auch gern Lebenslänglich aufgebrummt, aber unser alter Richter ist sowas von milde...der glaubt noch, die würden sich bessern” schimpfte sie und begriff erst allmählich, darum ging es uns gar nicht. “Aber Andira, man müßte schlicht verhindern daß es überhaupt zum Mord kommen kann” meinte meine Frau und Andira stimmte erfreut zu. “sagt das eurer Chefin, die zögert noch etwas zu unternehmen.” - “Und was wäre dazu nötig?” - “Eine argentinische Küstenwache, die ihre Arbeit macht!” - “Ja gut, die tut das aber wohl nicht. Was würdest du denn brauchen, um etwas zu erreichen?” - “Grünes Licht. Alles was wir sonst brauchen, ist vorhanden.” - “Ja Moment mal, ich war doch dabei als ihr euch geeinigt habt.  Wieso braucht du den Rat oder Rathurnida um die Wächter in Gang zu setzen? Es sind Wächter von Rifé. Und die unterstehen doch dir, oder mißverstehe ich da etwas?” Andira stutzte. “Ihr meint, die pfeifen mich nicht zurück wenn ich sage, los Männer, schnappt euch die Lumpen?” Wir nickten. “Ich meine, die werden dir noch weitere Wächter schicken, aber das kann dauern, oder die werden im neuen Hafen stationiert, das weiß ich nicht. Im Augenblick bist du wohl dran.”

Andira schmunzelte. “Das höre ich nur zu gern. Ich war vorsichtig, aber ungern. na, dann machen wir halt einen Versuch...” sie ging auf den Balkon “Hey, Pedro...sag den Männern, heute Nacht funkt’s - ja? Die sollen mal noch ‘ne Runde pennen, kann eine lange Nacht werden. Ach ja, und schafft das alte Kanonen-Monster auf den Rifakan. Das wird ein Spaß...” Sie kam zurück und rieb sich die Hände. Und wir fragten was für ein Monster das wohl wäre.

“Was wohl - eine Mélankanone, was sonst. Die einzige hier die noch funktioniert. ha, das wird echt saftig...wißt ihr wie so ein Ding abgeht?” - “Nur theoretisch .” Sie lachte. “Es knallt leise, und Sekunden später macht es platsch bei einem Schiff auf das wir gezielt haben. Dann erhebt sich ein Berg aus dem Meer und explodiert, und wenn das nahe bei einem Schiff passiert, kentert es und ist weg. Mit etwas mehr Abstand geht es nicht unter, ist aber krumm wie eine Banane und nicht mehr seetüchtig. Oder es hat ein Piratenschlauchboot auf dem Oberdeck, mit Piraten drauf die tagelang nur noch ein Pfeifen hören können ..”  Sie fand das offenbar recht lustig, wir fragten uns eher ob Wildwest auf dem Atlantik irgendwas bringen könnte. “Meinst du nicht, etliche Gleiter und die üblichen Stäbe reichen auch aus?” fragte ich sie und Andira nickte. “Natürlich. Aber wenn wir das alte Ding einmal loslassen, steigert das den Respekt. Außerdem, wir haben ohnehin nur Mélan für zwei Schuß hier.”

Na, gut. Ihre Einladung für eine weitere Nacht auf dem Vulkan nahmen wir gern an, und sagten dann auch gleich Danverdia Bescheid - ja, auch sie wollte dabei sein. Und Elingaria ohnehin. Es ging dann auch gleich bei Sonnenuntergang los, rauf auf den Berg, und siehe da, es war ganz schön voll. An die hundert Menschen standen da herum, nicht wenige mit Ferrngläsern, und auf einem Holzpodest die matt glänzende, uralte Mélankanone die vor langer Zeit einmal Teil einer Batterie am Hafen gewesen war, die es längst nicht mehr gab. Ich fragte gleich mal nach wie weit denn das Ding schießen könnte und erfuhr, notfalls könnte man eine Hütte an der Festlandküste in die Luft blasen “kommt nur drauf an daß du gut zielen kannst. Norman” sagte der Wächter an der Kanone “du mußt ja nicht genau treffen. Das gibt eine solche Druckwelle daß du damit Wälder abholzen kannst. Kommt drauf an wieviel Mélan du einfüllst - naja, wir haben ja nicht viel. Eher nur ein paar Kilometer.” Wie beruhigend. Ich sah schon Piratenboot und angegriffenes Schiff gleichzeitig sinken, dabei war die See wie leer gefegt und es sah gar nicht so aus als könnte sich etwas abspielen. Ich fragte den Mann, warum so ein Aufwand wo doch gar nichts los ist?

“Wird schon” sagte der “ein Frachter aus Südafrika wird noch erwartet. Und was von dort kommt, das greifen sie gern an. Wenn nicht, freuen wir uns über die warme Nacht.”

eine eher heiße Nacht

“Der Frachter” kam es leise vom Felsen herunter, und kurz danach klang ein Schiffshorn von unten herauf; man sah kaum etwas. Ein paar kleine Lichter, ein Schatten, noch gut zehn Kilometer von Rifé entfernt, schätzte ich und gerade als sich unten am Hafen mehrere Gleiter erhoben, begann der Boden zu zittern . Ich zog Danverdia am Arm “mischt sich jetzt der Rifakan ein?” sie lächelte. “Ach was, der dreht sich im Schlaf auf die andere Seite. Wenn der echt was vorhat, fühlt sich das ganz anders an. Da müßten wir uns festhalten, und uns würden nur so die Kiesel um die Ohren fliegen. Dann wäre es allerdings nichts mit Mélankanone von hier oben aus.” Naja...es zitterte weiter und im Kratersee kamen glühende Fontänen hoch, es fauchte und roch nicht gut - und dann schlief er wieder ein, der faule alte Vulkan. Elingaria fand das großartig, es sah ja auch wirklich magisch aus. Aber bald war der Kratersee wieder schwarz wie die Nacht und der Boden wieder ruhig.

Auf dem Meer dagegen wurde es hektisch. Der Frachter fuhr in den silbrigen Streifen den der Mond dort zeichnete, wurde gut sichbar. Drei kleine Boote, eines davon etwas größer, ebenfalls - das waren wohl die Piraten, hätte ich nur mein Fernglas mitgenommen. Kleine Leuchtpunkte, die Kristalle der Gleiter, hielten ebenfalls darauf zu, wesentlich schneller und der Mann an der Mélankanone fluchte “die fahren mir ins Schußfeld, ich kann gar nichts machen, Mistkram...” - mir war das ganz recht. Dann ging es zu schnell um alles verfolgen zu können; ein Gleiter landete auf dem Schiff, von den anderen aus fuhren grelle Blitze in die angreifenden Boote. Wir hörten Maschinengewehrfeuer. Eines drehte ab, eines krachte voll gegen die Backbordwand des Frachters, das dritte drehte nur noch Kreise und das war es fast schon. Was dann geschah verlief wieder im Dunkel, der Frachter hatte den Mondschimmer verlassen und lief in den Hafen ein, mehr war nicht zu sehen.

