reine Neugierde...

Es war einige Tage nach unserem Besuch bei Lorna. Mir fiel immer wieder das Bild ein, das mir diese Nacht kurz gezeigt hatte, das Dach der Riesenkuppel und dahinter dieses düstere, flache Land ohne Städte, ohne Häfen, ohne Leuchter...schwer zu erkennen, was für ein Land das war; wie ein gewaltiger, sehr breiter, weniger hoher Tafelberg war es mir vorgekommen, völlig glatt oben, steil an den Außenhängen - ein wenig wie Adarnia, aber wohl nicht grün. Und viel größer. Mehrmals sagte ich mir, wenn Alida nichts davon wissen will, wird sie gute Gründe dafür haben; aber es half nichts, meine antrainierte Neugierde bohrte weiter. Und dann brachte ich meine Frau zu einer Einführung zur Kristallwelt und lief auf dem Rückweg fast gegen Franedor den Schiffbauer...es mußte wohl sein.

Er stoppte und feixte mich an “na, Norman? Ganz woanders? Sorgen, oder was ist mit dir?” - “Nicht im Geringsten, seit ich hier lebe. Aber wo ich dich schon treffe...Alida sagte, du wüßtest über Lelianth Bescheid, aber sie sagte das so seltsam. Was ist denn mit diesem Land? Eure schöne Kuppel steht doch auf diesem Land...?” - “Ach, Norman...klar sind wir hier. Wir sind aber alles was auf Lelianth noch lebt. Schade drum...willst du das wirklich wissen?” - “Tu doch nicht so geheimnisvoll. Ja, ich will’s wissen - was ist damit?”

Franedor kratzte sich am Hinterkopf. “Also, du mußt ja wissen was du dir zumutest. Aber jetzt nicht, wir haben gleich einen Stapellauf. Kannst du mich abends in Sonartis besuchen? Das hellblaue Haus gleich neben dem Innenstadt-Lagerhaus. Aber laß’ dir Zeit, es kann dauern bis ich hier weg kann.” - “Gern. Mast-und Schotbruch.” - “Hä???” - “Alles Gute für das neue Schiff.” - “seltsame Art das zu sagen...”

Kopfschüttelnd ging er und verschwand in einem der vielen Seitengänge dieses komplizierten Gebäudes. Ich schlenderte gemütlich raus und sagte mir, Sonartis... da war ich noch nie, und warum nicht einen Stadtbummel dort machen. Also fuhr ich hin und machte mich zu Fuß auf das Landstädchen zu besichtigen.

Sonartis hat nichts von der Größe der Hafenstädte, liegt auch nicht am Meer, sondern direkt am Osthang der Westkette. Hier gibt es alles was weder in Atlantis noch bei uns in Conartis zu finden ist; Sägewerke, Schreinerein, Steinmetze, Fleischereien...eine Handwerkerstadt. Über allem lag eine Duftmischung aus Holzmehl, Kuhdung und Harz - ungewohnt für mich, und außerdem fehlte die Eleganz prächtiger Häuser. Die waren eher niedrig und einfach gebaut, hatten oft Hinterhöfe in denen eifrig gewerkelt wurde, in den Straßen gab es fast so viele Karren wie Gleiter und wenn es schon einmal ein Kunstwerk zu bewundern gab, waren es steinerne Statuen aus verschiedenen Lavagesteinen, unbemalt aber sehr fein gearbeitet. Es dauerte etwas bis ich mich wohl fühlte, und das Steakhaus in dem ich schließlich einkehrte, hatte daran einen großen Anteil. Das Steak war riesig und saftig, dazu Grillkartoffeln - und leider keinen Wein.

Als die Leuchter verdunkelt wurden gefiel mir die Stadt schon besser. Der Lärm ließ nach und statt Karren füllten sich die Straßen mit bummelnden Menschen, ich ging langsam zum Lagerhaus und sah Licht in dem kleinen blauen Haus, klopfte und  wurde von einem müden Franedor begrüßt. “Alles gut gegangen?” - “Klar, Norman - komm rein. Die Blume von Vanartis schwimmt schon Richtung Norden. Ist übrigens nicht neu, sondern ein uralter Lastsegler, den wir komplett überholt haben. Jetzt kann sie wieder Steine schleppen...wie kommst du nur auf Lelianth? Keine Menschenseele kümmert sich noch darum.” - “Purer Zufall. Wir haben Freunde in den Ostlanden besucht und auf dem Rückweg habe ich gesehen, daß südlich der Kuppel noch nicht Schluß ist. Vielleicht ist das dumm, aber da müht man sich ab den Westen trocken zu legen, und im Süden ist diese riesige leere Fläche...?”

Er grinste etwas gequält. “Riesig und leer trifft es ganz gut. Also, Lelianth. War einmal ein Königreich, hat das Unglück ganz gut überstanden und war bis vor etwa achthundert Jahren auch bewohnt, als diese Kuppel gebaut wurde, wohnten die meisten Kristallweltler in Leliartis, der Hauptstadt, die ist nicht weit weg. Dann gab es noch etliche Dörfer und ganz am Südende einen kleinen Hafen, gar nicht so weit von Adarnia. Von dort gab es einen Zugang zum Tunnel - ach, das ist alles vorbei. Du mußt wissen, dort wohnt heute niemand mehr, der Hafen ist hinüber und Leliartis nur noch ein Schutthaufen. König Kanthor II hat vor langer Zeit südlich der Kristallwelt absperren lassen, seitdem liegt Lelianth in tiefer Dämmerung.” - “Alida sagte, du kennst dich dort aus?” - “Sie hat sicher mehr als das gesagt.” - “Ja, schon...sie meinte, es wäre nicht gut sich dort umzusehen.” - “Siehst du?” Hör’ auf deine Frau. Alida  weiß was sie sagt...”