Neben mir brummte der Kanonenmann erfreut “den dritten hole ich mir. Wieso lassen die den nur abhauen?” er schwenkte das alte Monster und rief dann den Schaulustigen zu, sie sollten mal vor seiner Kanone verschwinden “irgendwer lebensmüde? Macht mal Platz, Leute.” und schon gab die alte Kanone ein schwaches “buff” von sich. Sekunden später entstand vor der fliehenden Jacht ein Wasserberg, der dann mit enormem Krach explodierte, das Jachtchen war länger nicht zu sehen. Als es wieder auftauchte, fuhr es nicht mehr sondern wurde vom aufgewühlten Wasser heftig hin- und her geworfen. Und immer noch hielt kein Gleiter auf das Schiffchen zu. “Diese Schlafmützen” hörte ich von über mir, dann kamen die Beobachter herunter, sprangen in einen Gleiter und steuerten die Jacht an.

Das war es, mehr war vom Gipfel aus nicht zu erkennen, die Menschenmenge verlief sich und auch wir machten uns auf den Rückweg. Elingaria war hell begeistert, das war wohl besser als Kino gewesen.  Diesesmal erreichte sie ihr Bett noch wach, schlief aber schnell ein. Wir saßen noch etwas mit Danverdia zusammen, und gingen auch bald schlafen.

Am Tag danach

Morgens war es laut in den Straßen. Auf dem Marktplatz tagte das Gericht, öffentlich, und in sämtlichen Gassen drumherum wurde ebenfalls Recht gesprochen, grüppchenweise wurde diskutiert - man konnte sich je nach Geschmack härtere oder mildere Meinungen aussuchen. Richter Alvator hatte es mit vierzehn Mann zu tun, drei davon leicht verletzt, viere (von der Jacht) derart unter Schock daß sie nichts zur Rechtsfindung beitragen konnten. Das war aber auch gar nicht nötig, es gab ja mehr Zeugen als der Marktplatz fassen konnte. Heiler hatten am frühen Morgen Schwerstarbeit geleistet und die zehn Mann die von den Stäben der Wächter in den Tiefschlaf versetzt waren, wieder aufgeweckt und wo nötig, verarztet. Die gaben nun dutzende von Ausreden an, von denen Richter Alvator nur eine zuließ: bittere Armut. Er ließ es zu daß einige der Angeklagten mit den argentinischen Behörden telefonierten, was ihnen aber gar nichts half; Argentinien stellte sich taub und weigerte sich auch nur Anwälte zu schicken.

Avalonische Prozesse kennen auch gar keine Anwälte; aber Alvator hätte sie zugelassen, wären welche gekommen. So standen denn die Piraten etwas hilflos gegen eine Flut von Zeugen und gestanden schließlich so viele Überfälle daß Alvator das abbrach “Leute, ihr müßt euch auch nicht tiefer ‘reinreiten als ihr schon drin steckt. Mir genügt es daß ihr den Überfall von letzter Nacht zugegeben habt. Ich will nur noch eines wissen: wenn wir euch ins Gefängnis stecken, was heißt das für eure Familien?” Unnötige Frage, meinte Alida - Hunger. Genau so antworteten die Piraten dann auch, und nach kurzer Beratung mit seinen Beisitzern verkündete Alvator das Urteil.

“Ihr werdet alle zusammen für zwölf Jahre ins Gefängnis gehen, hier am Hafen, und nach fünf Jahren auch im Hafen arbeiten. Ich rate euch dringend im Hafen anständige Berufe zu lernen, denn sollten wir euch erneut der Piraterie überführen, muß ich leider lebenslänglich verhängen, und falls ihr jemanden töten solltet, auch die Todesstrafe. Tut mir das nicht an, mir nicht, euren Familien nicht. Damit ihr seht daß wir euch dennoch nicht als Feinde betrachten, werden wir euren Familien anbieten hier zu leben und sich anständig zu ernähren - das gilt auch für euch, nach Ablauf der zwölf Jahre. Eure Boote werden vernichtet , mit allem was darauf ist, Waffen und Beute, sofen wir nicht wissen wem die gehört. Falls ihr das erwartet, gute Führung bewirkt keine frühere Entlassung, aber vielleicht eine richtige Berufsausbildung. Geht mit den Wächtern und fragt euch, wie in aller Welt ihr so absinken konntet.”

Damit war der Prozeß beendet und in den Straßen wurde nun das Urteil diskutiert - nicht weniger hitzig als zuvor die Tat. Für mich war das noch nicht alles; während Danverdia, Alida und Elingaria einen Stadtbummel machten, besuchte ich Andira und wollte wissen was denn nun geschehen würde “die paar Mann sind ja nicht alles. Wollt ihr immer wieder solche Polizeiaktionen machen oder was wird geschehen?” - “Wir werden schon versuchen vorzubeugen, geht ja nicht anders, nach diesem schlitzohrigen Urteil. Nun müssen also die Wächter diese Piratendörfer besuchen und sich um die Familien kümmern; das wird nicht konfliktlos möglich sein. Ich weiß auch noch nicht...wir können ja schlecht auf argentinischem Boden Sozialpolitik machen. Der Alvator ist ein gerissener Hund...ich denke, ich fahre mal ‘runter zu Rathurnida und versuche mit ihr etwas auszuhecken. Vielleicht kann ja der Palast versuchen mit der argentinischen Regierung zusammen etwas zu erreichen, ich weiß noch nicht. Mit allem hätte ich gerechnet, aber damit nicht.”

Ja, ich hätte auch ein weniger freundliches Urteil erwartet. Immerhin war es pures Glück gewesen daß die Piraten keinen Wächter getötet hatten, mit ihren Maschinengewehren. Ich bummelte zu unserem Feriendomizil und legte mich etwas aufs Ohr denn ich war allein. Alida, unsere Kleine und Danverdia waren wohl noch im Ort unterwegs.

Lange konnte ich nicht schlafen. Alida war ganz leise hereingekommen, aber dann, etwas später, kam Elingaria und die war wütend. “Mama, die Danverdia hat die griechische Krankheit! Die lebt mit einer Frau zusammen, das ist doch verboten! Das müßt ihr der Rathurnida sagen.” Ich raffte mich hoch, während Alida lachte. “Kind, das ist zwar verboten, aber ein Verbot hilft wenig gegen Krankheiten, verstehst du?” - “Aber es ist doch verboten!” Alida sah mich hilflos an und ich versuchte Elingaria den Rifé-Komproniß zu erklären der es Danverdia durchaus ermöglichte mit einer Frau zusammen zu leben. “Das ist aber doof. Was nützt dann das Verbot, wenn die Leute einfach hierher gehen können? Tun das viele?” - “Keine Ahnung, aber so sehr viele werden es nicht sein. So häufig ist das auch nicht.” - “Dann sollen sie eben zum Arzt gehen. Krankheiten kann man ja heilen.” - “Ach, Elingaria...schön wärs. Leider gibt es keine Medizin dagegen.” - “Was, nicht? Ja sind denn die Ärzte auch doof?”

Nun lachten wir beide während Elingaria gar nicht mehr durchblickte. Was sollten wir auch sagen, als nicht-Riféner - wie die Bevölkerung hier zusammengesetzt war, und wie groß, das wußten wir doch gar nicht. “Das solltest du mit Danverdia besprechen, Schatz” sagte Alida schließlich “kann sein daß sie dir mehr sagen kann. Außerdem würde ich mehr darauf achten daß sie doch wirklich nett ist, ihr euch gut leiden könnt und viel miteinander unternehmt. Das finde ich wichtiger.” - “Und wenn sie mich ansteckt?!” - “keine Sorge, das ist nicht ansteckend. Geh ‘rüber und red’ mit ihr, ja?” Elingaria ging , aber ihr Gesicht war bewölkt...

Minuten später kam sie mit Danverdia zurück, und die war nun etwas verlegen. “Tut mir leid daß ihr das so erfahren habt, aber ihr seid von unten, da gilt das Verbot, und ich wollte nicht...” Alida schnitt das mit einer Handbewegung ab. “Vergiß es, ja?  Wir machen hier Urlaub und werden uns ganz sicher nicht in Riféner Interna einmischen. Du hast uns deine Freundin vorenthalten und das war nicht nötig, aber jetzt versuch mal unserer Kleinen klar zu machen daß ihr ganz normale Leute seid.” Danverdia lächelte und erzählte Elingaria einiges aus dem Ortsleben und über Freunde und Freundinnen, aber das half wenig. “Und es ist doch verboten!” bestand sie darauf “die Ärzte sind blöd wenn sie euch nicht helfen können. Du solltest mit ihnen schimpfen.”

Nun lachten wir alle, und endlich, auch unser Kind. “ja, ist ja gut, ihr wißt natürlich wieder mehr als ich. Aber, wenn ich groß bin...” Danverdia schüttelte sich. “Klar, dann versohlst du den Ärzten den Hintern.” - “Mindestens!” sagte Elingaria und das Thema war nun weniger kritisch. “Mama, du hast doch sowas aufgeschrieben von dieser Elever...?” - “Elévra. Königin Elévra. Ja und?” - “Das stand doch was drin von wegen daß man griechisch krank wird, wenn man zu schnell groß wird?” - “Nein, so nicht. Sie war der Ansicht, das würde passieren wenn man eben noch nicht groß ist, und doch schon die Pflichten von Erwachsenen auferlegt bekommt.” - “Ja - und? Ist das so?” Alida breitete die Arme aus “wer weiß? Damals mußten Kinder noch arbeiten, das hat Elévra abgeschafft. Griechisch Kranke gibt es aber immer noch. Ist wohl nicht ganz so einfach.” - “ach, schade.”

Danverdia zog die Augenbrauen hoch. “Elévra hat das gesagt? Wußte ich gar nicht.” - “Doch, sicher. Sie ist damals durchs Land gereist und hat überall kontrolliert daß man die Kinder in die Schulen, nicht zum arbeiten geschickt hat. Heute würde man dann statistisch kontrollieren, ob das etwas bewirkt hat - damals leider nicht.” - “Soso...dann ist die Rengardia Geraband vielleicht doch nicht verrückt.” - “Wer ist denn das?” - “Unsere Heilerin im Fischerviertel. Die arbeitet an einer Theorie, da geht es genau darum.” - “Ach...ja und was tut sie so?” - “Da bin ich überfragt. Als Heilerin ist sie phantastisch, aber was diese Theorie angeht, gilt sie als etwas spinnert. Die fragt dir Löcher in den Bauch, sage ich dir. Ob sie was erreicht hat, weiß ich leider nicht.” - “Wo finde ich sie denn?” - “Ach, du willst dich auch ausfragen lassen? Nur zu. Haifischgasse 12, wenn du hier direkt runter gehst, die fünfte Gasse rechts. Am besten abends, tagsüber hat sie die Praxis offen.” - “Danke, aber für heute habe ich genug. Morgen, vielleicht.“

Ja, es war schon spät und nach dem verspäteten Abendessen und zwei Nächten auf dem Rifakan machten wir einmal früh Schluß.

Elévra’s Erbin

Elingaria war wieder gut mit Danverdia und mit ihr und Freundin Nerandia ans Meer gegangen, schwimmen. Wir verbummelten den halben Tag und gingen dann abends den Hang ‘runter, Bergstrasse, Makrelengasse, Walfischgasse, Mantastrasse, Haifischgasse. Eng und sehr voll, kleine Häuser und Handwerkerbuden, und vor der Nr.12 eine schon ältere Frau beim Rosenschneiden. “Wir suchen Frau Dr. Geraband?” fragte ich und sie legte die Schere weg “die habt ihr gefunden. Die Praxis öffnet morgen um neun.” - “Wir sind nicht krank. Es geht um die griechische Krankheit; Danverdia hat uns gesagt, du arbeitest daran?” - “Danverdia, so. Hat sie mich sehr schlecht gemacht?” sie grinste breit und ich versicherte ihr, gar nicht. “Na, höflich bist du ja. Kommt mal ‘rein.”

Drinnen gab es starken Kaffee und einen Joint, dann erneut die Frage, worum es denn ginge. “Unsere Tochter will dir den Arsch versohlen, wenn du diese Krankheit nicht heilen kannst” gluckste Alida los und hustete dann. Rengardia feixte. “Kann ja sein daß ich drum herum komme, ich weiß es noch nicht. ja, also, Spaß laß nach: ich mache eine Langzeitstudie. Vielleicht wißt ihr, daß Elévra...” - “Ist klar.” - “Ach, ihr wißt? Dann kann ich mir die Vorrede schenken. Das ist die Frage mit der abgebrochenen Pubertät, wißt ihr? Wenn in dieser Zeit die Entwicklung gestört wird, kann das dabei herauskommen - kann, muß nicht. Hier auf Rifé habe ich ja sozusagen den idealen Platz dafür. Griechische Paare hat’s genug, aber es fehlt ein wenig an normalen Leuten. Seid ihr normal?” Alida kriegte sich kaum noch ein vor Lachen, also versuchte ich das zu erklären “ich bin wohl so normal wie ein Plattfisch, Alida meistens auch, manchmal nicht.” Rengardia schmunzelte...so, Alida meistens...sag mal, Alida, wann hast du einen Beruf angefangen?” - “Mit siebzehn.” - “Zu früh, Mädel. Viel zu früh.” - “Ach..hahahaha...deshalb meistens?” - “Hättest du mit vierzehn angefangen, wärst du jetzt Bürgerin von Rifé. Also, das ist meine Theorie - noch nicht bewiesen. Und du, Norman?” - “Ich war zwanzig.” - “Gut, sehr gut - deshalb der Plattfisch. Paßt in mein Schema. Ich müßte nur öfter den Arsch hochkriegen und zu euch ‘runter kommen, normale Paare ausfragen. Hier habe ich vor fünfzehn Jahren eine Kontrollgruppe gebildet, mit Eltern die dafür sorgen daß keines ihrer Kinder allzufrüh aufhört, Kind zu sein. Zwanzig Kinder, dem Schnitt nach müßten zwei, drei davon “griechisch” werden und ich hoffe, es wird keines dabei sein. Aber ein Beweis wäre das leider auch noch nicht.”