Er hatte viel gesagt und doch nichts. “Sag’ mir einfach warum.” - “Norman, das ist schwer zu erklären. Es ist einfach unheimlich dort, man bekommt Angst und weiß nicht warum...weißt du, die Fakten sind simpel, erklären es aber nicht: ein schweres Erdbeben, ein Basaltlava-Ausbruch aus einer endlos langen Erdspalte, und danach...das Nebelkraut. Eine buschige Pflanze die nicht grün wird, aber fast das ganze Land bedeckt, nichts anderes wächst dort und man wird das Dreckzeug nicht los. Es wächst zum Glück nur auf dieser Basaltlava und ist schlimmer als Dornenhecken...zerstört Mauern, reißt den Boden auf, riecht nicht gut und macht jede andere Pflanze kaputt. Sie ist wie ein riesiges Lebewesen - leider kein freundliches.” - “Und was machst du in Lelianth?” - “Was schon - wir haben nicht immer ein Schiff im Dock. Also hat Savonedor -  schon vor langer Zeit - angeordnet, daß ich und meine Leute versuchen sollen ein Mittel zu finden, mit dem wir diese verdammte Pflanze bekämpfen können. Leider können wir bis heute nur mit Feuer ein paar Wege offen halten, es scheint kein Kraut gegen dieses Teufelszeug gewachsen zu sein.” - “ist der Vulkan denn noch aktiv?” - “Kein Vulkan. Der einzige Vulkan dort ist der Leliakan, den wir in der Kristallwelt als Hitzequelle benutzen, der ist harmlos. Das Erdbeben hat den Boden kilometerweit aufgerissen, da kam dann diese Basaltlava heraus und hat fast das ganze Land überflutet, war schön glatt danach, sah gar nicht übel aus. Bis das Nebelkraut darauf gewachsen ist...aus war’s. Da gibt es längst fruchtbare Erde, wenn wir nur dieses Zeug loswerden könnten, es wäre ein einziger Gemüsegarten dort.” - “Warum eigentlich Nebelkraut?”

“Ha, der Name paßt gut. Es gibt keine Bäche mehr seit der Lava...die fließen jetzt unterirdisch, das Zeug lebt also, wie man sagt, nur vom Nebel der aus dem Meer aufsteigt. Und der fängt sich in dem Gestrüpp, man kann nicht weit blicken...als würden diese Büsche selbst Nebel machen.” Franedor schwieg und ich wußte auch nichts zu sagen. Mir kam das vor wie ein häßlicher Fleck auf dem sonst so makellosen Land, das gefiel mir gar nicht. Ein Gebüsch mit dem man nicht fertig wird? Bei all den sagenhaften Möglichkeiten? Das war wirklich unheimlich.

durch die Hintertür

Franedor stand auf, nahm ein Bild von der Wand und gab es mir. “Leliartis” sagte er leise “war eine schöne Stadt, nicht?” - “Schön wie alle hier. Völlig zerstört ?” - “Fast alles eingestürzt. Zum Glück liegt sie auf einem Sandsteinhügel, über der Basaltebene. Ist also nicht zugewuchert, aber außer dem Königspalast steht kaum noch etwas, und der sieht auch nicht gut aus.” - “Kein Wiederaufbau?” - “Nein. Wovon sollen die Menschen leben? Das Nebelkraut liefert keine Nahrung. Alles hängt daran daß wir einen Weg finden, dieses Dreckzeug auszurotten.” - “Eigentlich gibt es doch gar nichts auf dieser Erde was völlig nutzlos ist - oder?” Er lachte. “Nenne mir einen Nutzen für das Zeug und du bekommst einen Orden. Es gibt genug davon...aber weißt du, es gibt ja auch Krokodile, zum Glück nicht bei uns. Was haben die denn für einen Nutzen?”

Woher soll ein Journalist das wissen. “Ich würde mir das gern einmal ansehen - darf man denn?” - “Warum denn nicht. Aber ich warne dich, du versaust dir den Tag.” - “Das riskiere ich. Wie komme ich hin? Gleiter werden ja wohl kaum etwas nutzen.” - “Nein, bloß nicht. Du landest in dem Dornenzeug und hängst schon drin fest. Es gibt nur einen Weg, durch die Kuppel, zu Fuß, und auf den Wegen die wir offen halten. Bis nach Leliartis, weiter nicht. Aber es sieht weiter südlich auch nicht besser aus, wir können ja nicht überall Wege offen halten, das Zeug wächst wie Gift. Trinken wir esrt mal ein Fläschchen...”

Schade. Er hatte Cualarin gemeint, aber das machte ihn wenigstens wieder wacher. Bald saßen wir im Gleiter und fuhren zur Kuppel, und dort gab es die erste Überraschung - wir legten Sachen an, die mich sehr an eine Ritterrüstung erinnerten, metallisch, schwer, glatt und äußerst unbequem. “Muß sein, wegen der Dornen. Die bringen dich sonst um, und das ist kein Scherz. Also Vorsicht wenn wir die Kuppel verlassen, und bleib’ auf den Wegen. Hier, ein Haumesser - damit machst du dir Platz, wenn’s irgendwo allzusehr zugewuchert ist. Aber paß’ auf daß du keine Dornen ins Gesicht bekommst. Bleib’ am besten dicht bei mir.”

Wir schlurften schwerfällig etliche Treppen hinunter, gingen durch einen langen Gang, passierten zwei Warnschilder “weiter nur in Schutzkleidung!” und standen dann vor einer schweren Tür die er mit drei Schlüsseln aufschloß und gleich hinter uns wieder zusperrte. Wir waren aus der Kuppel heraus, es war kühl und nicht sehr hell. Eine schmale Brücke führte über einen Bach oder Graben, dann kam noch ein Gittertor und wir standen vor einer düsteren Wand von Dornenbüschen, gut fünf Meter hoch, mit einem niedrigen Tunnel darin der uns zwang, gebeugt zu gehen. “Lelianth grüßt uns” sagte er etwas grimmig und schlug einige Ranken ab, die über den Weg gewachsen waren. “Sieh dir das Zeug einmal gut an” sagte er dann “kennst du solches Kraut aus Deutschland?” Er leuchtete mit einem Kristall einige Zweige ab - ich sah braune Triebe, braune Blätter, schwarze Dornen von beachtlicher Länge und etwas wie Blüten, die aber eher schmutzig aussahen “Vorsicht, weder anfassen noch daran riechen” sagte Franedor “es würde dir nur Übelkeit einbringen. Riechst du die faule Luft nicht? Das kommt von denen.” Ein schwacher fauliger Geruch hatte mich eher an Sümpfe oder stehende Teiche denken lassen.

“Unsere Dornengebüsche tragen leckere Früchte” sagte ich etwas abwesend und dachte an Brombeeren. - er lachte. “Diese nicht.” Dann gingen wir weiter, und bald war auch der Nebel um uns. Nicht dicht, aber feucht und ziemlich kalt. Wir kamen nicht schnell voran, Zeit genug sich diese abweisende Umgebung gut anzusehen. Keinerlei Tiere, fiel mir bald auf - weder Fliegen noch Spinnen, Ameisen - vor größeren Viechern ganz zu schweigen. Auf dem schwarzen Boden nur Wurzeln dieser Büsche, kein Gras, kein Moos...und allmählich kroch dieses unheimliche Gefühl in mir hoch von dem er gesprochen hatte. Man sah einfach nichts, etwa zehn Meter weit, mehr nicht, und immer nur den Tunnel in den Büschen. Nie gab es einen Punkt mit Aussicht, kein Überblick - wahrscheinlich hätte ich ohnehin nur krauses Braun gesehen. Mein Herz begann immer schneller zu schlagen obwohl es nicht sehr anstrengend war, so langsam wie wir gingen. Manchmal zweigte ein weiterer Gang rechts oder links ab, manche davon fast schon zugewuchert. Franedor bekam meinen Zustand mit, blieb stehen und sah mich ernst an “halte einen Kristall hoch, sonst packt dich die Dunkelheit” sagte er eindringlich, und tatsächlich, etwas mehr Licht half ein wenig.

Es ging ganz allmählich aufwärts. “Wie weit noch bis Leliartis?” fragte ich und erschrak über meine krächzende Stimme. “Zehn Minuten” antwortete er “nicht wahr, das fühlt sich ekelhaft an?” - “Pfui Teufel. Ich verstehe daß hier niemand wohnen möchte.” - “ha, der müßte auch alle paar Tage mit der Machete herumwüten, und einen Turm bauen damit er von oben einen Gleiter benutzen kann.” lachte er bitter “aber denk’ ruhig mal nach ob du nicht irgendwo auf der Welt etwas gelernt hast, das gegen dieses Mistzeug helfen könnte.” das tat ich ja gern, aber Landschaftsgärtnerei ist nun mal nicht mein Metier. “Wenn man alles restlos abbrennen würde?” - “Längst versucht, aber es wächst nach, und außerdem brennt es nicht sonderlich gut. Du machst die Fackel aus, und bald ist das ganze Feuer aus. Das ist die zäheste Pflanze die ich kenne.”

Wir waren zum Glück noch ein bißchen zäher. Mit der Übelkeit kämpfend, kurzatmig und mit schleppendem Gang erreichten wir einen Hang. Die Büsche standen hier weniger dicht, und auf dem Boden lagen gebrochene Sandsteinplatten. “Noch ein paar Schritte” sagte Franedor und ging schneller. Stufen, geborsten aber nicht bewachsen, bessere Luft und endlich, das Gebüsch blieb unter uns zurück. Ich sah auf  und freute mich, dunkelblauer Ozeanhimmel. Allerdings, rechts und links von uns...”Mein Gott Franedor, ist das Leliartis?” - “Das war Leliartis. Wir sind noch ganz unten, aber atme tief durch. Weiter oben sieht es nicht ganz so schlimm aus.”

Wie Hamburg nach dem Weltkrieg, dachte ich und sah die Reste von Häusern, meist nur das Erdgeschoß, von Rissen durchzogen - unreparierbar, auf dem Weg, Waldboden zu werden. Und wie damals in Hamburg als ich noch ein kleiner Bub war, Blumen in den Ruinen und Rankgewächse an den Mauern, aber alles war mir lieber als dieser eklige Dornenwald. Es roch eindeutig besser, und wenn ich den Kristall darauf richtete, leuchteten Farben auf. Es ging mir besser.

ein Palast ohne König

Dann ragte eine mächtige Mauer vor uns auf die nicht beschädigt aussah, aber das Tor darin war halb aus den schweren Angeln gerissen. “Der Palast” sagte Franedor “gleich bekommst du einen Überblick auf Lelianth.” Wir stiegen weiter, ein massiver Bau verschluckte uns - keine Tür verwehrte den Zutritt, und drinnen war Chaos. Die schweren Steintreppen waren intakt, aber es lagen Mauerbrocken darauf und so mancher Türsturz rechts oder links von uns war krumm oder rissig, aber der Palast war wohl noch stabil. Ich achtete wenig darauf, konnte auch mit dem bißchen Licht in meiner Hand nicht genug davon sehen. Franedor ging jetzt recht schnell und ich gab mir Mühe ihm zu folgen. Eine lange Wendeltreppe...je höher wir kamen, desto weniger Schutt lag darauf, aber aufpassen mußten wir ständig. Dann, endlich...durch eine kleine Pforte ging es hinaus auf eine Plattform. Dann erlebte ich fast ein kleines Wunder...

Im blauen Dämmerlicht ging der Blick unendlich weit, so kam es mir vor. Die Luft roch nach Meer, und das Meer konnte ich auch gut sehen. Glänzend, ruhig und mit einigen kleinen Lichtern darauf kam es mir paradiesisch vor, drei Seiten Meer und eine, die riesige Kuppel, etwas weiter weg von uns. Weiter unten, ein Nebelmeer mit braunen Inseln darin, und ganz unten...ich erschrak und machte schnell einen Schritt zurück. “Wie hoch ist dieser Turm?” fragte ich und hielt mich an der bröckeligen Brüstung fest. “Achtzig Meter so etwa, und er steht auf dem Palast oben drauf” lachte Franedor leise “aber keine Sorge, er ist intakt. Na,  das tut gut nach dieser Dornen-Wanderung, was?” - “Aber sehr. Erzähl’ mir von Lelianth.”