“Danverdia sagte, du fragst wie ein Weltmeister. Und? Was dabei herausgekommen?” - “Schon, von unseren “Griechen” sagen über sechzig Prozent, sie haben sehr früh gearbeitet und fast alle vom Rest mußten schon früh Pflichten daheim übernehmen, Gartenarbeit, Opa pflegen und solche Sachen. Ich habe aber noch zuwenige normale Paare befragt - bisher sieht es so aus als wären unter denen etwa zwanzig Prozent zu früh erwachsen geworden. Sieht gut aus , aber ich frage mich, falls ich das beweisen kann, wie man das ändern soll. Ist ja Sache der Familien.” - “Erst mal beweisen, dann weiter sehen” meinte Alida, wieder ernst. “Wie sieht’s denn in der Kontrollgruppe aus?” - “Bisher gut. Die können alle kein griechisch” lachte Rengardia “aber es ist noch zu früh um etwas sagen zu können. Mit fünfzehn ist man noch nicht fertig.” - “ja, und heilen ist nochmal ein ganz anderes Ding.” - “Allerdings. Aber ein paar annähernde Heilungen sind mir schon gelungen.” - “Was denn, an Erwachsenen?” Sie nickte. “das kommt darauf an wie tief verschüttet das ehemalige Kind heute ist, wißt ihr? Es gibt Erwachsene, die können spielen wie die zehnjährigen, und Andere, die können das gar nicht mehr. Ich habe eine Gruppe aufgemacht mit zehn spiel-willigen, und davon haben sich nach etwa einem Jahr sechse verliebt - nicht griechisch. Vier davon haben sich inzwischen auch schon versprochen.” - “Wird das dauerhaft sein?” - “Wird der Rifakan morgen furzen? Woher soll ich das wissen. Soweit ich weiß bin ich die Einzige die daran forscht. Und fast alle halten mich für nicht ganz sauber.”

Sie lächelte, allzusehr störte sie das wohl nicht. Dann, nach einer Pause, kam es fast trotzig “Alles was Elévra gelehrt hat, ist hundertprozentig wahr. Man muß nur dahinter kommen, wie es gemeint war.” Wir stimmten ihr zu. “Du läßt also deine Patienten spielen wie die Kinder?” - “ja, den ganzen Tag lang. Bis sie todmüde sind.  Das tut monatelang fast nichts, ich dachte schon, das war ein Irrtum. Dann, so nach einem halben Jahr, fangen die an irrsinnige Gedankenspiele zu veranstalten, wie die Jugendlichen. Und irgendwann, ganz plötzlich und zum größten Erstaunen der Patienten selbst, flirtet Grieche mit Griechin und wundert sich maßlos.” - “das hast du nur einmal gemacht?” - “Die zweite Gruppe startet in vier Wochen. Ist nicht ganz leicht, als bescheuerte Ärztin, Teilnehmer zu finden.” - “Weiß Rathurnida etwas von deiner Arbeit?” - “Eure Königin? Ach, ja..unsere Königin. Ist noch so neu...nein, von mir jedenfalls nicht. Würde sie das wissen wollen?” - “Aber ganz sicher. Sie ist die beste Heilerin die ich kenne.” - “Was denn, echt??? Dann muß ich wirklich mal ‘runter fahren. Andira sagte schon, die ist richtig lieb. Kann ich mir gar nicht vorstellen, als Königin lieb sein zu können, so ein Scheiß - Streß -Job.” - “Ach weißt du, wenn man den so macht wie sie, wie die nette Nachbarin, dann geht das schon.” - “Ist gut, ich werd’s versuchen. Hey, und du, Alida? Spielst du manchmal?” - “Neuerdings wieder, mit meiner Tochter.” - “Und? Änderungen im Gefühlsleben bemerkt?” Alida schluckte und sah mich an “Mensch Norman, ja...du weißt es ja. Da hat schon etwas nachgelassen. Keine Ahnung ob das zusammenhängt.”- “Siehst du?” Rengardia strahlte. “Laß sie spielen solange sie will, und mach mit. Und erzähl mir irgendwann ob es so bleibt, ja?” Alida grinste “ich weiß nicht ob ich sooo viel spielen will, wenn das solche Wirkungen hat?” Rengardia feixte, und das brachte ihr die Gegenfrage Alidas ein “wie kommt man denn darauf, hier, wo das doch akzeptiert ist, dieses Thema zu untersuchen?” Die Heilerin feixte weiter. “Ich mußte mit dreizehn im Geschäft mitarbeiten.” - “A-ha. Und heute hast du dir sicher ein Spielzimmer eingerichtet?” - “Ja sicher, für die Gruppen - und natürlich spiele ich mit. Also, weißt du Alida, ich sehe das ja an der nicht perfekten Heilungsquote. Sicher wird noch mehr dazugehören als spielen. Ich hoffe das noch herauszufinden.” - “Geh doch in die Schule.” - “Huahahaha....”

Aus dem Fachgespräch Heilerin zu Heilerin wurde Geplauder. Nach etlichen Tassen schwärzesten Kaffees und noch einem Joint verabschiedeten wir uns, nicht ohne Rengardia zu uns nach Conartis einzuladen “bleib’ ein paar Tage und frag’ alle Nachbarn aus, ja?” hatte Alida gesagt und das hatte Rengardia auch zugesagt.

Wir beide diskutierten noch bis vor die Haustür, ob es nun sinnvoll wäre sich nun ganz “gesund zu spielen” oder ein Restchen griechisch überleben zu lassen, aber das war geflachst. Alida war sehr beeindruckt von der “Erbin Elévras” wie sie sagte, meinte aber auch, es wäre  ja bekannt daß Elévra selbst auch nicht so ganz ungriechisch gewesen wäre. “Wir wissen aber nicht genau was das heißt. Ich habe nie gehört daß sie mit Frauen geschlafen hätte, aber oft daß sie sehr verschmust war. Das ist alles etwas unklar, was ist normal, wo hört das auf, am Ende hat sie nur dieses intensive Küssen zur Begrüßung eingeführt und die Leute haben den Rest dazu gedichtet.” - “Dichterische Freiheit” grinste ich “und was du für normal hältst, und was Herr XY dafür hält, muß ja nicht völlig übereinstimmen.” - “Stimmt auch wieder.”

Elingaria berichtete dann begeistert von ihrem Ausflug ans Meer, das Kind war längst über das Thema hinweg und Danverdia für sie einfach eine Freundin. Wir dagegen wälzten das Thema noch bis in die Nacht....