“Komm’ wieder nach vorn. Also, da unten...die Stadt. Etwa so groß wie Mirarthris war sie, und eigentlich noch schöner weil sie auf einem Berg steht. Von jedem Haus aus, Fernsicht. Lelianth war unser Obstgarten. Gleich außerhalb der Stadtmauern begannen die Obstwiesen, näher an der Küste gingen sie in Wälder über. Ganz im Süden gab es auch Gemüsefelder. Außer dieser Stadt gab es nur Dörfer, viele Dörfer. Die Straßen liefen von hier aus sternförmig zu den Küsten, jede hatte ihr eigenes Stadttor, aus alten Zeiten. Eines davon haben wir ja gerade passiert...leider zerstört. Es gab nur ein Fischerdorf, am Südkap, Vangardis hieß es - heißt es, es steht noch. Der Hafen ist leider völlig hinüber. In der Ebene aber hat die Lava alles überflossen - nichts mehr davon übrig, zwanzig bis fünfzig Meter ist das Zeug dick. Ein kleiner Fluß, die Vangarde, entsprang am Fuß dieses Berges hier und floß dort hin. Die Vangarde ist heute ein Höhlengewässer, aber noch da. Ja, was noch? Es ist kühl hier, das hast du sicher bemerkt - wir sind ja fast in Tenar. Also gab es hier Gemüse und Obst, das nirgendwo sonst in Avalonia wachsen kann - manches davon wächst noch in den Ruinen der Stadt. Aber die lassen wir besser aus, wegen der Geister.”

Ich staunte und sah mich endlos lange um, dieses schöne, stille Land...so schade daß es nutzlos ist, dachte ich. Was? Geister? Erst nach Minuten begriff ich was Franedor eben gesagt hatte. “Geister, Franedor? Das ist was für Kinder, oder?” Er schüttelte den Kopf. “ich bin kein Kind, und du auch nicht. Mir macht das nichts aus, ich bin’s gewohnt, meine Leute auch. Aber du? Besser nicht.” - “Wie meinst du das? Kann ich einfach da runter spazieren und einem Geist begegnen?” Er nickte ernst “Ja, kannst du. Ich muß dir wohl nicht erklären wie das hier geendet hat. Leliartis war vom Erdbeben stark zerstört, aber es wurde nicht von Lava in Brand gesetzt. Ganz anders bei den Dörfern. Dort gab es kaum Überlebende.” - “Mein Gott. Wieviele Opfer?” - “Das weiß kein Mensch. Nur die Fischer von Vangardis konnten sich mit den Booten retten und später sogar heimkehren weil das Dorf nicht abgebrannt ist. Es dauerte dann Monate bis Lelianth genug abgekühlt war, daß die Bürger von Leliartis sich zur Kristallwelt retten konnten. Die Stadt wurde aufgegeben, etwas später auch Vangardis - zu einsam. Tja, und hier sind natürlich auch Einige verhungert, weil es nicht genug Vorräte für viele Monate gab.”

Ich holte tief Luft und wollte auch nicht mehr darüber hören. “ich denke, ein bißchen Licht wäre ganz gut” sagte er und stieg auf  das Treppendach - erst jetzt sah ich den Leuchter, der darauf stand. Na klar, Lelianth wäre ja sonst unter Wasser.. “geh rein” rief er mir zu “diese Rüstungen halten die Hitze nur kurz ab.” ich ging wieder zur Treppe und schloß bald die Augen, nach dem blauen Dämmerlicht war das Licht des Leuchters geradezu brutal. Er kam mir bald nach, und rieb die tränenden Augen. “Besser?” Ich sah durch schmale Schlitze, ja, nach etwas Gewöhnung. Starkes Licht durch kleine Fenster, Schlagschatten auf der Treppe “wenn du Mut hast, gehen wir mal in die Königshalle?” Ich wollte nicht kneifen, also sagte ich ja.

Wir stiegen wieder hinunter und verließen dann die Treppe durch einen noch intakten Spitzbogen, betraten eine weite Halle mit schönen Gewölben, einem langen steinernen Tisch, und teilweise abgeplatzten Wandgemälden. Auch hier, starkes Licht und tiefe Schatten. “Setz’ dich” sagte er und nahm an der langen Tafel Platz. Kalt fühlte sich die steinerne Einrichtung an, und staubig. “Und jetzt kommt gleich der Geist vom König?” witzelte ich und bekam einen strafenden Blick. “Kann schon sein. Ist jedenfalls angenehmer als unten in den zerstörten Häusern. mach’ dich nicht drüber lustig, wir werden ja sehen ob du das verträgst.” Mir wurde etwas unwohl...

Franedor hatte nicht gelogen. Nach einiger Zeit wurde das Licht plötzlich milder, schwächer und irgendwie milchig. Franedor sah zur Tür und faßte mich am Arm “da...mach jetzt bloß keine blöden Sprüche.” flüsterte er und verstummte. Ich sah zur Tür und hielt das was in dem Spitzbogen sichtbar wurde, für einen Nebelfetzen. Und der kam näher. Wenige Meter von uns wurde aus dem Dunst ein blasses Bild, ein hagerer, weißbärtiger Mann - das einzige klar erkennbare waren freundliche, blaue Augen. Ich schluckte und musterte die Erscheinung lange...

Ich konnte einfach nicht den Mund halten. “wer bist du...” flüsterte ich gedehnt und eigentlich ohne es zu wollen. Franedor sah mich erschreckt an und machte mir ein “nicht!!!”- Zeichen. Aber den Geist störte das wohl nicht. Er rührte sich nicht, aber wie aus einem anderen Raum, hallend und recht leise, hörte ich eine Antwort. “das sollte ich fragen. Wer ist in meinem Haus? Ich kenne dich nicht.” und wieder antwortete ich ohne es zu wollen. “Norman Weinstein aus Hamburg.. .äh...Atlantis.” Franedors Unterkiefer klappte herunter, er wurde kreidebleich. “Von Hamburg hierher? Gratuliere. Nun, du hast gefragt. Mellardor von Leliartis, König einer toten Stadt...nein, das war ich einmal. Sag dem Angsthasen neben dir, ich kenne ihn. Du fürchtest dich nicht?” - “ es geht...” er lachte, und das fühlte sich gar nicht gut an. Franedor sah wieder auf, ärgerlich jetzt...”mit mir hast du noch nie geredet!” wieder dieses Lachen. “Ja, ich rede eben nicht mit jedem. Überlebst du es wenn ich mich zu euch setze?” Franedor schluckte “ es ist dein Palast.”

Der Geist schüttelte langsam den Kopf “nicht mehr, leider...” dann setzte er sich uns gegenüber und sah uns wirklich freundlich an. “Befriedigt meine Neugier” sagte er “was treibt euch in die tote Stadt? Ich sehe oft wie ihr da unten mit den garstigen Büschen kämpft, ha! Sinnlos ist das. Ihr könnt sie nicht töten, ihr nicht .” Franedor sah ihn weiterhin mit offenem Mund an, der tote König lächelte. “Nun sag schon was, Franedor, Herr der Schiffe. Wie kann man sich nur vor einem fürchten, der euch noch nicht einmal die Hand geben kann - weil er keine mehr hat.” Franedor schluckte wieder, sagte aber nichts. Jetzt wollte ich reden und bekam kaum ein Wort heraus. So nah war er, ich hätte ihn berühren können - hätte es etwas gegeben, was man berühren kann. “Franedor..... hält..... die..... Wege..... offen...” stammelte ich schließlich.Der Geist nickte leicht. “Ich weiß es. Wenn der Kerl nur nicht so dumm wäre...” Franedor lief rot an, schwieg aber immer noch. “...warum....dumm...?” fragte ich schließlich  und Mellardor nickte mir freundlich zu.

“Du bist klüger, Norman. Du stellst Fragen. Könnte ja sein daß ein alter König etwas weiß was ihr unbedingt wissen wollt?” Franedors Mund ging auf und zu, aber leider tonlos. “ich verstehe dich” sagte der Geist “aber du mußt es aussprechen. Du mußt!! ” Franedor kämpfte mit seiner versagenden Stimme...es kam mir endlos lang vor. “...weißt....du...etwas...über....Nebel...kraut...?” - “Nebelkraut? Was ist das?” Franedor sah verzweifelt aus.”die garstigen Büsche” sagte ich hastig und erhielt ein Zwinkern. “Ach so. Halangert Adrianis . Der Hakendorn. Wie willst du mit etwas fertig werden dessen Namen du nicht kennst, Franedor? Soll ich dir vom Hakendorn berichten?” Franedor schaffte immerhin ein deutliches Kopfnicken.

“Es war die “Alare Tendiar”, die ihn mitbrachte. Sie kam aus Panaquandt...ihr sagt “Chile”, kurz nach dem furchtbaren Brand von Lelianth. Sie legte in Vangardis an und löschte ihre Ladung, Kupfer. Nur ein paar Samen des Buschs waren dabei. Nun, man konnte das Kupfer nicht mehr transportieren, die Straßen waren nicht mehr - also lud man wieder auf und fuhr nach Mirarthris. Die Samen aber lagen am Kai. Wie sie auf die Ebene kamen, wer weiß . Dort fanden sie den einzigen Boden auf dem sie leben können. Niemand merkte als sie sich ausbreiteten, bis es zu spät war - das Land war ja verlassen worden.
Nun sage ich dir noch etwas über Panaquandt. Dort leben Llamas. Sie leben auch im hohen Gebirge, wo nichts anderes mehr leben kann - außer Halangert Adrianis. Sie fressen es. Bei uns gibt es aber keine Llamas.
Ich wäre so froh dieses Land wieder blühen zu sehen.”

Der Geist schwieg und lächelte. Franedor schluckte und schluckte, fand aber seine Stimme nicht wieder. Er schwitzte stark, zitterte...der alte König erhob sich. “Ich gehe lieber, das ist besser für Franedor. Schade. Ich hatte lange keine Gespräche mehr.” Er nickte mir noch einmal freundlich zu, wandte sich ab und ging zum Eingang, wo er sich in nichts auflöste. “Danke” rief ich ihm noch nach, bekam aber keine Antwort mehr. Die Schatten wurden wieder scharf, die Luft wieder klar - mein Herz hämmerte wie ein Motor, Franedor schnaufte.

“Danke?” röchelte er tonlos “hast du verstanden was er da erzählt hat? Es klang mir wie ein Wildbach mit einer schwachen Stimme darin.” - “Gut daß du wieder da bist. Ja, ich denke, schon. Llamas fressen das Dreckszeug, das war es wohl schon. Ihr solltet Llamas importieren.” - “Hmmm...das hast du klar verstanden ? Bei mir war nach dem Schiffsnamen Schluß. Den Namen kannte ich...das war wohl das letzte Schiff das Vangardis anlief - ist längst abgewrackt, der alte Kahn. Aber wenn die Viecher das fressen können...dennoch gibt es das Zeug in Chile.” - “Ja schon, aber ich habe nie gehört daß es dort ein Problem wäre.” - “das wäre ja sagenhaft...na klar, ein paar Dornbüsche machen ja nichts kaputt. Wenn’s nicht zu viele sind. Du...ich muß hier raus, ja? Das war eben etwas mehr als mein Verstand verkraftet.” - “Haha, und du machst dir Sorgen ob ich das abkann.” -  ”ja, lach nur. Die Gestalt kannte ich, aber gesprochen hat er nie.” - “Du hast es nie versucht.” - “Journalistenarsch.”

Die Früchte von Leliartis

Wir verließen den Palast fast fluchtartig, er hatte es eilig. Unten, in den Ruinen der Stadt, fanden wir einige Früchte; und während wir Äpfel und Birnen verspeisten und einige verwilderte Trauben kosteten - das tat ausgesprochen gut - sah ich aus den Augenwinkeln weitere undeutliche Gestalten die uns still zusahen. Franedor sah nicht auf, absichtlich, nahm ich an. Ich sprach sie nicht an, hatte aber das Gefühl daß diese Schemen weder unfreundlich noch gefährlich waren. Im Gegenteil, wenn ich überhaupt direkt verstehen kann, bin ich mir fast sicher daß sie uns freundlich gegenüber standen. Aber auch ich hatte kein Interesse an weiteren Begegnungen.