Südamerika

Wir machten der Kleinen dann die Freude und zischten hinüber nach Rio, ihr Südamerika zeigen. Als die Silhouette der Großstadt auftauchte, war Elingaria auch total begeistert; aber dann, im Lärm und Verkehr der Innenstadt, war das schnell vorbei. “Pfui, das stinkt ja hier” sagte sie immer wieder und war erst wieder zufrieden als wir den Strand ansteuerten. Und, schlau wie sie ist kam sie schnell selbst darauf daß sie Strand und Meer ja direkt vor der Haustür haben konnte. “Ist das überall so laut und stinkig wie hier?” wollte sie wissen und bekam eine Erklärung über Städte bei uns und Städte oben, Energie usw.. .was sie eher langweilig fand. “Gleiter sind besser als Autos” lautete ihre Kurzfassung davon, und wer hätte ihr da widersprochen. Also tourten wir ein wenig über Land, aber sie war es bald leid. Na klar, Wälder, Berge und Flüsse haben wir ja auch, nur alles eine Nummer kleiner. Nur mit großen Wasserfällen konnten wir noch punkten, dann sah es nach Heimreise aus.

Aber nun hatte Alida noch einen Wunsch, der eine etwas weitere Tour verlangte: sie wollte Malcolms verlassenes Minidorf sehen. Für mich eine verzwickte Aufgabe, da ich ja gar nicht genau wußte wo exakt das lag, denn Malcolm hatte mich ja dirigiert auf dem Weg nach Adarnia, und hingekommen war ich zufällig, ohne mir etwa die Position zu notieren. Es blieb mir nichts anderes übrig als immer über der Küste zu fliegen und in den Wald unter uns zu starren - als wenn es nur einen einzigen kleinen Fluß dort gäbe.  Als ich endlich die Hütten sah, war Elingaria eingeschlafen.

Wir landeten bei den Bootsstegen und ich fragte mich schon wie dumm das eigentlich war, denn es wurde spät und hier konnten wir wohl kaum übernachten . Alida inspizierte dann die Hütten von außen und lachte immer wieder “kannst du mir erklären warum der Kerl so lange gezögert hat sich bei uns niederzulassen?” Nein, konnte ich nicht. Ich kam auch nicht weiter, eine der altersschwachen Türen ging knarrend auf und Christobal stand vor uns. “Senor Mallecomme nicht da?” fragte er ohne Begrüßung “Nein, der kommt wohl auch nicht zurück. Jetzt wohnst du hier?” - “No, nicht wohnen, nur ...wie sagen.. .pause machen. Arbeit auf Fluß, macht müde. Mallecomme in Ordnung?” - “Dem geht’s gut. hat jetzt eine Frau und ein Haus.” Christobal grinste so breit wie ein Gaul. “Richtige Haus? Oder wieder Bude Bretter?” - “Nein, Steinhaus, richtig schön.” - “Aaah...gute Frau.” Alida grinste, ich grinste, wir verstanden uns. “Eure Chica?” er zeigte auf die verschlafene Elingaria die sich gerade wieder rührte, wir nickten. “Nurre eine Chica? Nix genug. “ er machte eine Treppenbewegung mit der rechten Hand “drei Chicos, zwei Chicas, ich und meine Frau. Zuviel arbeiten, zuwenig Amor, nix gut.” Alida lachte und erklärte ihm, die anderen Chicos und die Chica wären schon groß. “Ah, du schon im Kindergarten Chicos gemacht? Früh anfangen, gutt...” Wir sparten uns die Erklärung daß er Alida für viel jünger hielt als sie ist...

Es paßte. Christobal und Alida fingen an zu schwadronieren daß Elingaria nur noch staunte. “Pappaaa...? Ist das ein Indianer?” - “So ungefähr.” - “der ist aber auch nicht rot.” - “Er hat sich nicht angemalt. Rot waren die nur wenn es Krieg gab, das war schlicht Farbe.” - “dann soll er auch braun bleiben. Was machen wir hier?” - “Hier hat früher der Malcolm gewohnt.” - “Was, hier? Der spinnt ja.” - “Kommt vor.” - “Bleibt der jetzt bei uns?” - “Ganz sicher.” - “Papa, ich hab’ Hunger.”

Ihr konnte geholfen werden. Als Alida und Christobal genug geschwatzt hatten, ging er zum Boot und holte Fische aus der Kühlbox, machte Feuer, wir grillten Fische und jetzt war er mit Elingarias Fragen beschäftigt. Es wurde dunkel und laut im Urwald, schließlich bat er uns in die Hütte “nachts machen Jaguar hier herum. Nicht gut draußen sitzen.” Tja, Malcolms altes Bett war ja nun auf der Saskia, aber Christobal hatte Hängematten angebracht und so schliefen wir einmal richtig urwaldmäßig, manchmal aufgeschreckt vom Lärm da draußen, aber sonst ganz gut. Morgens mußte Christobal dann bald aufbrechen, gleich nach dem Frühstück - wieder gegrillter Fisch - stiegen wir auch wieder in den Gleiter und machten uns auf den Rückweg.

Nun war Elingaria mit dem “kleinen Avalonia” zufrieden....

Kaum waren wir angekommen kam Danverdia rüber. “Wo wart ihr denn? Eure Königin ist hier, bei Andira, und ich soll euch sagen, ihr sollt gleich mal zu ihr kommen.” - “Was ist los?” - “Frag nicht mich. Könnte um die Piraten gehen, sie hat Wächter mitgebracht.” - “Ah. Andira war wohl in Atlantis?” - “Zwei Tage war sie unten. Mehr weiß ich aber auch nicht.”

Also zog Elingaria wieder mit Danverdia ab und wir gingen zu Andira. Dort waren wir zunächst überflüssig, denn Rathurnida telefonierte pausenlos was ihr wohl Schwierigkeiten machte, sie fragte immer wieder nach. Dann legte sie auf, schnaufte “das ist ja ein dämlicher Apparat. Man hört die Stimme, aber direkt verstehen geht nicht. Wie kommt ihr nur mit sowas klar, Norman?” - “Es geht irgendwie. Was ist denn los?” - “Ach, wegen der Piraten. Ich habe versucht mit diesem blöden Ding die Sache mit der argentinischen Regierung zu besprechen, aber das geht wohl gar  nicht. Die glauben mir weder daß ich die Königin bin noch wollen sie mit der Sache was zu tun haben.” Andira winkte ab. “Mich kennen sie, und ich konnte auch nichts erreichen. Es ist so: die sagen, das ist Sache der Gouverneure, ein regionales Problem. Wir sollen uns direkt an die Provinz wenden. Wenn du mich fragst, nutzt das auch nichts. Zuständig ist die Vewaltung in Bahia Blanca, und die kenne ich - vergiß es.” - “Und warum?” - “Ein verrückter Standpunkt. Die sagen, die Isla Trinidad, die Isla Bermeo - da kommen sie meistens her - sind ja gar nicht bewohnt, kein Ortsteil von Bahia Blanca, also auch nichts zu veranlassen. Die wissen ganz genau daß es dort kleine elende Siedlungen gibt, aber sie ignorieren das. Wahrscheinlich hat die Stadt kein Geld um zu tun was sie dort tun müßte; Polizeistation, Schule, Fähre einrichten und sich um die Leute kümmern. Und jetzt bist du dran, Rathi.”