Nach dem Imbiß war Franedor wieder der Alte. “mal ansehen, wie ein unterirdischer Fluß aussieht?” fragte er munter und wartete keine Antwort ab. Zielstrebig ging er zur Stadtmauer und stieg dort ohne zu zögern durch eine schmale Pforte in eine steile Treppe ein, ich folgte ihm und hörte schon ein starkes Rauschen. Einige Stockwerke tiefer weitete sich der Gang zu einer kleinen Halle in der ein breites, flaches Becken lag, durch das klares Wasser strömte, das dann in einen engen Tunnel floß. “Die Vangarde” sagte er, beugte sich nieder, schöpfte Wasser und trank. “Probier’ es, das schmeckt sehr gut” sagte er und nahm einen weiteren Schluck. Wirklich, das eiskalte Wasser hatte einen angenehmen Geschmack und machte mich sehr munter, irgendwie vertrieb es die unwirkliche Stimmung. “was ist hinter dieser Tür?” wollte ich wissen und zeigte auf eine kleine Mélaneisentür die schön verziert war. “Weinkeller, Lagerräume, Magazine - und die Vangarde-Quelle.” sagte er “aber ich habe die Schlüssel nicht bei mir.” - “Leer?” - “Oh nein, also, Wein ist keiner mehr da - den haben meine Leute längst getrunken. Ein schwerer Tropfen, sage ich dir. Nein, endlose Regale mit alten Büchern und Waffen. Alter Krempel eben.” - “Kümmert sich jemand darum? Ich denke, hier steht doch wohl der einzige noch erhaltene Königspalast außer dem von Atlantis? Das könnte doch interessant sein?” - “Mag sein, davon weiß ich nichts. Und außer mir kümmert sich ja keiner.” - “Man sollte das hier wegschaffen und sichten, meinst du nicht?” - “Sag es halt der Rathurnida, du arbeitest ja dort. Es würde mich wundern wenn sie nichts davon wüßte.” - “War sie denn einmal hier?”

Er lachte bitter. “Niemand war jemals hier, außer mir und etwa zwanzig Arbeitern. Die haben doch alle die Hosen voll...so wie ich eben auch.” - “Kommt man da nur durch diese Tür ‘rein?” Er nickte. “Kannst aber mal durch die Vangarde waten, da unten im Tunnel sind auch noch solche Rumpelkeller.” Das mußte er mir nicht zweimal sagen, ich bekam zwar einen Kälteschock als ich durch den Fluß, den unregelmäßigen Tunnel in ein weiteres Gewölbe watete, aber dann gingen mir die Augen über. Bücher, Schriften sah ich zwar nicht in dem groben Gewölbe. Aber an den Wänden gestapelt fand ich Rüstungen, Schwerter, große Maschinen die ich für Mélankanonen hielt (und die sich später als uralte Wasserpumpen entpuppten) und eine enorme Menge an Gerätschaften, alle aus Mélaneisen, bestens in Schuß, Ausstattungen für eine unendliche Zahl von Haushalten. Offenbar hatten die Bewohner von Leliartis hier so manches in Sicherheit gebracht was sie nicht mitnehmen konnten, als die Stadt aufgegeben wurde. Ich tappte zurück und pflaumte ihn an...”du Kulturbanause, Franedor. Falls man die Stadt einmal wieder aufbaut, können sich die Leute hier mit dem Nötigsten versorgen. Alles da was eine Küche so braucht, und Waffen für eine ganze Armee noch dazu.” - “Phhhh, Armee..das war einmal.” - “Na gut, aber Museen gibt es noch. Ich sehe schon, hier müssen Leute her, die das zu schätzen wissen.”

Er lachte noch als wir schon wieder oben an der Stadtmauer standen. “Wenn du es schaffst Rathurnida oder ihre Schlauberger hierher zu zerren, setze ich dir ein Denkmal in Stein.” - “Schaff’ du erst einmal Llamas hierher.” - “Das ist entschieden einfacher. Auch wenn die mir alle in der Kristallwelt einen Vogel zeigen, wenn ich sage, wir brauchen Llamas, das hat der Geist vom König Mellardor gesagt.” - “das kannst du ja für dich behalten. Für was bist du Schiffbauer? Mach’ einfach eine Testfahrt um’s Kap Hoorn.” - “Jau, klasse. Und komme mit kotzenden Llamas zurück.” Er lachte und lachte....es ging ihm gut.

Langsam schlenderten wir zu dem Tor durch das wir gekommen waren. Hell wie es jetzt war, fielen mir zwei dicke Früchte auf die neben dem Tor am Boden wuchsen. Kürbisse, hier? “was ist das, Franedor?” - “Oh - hatte ich glatt übersehen. Das sind Goldmelonen, für die war Lelianth einmal berühmt. Heute sind sie sehr selten, schön daß du sie bemerkt hast. Moment...” Er nahm ein Messer aus seinem Gürtel und schnitt eine davon ab, teilte sie wie eine Apfelsine auf, gab mir ein Stück und nahm auch eines. Hoppla...was für ein Geschmack. Saftig, süß, und aromatisch - sagenhaft. Außerdem wischte das alle Müdigkeit weg - ich war schließlich schon über 20 Stunden auf den Beinen. Er grinste mich an “als Mann hat man nur den guten Geschmack. Als Frau auch nur, aber als Oma ..huiiii....” - “was meinst du?” - “Wenn Rathurnida zwei, drei dieser Dinger futtern und dann mit ihrem Mann schlafen würde, hätten wir sicher bald ein Wunder zu bestaunen - heißt es, meine Frau ist nicht alt genug um das zu probieren. Unsere gute Königin würde einen dicken Bauch bekommen und sich mächtig wundern.” Er lachte und lachte, und ich ärgerte mich allmählich über diesen Typen.

“Und du weißt das alles und läßt alles hier im Stillen verdämmern??? Hast du denn nur Schiffe im Kopf, sonst nichts???” - “Ist mein Beruf. Dornbuschmörder bin ich im Nebenberuf, und das reicht. Nochmal, vielleicht schaffst du das - bring’ die Leute her, die etwas davon verstehen. Du wirst sehen, das wird nicht leicht sein, aber vielleicht kann Alida das.” - “man muß Lelianth wiederbeleben.”