Die seufzte. “Ausgerechnet Argentinien. Die sind ohnehin verschnupft weil wir jetzt “ihre Malvinas” haben. Ich kann doch nicht anordnen daß wir dort eingreifen und einen Riesenärger mit den Gauchos provozieren. Ich frage einen Europäer: Norman, was würdet ihr machen?” - “Eine Kommission einsetzen und uns über deren Ergebnisse streiten.” Rathurnida grinste “also auch vor euch herschieben. Herrgott, und was mache ich?” Alida sah in die Runde, keiner sagte ein Wort. “mach es doch so als wäre es ein Problem bei uns. Fahren wir hin und reden mit denen.” - “Mit wem? Dem Gouverneur???” - “Ach was, mit den Piraten.” - “na, ob die mit uns reden wollen???” - “sagen wir mal, wenn genug Wächter dabei sind, was wollen sie schon machen? Die wissen ganz gut mit was sie nicht fertig werden.” - “Überzeugung per Schrotflinte. Was soll das bringen?” - “Ich würde Malcolm dabei haben wollen.” - “Malcolm? Ach so, verstehe...wenn die Gauchos denen nicht helfen, sollen wir das tun?” - “Wäre eine Möglichkeit. Und vielleicht heilt es den argentinischen Schnupfen auch noch.” - “Nicht dumm, Alida. Ja, dann muß ich wohl nochmal dieses dumme Gerät bemühen...”

Zum Glück erforderte das etwas Vorbereitung. An diesem Abend passierte gar nichts mehr, und für drei weitere Tage auch nicht, also konnten wir mit Elingaria schöne Streifzüge an den Hängen des Rifakan machen und auch die wilde Natur an der Ostküste der Insel besuchen, da, wo es keine Häuser gibt und der Vulkan die Küste ständig verändert, durch Lavariffe, Schotterhänge oder Waldbrände. Unser Kind genoß die Brandung an den roten und schwarzen Stränden ausgiebig, sammelte Muscheln und war abends immer total müde. Dann ließ uns Andira erneut rufen.

Externe Beratung

Das kleine, jämmerliche Dorf über der wilden Küste der Isla Trinidad, das keinen Namen hat, lag schon in der Dämmerung. Am Strand lagen etliche Boote hochgezogen, in dem kleinen Hafen lag gar nichts. Nur in wenigen Häusern sah man trübes Licht, denn einen Stromanschluß gibt es hier nicht. Die kleinen Lichtpunkte etlicher Gleiter sieht man ja nur von oben, also blieb die Landung der Wächter unbemerkt. Die blieben auch still, denn sie warteten auf etwas. Leise verteilten sie sich um das Dorf, suchten Deckung in den Schatten des Mondlichts, bis die “Königin von Avalonia” schon fast den Hafen erreicht hatte. Das große Schiff stoppte und gab ein Blinksignal.

Die Wächter hämmerten an die Türen, ihre langen Stäbe im Anschlag. Entsetzte Piraten öffneten, sahen das was sie hier nun wirklich nicht sehen wollten, und erstarrten. “Ganz ruhig bleiben, Leute. Ihr wißt was sonst passiert. Ihr habt königlichen Besuch, kommt bitte zum Hafen und laßt eure Waffen wo sie sind . Ja, auch die Frauen, die Kinder. Keine Angst, euch passiert nichts. Also los...” sagte eine dröhnende Stimme die überall zu hören war. Die Wächter bildeten eine Gasse, durchsuchten alle und warfen Messer, Macheten und Pistolen auf einen Haufen. Dann ging es ab zum Hafen, wo die “Königin von Avalonia” in all ihrer Pracht einlief, Masten und Rahen mit Mélanaden geschmückt, das Schiff also strahlend erleuchtet, wie eine überirdische Erscheinung. Goldene (mélaneiserne) Beschläge glänzten, die Flagge Avalonias wehte, und heraus kam eine Delegation. Rathurnida, ihre Krone stolz tragend, Schreiber , Malcolm und Vahrsonia, wir zwei und weitere Wächter, alle in schneeweißen Umhängen mit goldenen Gürteln...den Piraten kam es vor als hätte der Himmel ihnen eine Schar Engel geschickt...kein Wort war zu hören bis Rathurnida sie ansprach.

“Bürger dieses Ortes. Ich bin Rathurnida, Königin von Avalonia, und zu euch gekommen damit wir zusammen beraten wie wir das machen, daß in Zukunft weder Schiffe die unsere Häfen anlaufen überfallen werden, noch  einige von euch in unseren Gefängnissen landen. Habt ihr einen Bürgermeister, Sprecher , oder Chef? Dann möchte ich ihn kennen lernen.” Es gab nun Gemurmel, und ein rundlicher Mann wurde mehr zu ihr geschoben als daß er selbst gegangen wäre. “ich grüße dich. Wer bist du?” sagte Rathurnida freundlich, der Dicke rang um Worte. “Äh...Frau Königin...Majestät...ich bin Sancho Hernandez, nur ein Kapitän ohne Schiff, und sozusagen an allem schuld was hier passiert.” Rathurnida lachte und umarmte den Mann. “Gut, Sancho...habt ihr ein Rathaus, oder sollen meine Leute Stühle holen?” - “Stühle...” stammelte Sancho “ein Rathaus, das wäre schön...” er versuchte zu lachen, war aber zu sehr neben sich. Die Wächter holten nun Stühle vom Schiff, und die seltsame Runde am Kai bildete sich, umstanden von den Wächtern, Frauen, Kindern, und erleuchtet von der strahlenden “Avalonia”.

“Gut, Kapitän Hernandez. Ich sage es gleich: wir sind nicht gekommen um zu strafen, zu verbieten oder kontrollieren. Wir tun das gar nicht gern. Ich denke zwar, ich weiß warum ihr Schiffe überfallt, aber sag’ es mir, Kapitän. Seid ihr böse Menschen?” - “Oh, Königin...böse weil arm. Sieh dir das Land an auf dem wir leben, Steine, Sand, kaum Süßwasser und es gehört uns auch gar nicht. Wir sind der Abfall des Landes.” - “Aber, Sancho...ihr seid Menschen. Bringt denn die Fischerei nichts ein?” - “Leider nicht mehr.  Wir können uns nur kleine Boote leisten, und da draußen fahren die Fischfabriken. Die fangen uns alles weg und verderben die Preise. Wir tun das nicht gern...” - “ich denke, ihr müßt es auch nicht tun. Ihr fahrt aber noch raus zum Fischfang?” - “Ja, tun wir, aber wie ich gesagt habe, für einen Hungerlohn.” - “Nun, was das angeht, können wir euch sofort helfen. Bringt eure Fänge nach Rifé und tauscht sie gegen was immer ihr braucht. Geld bekommt ihr allerdings nicht bei uns, aber wie wäre es mit Weizen, Gemüse, Kaffee, Obst?” - “das wäre möglich?” - “Wenn ihr ohne Waffen kommt, ja.”