Na endlich. Franedor strahlte auf “es tut gut das zu hören, das finde ich auch. Was meinst du denn, wie stupide ich das finde hier nur ein paar Wege offen zu halten und den Verfall zu sehen. Aber es gab keine Möglichkeit, wirklich nicht. Hoffen wir daß dieser Geist uns nicht verarscht hat. Und dann wäre ja noch die Frage, ob Lelianth nicht gefährlich ist. Nochmal so eine Brandkatastrophe, das wäre übel.” - “Ihr habt die Leute in der Kristallwelt, die das überprüfen können.” - “Ja. Und da wo du arbeitest, einen Stock höher, sitzen die Leute, die entscheiden ob sie das tun sollen.”

Wir gingen sehr viel schneller zurück als wir gekommen waren, und der üble Geruch, die gefährlichen Dornen, die vernebelte Sicht machten mir gar nichts mehr aus. In Gedanken war ich schon im Palast bei Rathurnida - ich konnte etwas tun für das Land, das mir ein zweites Leben geschenkt hatte. Und, Rathurnida, here we come - genau das würde ich auch tun.

Franedor blieb gleich in der Kristallwelt, ich fuhr heim und ließ den Tag sausen. Nach der durchwanderten Nacht brauchte ich erst einmal mein Bett, Lelianth mußte noch etwas warten.

Unwahrscheinlich, aber hoffentlich....

Alida weckte mich auf, etwas verwundert daß ich am hellen Nachmittag noch schlief. dann machte sie bald ein ernstes Gesicht “mir war ja klar daß du deine Neugier nie zügeln kannst. Aber jetzt hast du dir zu viel aufgepackt. Was meinst du denn, wieviele äußerst fähige Menschen das schon versucht haben? Sie sind alle gescheitert. Ich finde das zwar auch beschämend, daß wir bei allen Künsten nicht mit einer unfruchtbaren Pflanze fertig werden - aber so ist es nun einmal. Man muß auch eine Niederlage hinnehmen können, und schließlich haben wir ja genug fruchtbares Land, neuerdings noch mehr, das genügt doch völlig.” - “Ich sehe das nicht pragmatisch. Mich reizt einfach die Aufgabe.” - “Oh..Ritter Norman. Wenn du dir da nicht das Rückgrat brichst...” - “Hör schon auf schwarz zu sehen. Sage mir lieber, wer Mellardor von Lelianth war.” - “Es gab zwei davon - meinst du einen schweren Kleiderschrank, einen Hünen von einem Kerl, oder einen hageren, feinsinnen Typen?” - “Den letzteren.” - “Das war der zweite, der letzte König von Lelianth. Wie kommst du auf ihn?” - “Wir sind ihm begegnet.”

Alida setzte sich, sah mich ganz seltsam an “ich wußte gar nicht wie weit deine Sicht doch schon reicht, und Franedor’s ebenfalls...war’s eine angenehme Begenung?” - “Für mich ja, für Franedor..nun, sagen wir mal, teils, teils.” Sie lachte. “Ja, also, Mellardor. Viel hatte er nicht zu sagen, das Land wurde ja schon lange von Atlantis aus regiert und Lelianth war eine Bauerngegend - sehr zum Leidwesen von Mellardor. Er bemühte sich um Künste und Wissenschaften, war oft in der damals noch neuen Kristallwelt und reiste auch gern nach Südamerika. Es blieb ihm nur wenig Zeit etwas für sein Land zu tun, denn er war noch jung als dieses Unheil hereinbrach. Er hat sich dann noch jahrelang bemüht Leliartis wieder aufzubauen, aber ohne Erfolg, weil die Stadt ja wie eine Insel  in einem toten Meer ist. Er ist auch dort gestorben, als nur noch wenige Bürger dort lebten. Wie war er denn?” - “Kurz angebunden, würde ich sagen. Wir haben einige Sätze gewechselt, und schon war er wieder verschwunden.” - “Und ausgerechnet der tote König hat euch gesagt wie ihr mit dem Gestrüpp fertig werdet? Das ist seltsam. Das hätte er doch selbst tun können, als er noch lebte?” - “Wie soll ich das wissen. Wäre er jemand, der Andere in die Irre schicken würde? Franedor deutete so etwas an.” - “Das glaube ich nicht. Von diesen Dingen versteht unser genialer Schiffbauer auch kaum etwas. Nein, wenn er das gesagt hat, sollte man es auch versuchen, das ist schon richtig. Wird aber nicht leicht sein, nach so vielen Mißerfolgen. Der Rat wird sich kaum darauf einlassen.” - “Muß er ja nicht. Franedor wird Llamas besorgen - wir werden es bald wissen.”

Alida bestand darauf daß ich Rathurnida einweihen müßte, war aber nicht bereit den Vorschlag zu unterstützen “das ist deine Idee, also geh jetzt zu ihr und versuch’ sie zu überzeugen.”

Warum nicht, ich hatte es ohnehin vor. Eine Stunde später zeigten sich Falten auf Rathurnidas Stirn...”das ist verrückt, Norman. Ausgerechnet diese Lasttiere? Wer weiß ob die bei uns überhaupt leben können. Lelianth ist ja kein Hochgebirge.” - “Würdest du denn Mellardor von Lelianth für einen Lügner halten?” Sie schwieg und musterte mich lange. “Du hast Fähigkeiten die mich staunen lassen. Nein, ein Lügner war er gewiß nicht. Du hast ihn wirklich getroffen?” - “Er nannte sich so. Und ich habe keinen Zweifel...” - “Gut, gut. Norman, ich wollte ich hätte selbst mit ihm gesprochen. Aber das darf der Rat nicht so schnell erfahren...die sind immer so zögerlich. Auch ich habe einen Berg von Bedenken und einen Krümel Hoffnung...bring’ mich zu ihm, ja?” - “Auffälliger geht es ja wohl nicht, als wenn die Königin Lelianth besucht...?” - “In dieser Dornenrüstung der Lelianth-Arbeiter wird man mich kaum erkennen. Komm, tun wir’s gleich, bevor mir mein Verstand erzählt ich hätte meine Sinne irgendwie verloren.”