Sancho strahlte auf. Er begriff wohl jetzt erst was der Besuch bedeutete. “unsere Not ist aber größer als daß wir sie mit den miesen Fängen die wir noch machen können, beenden könnten.” - “Ich dachte es mir. Habt ihr eine Schule?” Sancho lachte bitter. “Einen Arzt?” - “Nein.” - “Verwaltung, Energie, Müllabfuhr...alles nichts?” - “Genau.” - “Ei ei...übel. Jetzt hilf mir mal weiter, Fischfabriken? Was genau ist das?” - “Riesige Schiffe mit ebenso riesigen Netzen , fangen alles weg, machen Dosen oder Tiefkühlzeug daraus das sie irgendwo verkaufen. Für uns bleibt kaum was übrig.” - “Autsch. Und das duldet die Regierung?” Sancho lachte sehr bitter. “Gut, gut, verstehe. So etwas kenne ich nicht, wäre bei uns auch nicht drin. dann sehe ich erst mal nur einen Weg, gegen so eine Plage bin ich zunächst mal machtlos, das muß ich mir mal durch den Kopf gehen lassen.”

Rathurnida atmete tief durch. Dann zeigte sie auf Malcolm “Hier sitzt Malcolm of Deventer, Kapitän. Er wird euch liefern was immer ihr braucht und Güter übernehmen die ihr übrig habt, falls es das gibt. Wir verlangen nur eines dafür, das aber ganz und gar unerbittlich: nie mehr Überfälle auf Schiffe, egal  ob unsere oder fremde. Wir werden aber auch darauf achten daß ihr euch nicht bequem zurück lehnt und sagt, wunderbar, Avalonia sorgt für uns. Ihr müßt lernen euch selbst zu helfen.  Ihr könnt uns Leute schicken die dann als Lehrer, Arzt, Bauer usw. ausgebildet werden. Wir werden euch Fachleute senden.. .das wird schon. Sancho, vielleicht sprichst du jetzt mit Malcolm über die Einzelheiten, und ich bin bereit Fragen zu beantworten? Einverstanden?” Sancho nickte und rückte zu Malcolm hinüber.

Im Publikum erhob sich eine harte Stimme “und wer sagt uns daß Avalonia Wort hält? Wenn meine Kinder hungern, werde ich mich den Teufel um Absprachen scheren. Ihr habt doch nur Angst vor uns, warum sonst diese Soldaten? Euch werden wir’s schon zeigen, wir brauchen eure Hilfe nicht.” Rathurnida stand auf während ein mißfälliges Gemurmel aufkam, der Mann war wohl allein mit seiner Meinung. “Tritt vor, wenn du mit mir redest” sagte sie streng “ich will dir in die Augen sehen. Na?” Wieder wurde geschubst, und ein hagerer junger Kerl stand plötzlich vor der Königin. “Ja, und? Hier bin ich. Ernesto Calvez. Nicht scharf auf schöne Reden.” - “Sieh mir in die Augen.” - “Wozu?” - “ich dachte du bist mutig?” Ernesto trat noch näher und sah Rathurnida direkt an, erstarrte und sank in sich zusammen. Ein erstauntes Raunen lief durch die Menge. Sie beugte sich nieder, half ihm wieder hoch “bleibst du bei deiner Aussage?” - “Nein. Ich entschuldige mich, ich war dumm. Aber, wenn ich noch was sagen darf...?” - “Nur zu.” Er zeigte nach Süden. “Dort liegt Berneo . Kaum zu sehen...aber da sind Leute wie wir. Helft ihr denen auch?” - “Wir helfen wo immer wir können. Habt ihr Kontakt dorthin?” - “Ja natürlich.” - “Gut. Sagt ihnen, sie sind so willkommen wie ihr es seid - als Freunde. Falls ihr es euch aber anders überlegen solltet, müßte ich meine Wächter anweisen scharf zu schießen. Wir werden es nicht dulden daß in unseren Gewässern gemordet wird, und ihr solltet euch um eure Kinder sorgen, daß sie ein Leben bekommen das lebenswert ist. Bist du einverstanden?” - “Ja, bin ich. Wenn das auch so ist.”

Mehr als das. Ernesto wandte sich zu seinen Leuten “stimmt ihr bitte zu. Uns kann nichts besseres passieren, meine ich. Da wird uns eine Hand gereicht.. .na endlich, sage ich. “ wieder drehte er sich zu Rathurnida “machen wir eigentlich eine Abstimmung? Bei uns ist das so üblich.” - “Bei uns auch. Ja, ihr Piraten: wollt ihr anständige Bürger werden? Hand hoch.” Es wurde gelacht, aber die Hände gingen tatsächlich hoch - alle, aber nur die der Männer. “Und die Frauen? Ich will eure Hände sehen! Es ist auch euer Leben.” Es wurde unruhig, aber die Zahl der Hände wuchs weiter. Ernesto trat zurück, aber mich packte die Neugier. Ich ging zu ihm “was hast du gesehen?” - “Bei meiner Seele, sie ist Gott.” - “Aber nein, nur unsere Königin. So beeindruckend?” - “ich kann’s nicht beschreiben. Wenn sie nicht Gott ist, dann ein Engel.” Ich lachte “Als sie gewählt wurde, war sie Lehrerin. Eine gute, soweit ich weiß. Mann, wie hat man euch nur behandelt.” - Wie Dreck. Ich bin froh über diese Stunde, das hätte ich nicht zu hoffen gewagt.” - “Glaub’s oder nicht, wir auch nicht. Wie ist das, sollten wir das feiern?” - “He Mann - aber sofort. Ich geh mal zum Boß ‘rüber, klar wird das gefeiert.”

Sancho, der Boß, saß strahlend bei Malcolm und Vahrsonia, sie waren sich wohl einig geworden. Dann stand er auf und entschuldigte sich daß das arme Dorf nur Rum auffahren konnte, mehr war nicht da - und Rathurnida half aus. Von der “Avalonia” wurden Getränke gebracht die den Piraten fremd waren, aber auch gutes Essen, Musikinstrumente, Bänke, Tische...die Hafenfeier mit den Piraten geriet so urig wie möglich. Und später fuhr ein kleines Motorboot nach Süden, kam zurück und brachte weitere Boote mit, es wurde voller und voller. Irgendwie, zwischendrin, ging auch die Beratung weiter; die Königin sprach mit vielen Leuten, fragte nach den Lebensumständen, ermutigte immer wieder dazu, etwas zu lernen und womöglich auch ganz neu anzufangen. Später saß sie lange mit Sancho etwas abseits, dann rief sie uns auch dazu.

“Hört mal, ich erfahre da Sachen...daß diese Leute hier auf der unfruchtbaren Insel wohnen, ist kein Zufall. Man hat sie aus verschiedenen Orten regelrecht rausgeworfen. Sancho hier, der hat Erfahrung auf großen Schiffen und als seine Reederei pleite ging, hat die Stadt ihm einfach sein Haus weggenommen. Ich verstehe jetzt schon besser wie man Pirat werden kann, aber sowas darf doch nicht wahr sein. Sind übrigens nicht alle Argentinier. Eine bunte Mischung aus den Nachbarländern hier, nur keine von uns. Ihr bringt das bitte in euren Infos, Norman. Die Leute hier brauchen auch Rechtsberatung. Ich habe schon zu Sancho gesagt, er soll Klage erheben, aber ich kenne das hiesige Recht nicht. Hoffentlich haben wir ein paar Bürger die etwas Zeit erübrigen können und sich im Recht auskennen.”

Sancho konnte sein Glück wohl kaum fassen. Später wagte er ein Tänzchen mit Rathurnida, dann war wohl er dran, ging von Grüppchen zu Grüppchen und redete die ganze Nacht durch mit so ungefähr allen seinen Bürgern - und die Nacht kam uns kurz vor. Schon bald rötete sich der Osthimmel und wir brachen auf, einige der ganz Neugierigen fuhren direkt mit.

Ich sah so manchen in dieser Nacht, der hatte Tränen in den Augenwinkeln. Das waren übrigens sowohl Piraten als auch Avalonier, mich selbst eingeschlossen.

Zurück

Von all dem erzählten dann müde Eltern der munteren Elingaria, die es gar nicht gut fand daß wir sie nicht mitgenommen hatten. Aber wie hätten wir auch ahnen können daß diese schwierige Mission so problemlos ablaufen würde? Selbst Rathurnida hatte das allenfalls für zu 10% denkbar gehalten. “Und ihr habt sie gar nicht verdroschen?” wollte die Kleine wissen “Nein, war nicht nötig. Die hatten genug Respekt vor den Wächtern und haben auch schnell gemerkt daß wir in Freundschaft gekommen sind.” - “Gibt es auch Piratenkinder?” Alida lachte. “Natürlich, Schatz. Viele sogar, und in jedem Alter.” Elingaria überlegte. “Wenn die groß sind, gibt es ja noch mehr Piraten? “ - “Sie tun das nicht mehr. Sind dann ganz normale Leute.” - “Aber..verhungern die dann nicht ? Ihr sagt, die Insel ist unfruchtbar, und immer mehr Leute? Kann der Malcolm das überhaupt schaffen?” - “Er schafft’s ja auch in Afrika.” - “na gut, aber wäre es nicht besser die Insel wäre fruchtbar?” - “Sicher das. Aber das ist wohl nicht ganz so einfach.” - “Doch! Ganz einfach. Wir waren doch an diesem Vulkan, da wo alles so verbrannt aussieht. Und du hast gesagt, Vulkanasche ist fruchtbar - stimmt doch?” - “Nach ein paar Jahren wird gute Erde daraus.” - “Siehste! Dann muß man die doch nur noch dorthin bringen. Hier hat’s doch viel zuviel davon, es rutscht ins Meer und ist futsch.”

Alida machte große Augen, dann sah sie mich an “wir hätten sie doch mitnehmen sollen. Weißt du was, Kind? Lauf’ zu Andira, du weißt wo das ist, und erzähl’ das der Königin - du kennst sie doch?” - “Rathi, klar.” Alida fiel mir um den Hals “halt mich fest. Noch zwei Jahre und die steckt uns beide in die Tasche.” Elingaria war schon losgelaufen, Alida konnte sich kaum beruhigen. “sag’ mir nochmal wie alt unser Kind ist.” - “Sieben, na und? Sie kann denken. Wen wundert’s, bei der Mutter.” - “Als wärst du nicht mitschuld. War doch gut daß wir uns so viel Zeit genommen haben.” - “ja, sicher. Spiel’ weiter schön viel mit ihr, ja?” Das brachte mir einen schrägen Blick ein, aber wir waren zu müde um uns noch weiter aufzuziehen. Den Tag verschliefen wir dann fast.

Rathurnida war wohl auch müde gewesen, erfuhren wir abends - Elingaria hatte ihre Idee bei Andira angebracht, die zwar wenig Interesse daran gezeigt hatte, aber auch gestaunt daß Elingaria darauf gekommen war. “Die Andira ist ja sowas von lahm” meinte sie “hat gesagt, wenn jemand am Osthang Asche abbauen würde, das wäre ihr völlig egal und das würde auch keiner merken.” - “Das war ihre Art, okay zu sagen. Um den Osthang kümmert sich ja wirklich keiner, deshalb sieht es dort so wild aus.” - “Und wer wird das machen?” - “Ich nehme an, das werden die ex- Piraten selbst tun müssen. Aber das muß Rathurnida entscheiden und mit denen besprechen.”

Wir fanden schließlich daß Urlaub anstrengender sein kann als Alltag. Nach zwei ruhigen Tagen bestiegen wir wieder die Rifenia und machten uns auf den Heimweg, auch Elingaria wollte lieber heim “da kenne ich Kinder, hier nur Erwachsene. Warum sind so wenig Kinder auf Rifé?” - “Weil griechische Paare keine Kinder bekommen können.” - “Ach ja, klar. Und es gehört doch verboten.” - “Ist es ja. Weißt du was? So schlau du auch schon bist, das Thema darfst du noch ein paar Jahre vertagen.” - “Und dann?” - “Gibt es vielleicht eine Lösung dafür.” - “Was denn, Kinder für diese Paare?” Alida grinste mich an “das beruhigt mich jetzt. Sie kapiert doch noch nicht alles.  Nein, Kind. Eine Kur für die griechische Krankheit.” - “Ach, ja? dann muß ich auch keinen Arzthintern versohlen.”

Können sie sich vorstellen daß ich den ersten Tag in der Redaktion als ganz entspannend empfunden habe?

Was wir dann über Piraten und Hilfe für bettelarme Dörfer berichteten, löste eher Erstaunen aus. Piraterie war hier unten eine Geschichte aus fernster Vergangenheit, und auch damals nie wirklich ein Problem gewesen, nicht in Avalonia, wohl auf fernen Gewässern,  aber die befuhren ja erst neuerdings wieder avalonische Schiffe. Daß es so nah bei uns noch Piraten gab, mochte kaum jemand glauben. Aber sie kamen zu Besuch, diese Piraten und nutzten bald eifrig Büchereien und Museen, Dinge, zu denen sie mangels Geld bisher keinen Zugang gehabt hatten. Aber da sie ja weder Augenklappen noch Säbel trugen, wurden sie nicht bemerkt. Vahrsonia und Malcolms Leute kümmerten sich um sie, und bald arbeiteten einige von ihnen in der Kristallwelt, in Gärtnereien und auf dem Land.  Später, als der neue Hafen in Rifé schon halb fertig war,   wurde in der nagelneuen Werft ein Schiff auf Kiel gelegt, ein flacher, breiter Rumpf mit einem Kran vorn drauf. Es wird “Aschemax” heißen und kann in Flachwasser fahren, den Bug am Strand aufsetzen und mit dem Kran Vulkanasche direkt vom Hang aufnehmen oder an Land abladen.

Raten sie mal, wer das Schiff taufen wird...

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