Na, sowas...raus aus dem Palast durch eine Hintertür, ein uralter kleiner Gleiter aus einem Schuppen an der Rückwand, und eine Königin die es unwahrscheinlich genießt einmal selbst zu steuern. Auch die Kristallwelt betraten wir nicht durch das große Tor, ene kleine Pforte am Hafen genügte auch. Und, siehe da, Rathurnida kannte sich bestens aus. Kleine Treppen, eher wenig benutzte Gänge und schon standen wir vor der dreifach gesicherten Tür. Sie sah wirklich wie ein Arbeiter aus in diesem Metallzeug...”sag nur, du hast auch die Schlüssel?” - “Nein, die hat nur Franedor. Aber die Tür kennt mich.” Sie legte eine Hand auf das Schloß - die Tür schwang auf und verriegelte sich selbst als wir durch waren. “ich wollte das schon oft fragen. Was heißt das, die Tür kennt dich???” - “keine Ahnung wie das gemacht ist, ich bin kein Mechaniker. Da sind einige kleine Kristalle im Schloß, aber mehr weiß ich nicht. Ist das so wichtig? Zeig’ mir den Weg, ich war nie hier.”

Ach du je. Ich dachte, wir werden uns bestimmt verlaufen in diesem Nebelgestrüpp, aber der Kristall den sie hoch hielt war sehr viel heller als der von Franedor, ich konnte tatsächlich den Weg finden. Er kam mir kurz vor, bald gingen wir durch das Stadttor und ohne zu zögern in den alten Palast. “das sieht ja schandbar aus hier” ärgerte sie sich “leer oder nicht, es ist ein Königshaus. Egal ob wir Lelianth von seiner Plage befreien können, das wird geändert. Dazu brauche ich auch nicht den Rat - wo ist die Königshalle?” - “Einige Treppen hoch.” - “gehen wir.” Schnell wie der Wind eilte sie die Treppen hoch...

Wir saßen an der langen Tafel, sie sah sich jedes Detail im Raum an. Es war nicht so hell wie in der Nacht zuvor, aber ihr Kristall machte genug Licht dazu. Die Fenster waren dunkelblau...der Leuchter war wieder abgedeckt worden. Mellardor ließ uns warten.

Sie spürte ihn wohl bevor ich ihn wahrnahm, und stand auf. Dann erschien der Geist in der Tür, blieb stehen - und verneigte sich tief. Wortlos verneigte sich auch Rathurnida. “Willkommen, sehr willkommen....” klang es von wer-weiß-woher und Mellardor kam näher. “Liebste Rathurnida, meine Verehrung, meine übergroße Freude....verzeih den Zustand meines Hauses, ich kann das leider nicht ändern...” - “Ich werde es ändern, Mellardor. Was machst du nur noch hier , es muß dir doch Kummer bereiten...du solltest ganz woanders sein.” - “Ja...ich nehme an, die wollen mich dort nicht. Ich habe versagt, Königin. Mein Volk ging zugrunde, mein Land ist nichts mehr wert - was tauge dann ich noch? Aber du bist sicher nicht hier um die Sorgen eines Toten zu hören. Sprich, liebste Rathurnida.”

Die hatte Tränen in den Augen. “komm näher, ich will sehen was ich tun kann.” mit fragendem Gesicht, zögernd, kam er näher - Rathurnida umarmte ihn. So standen sie einen Moment still, dann veränderte er sich. Nicht mehr neblig, sah er aus wie ein Lebender und seine Stimme kam nun wirklich aus seinem Mund....”das ist Hexerei. Ich kann dich spüren...” - “Für eine Weile, Mellardor, mehr kann ich nicht tun. Es spricht sich leichter mit jemandem dessen Hand ich halten kann. Nicht loslassen...hexen kann ich nun doch nicht.” Für mich war das etwas zu viel. Er hatte ja noch eine Hand frei, und die griff nach meiner - seine Hand war keineswegs kalt. Nun ging es mir wie zuvor Franedor, ich fand weder Worte noch Stimme; dafür redeten König und Königin umso mehr. Ich bekam kaum etwas davon mit, so verzaubert war ich. Der Kerl gefiel mir...ihr wohl auch, denn nach einer Weile schickte sie mich raus. Ich möchte keine Vermutungen anstellen warum, jedenfalls dauerte das eine längere Weile die ich allein auf dem Turm verbrachte; nur ein paar Sterne hätten noch gefehlt an diesem stillen, märchenhaften Ort. Na gut, dafür waren ja Lichtpunkte auf dem Meer zu sehen.  Ich stand versonnen auf dem Turmplateau und genoß die Fernsicht, dann stand sie plötzlich neben mir.

“Er hat nicht gelogen” sagte sie einfach und schubste mich “aufwachen, Norman. Er ist fort - vielleicht für immer. So einen Mann könnte ich im Palast gut gebrauchen, schade daß er tot ist. Na, wir werden ihn ehren und sein Haus instand setzen. Wann, sagtest du, will Franedor diese Biester holen fahren?” - “Ich sagte gar nichts. Ich weiß es nicht. Warte mal...wir sprachen von einer Probefahrt, wenn er ein neues Schiff prüft.” - “Das dauert viel zu lange. Sag ihm bitte, er soll sich die ”Königin von Avalonia” nehmen und sofort losfahren, ja?” - “Dein Schiff? Liegt das nicht im Dock? Und paßt dieser Segler überhaupt durch den Tunnel?” - “Ja, ein paar Reparaturen. Soll er sie um Kap Hoorn herum ausprobieren - wenn sie das aushält, ist die Prüfung gelungen. Außerdem kann man die Masten umlegen - oder meinst du, eine Königin möchte nicht auch einmal reisen?” - “Ordne du es doch an.” - “damit das ganze Land davon weiß? Nein. Du sagst es nur ihm, und ich sage in der Kristallwelt Bescheid daß sie ihm das Schiff überlassen. Aber er soll ja nicht Llamas in die Kristallwelt bringen - in Vangardis ausladen, sag ihm das. Einen chilenischen Paß kann er sich bei mir direkt abholen. Wir geben ihm auch Dollars um die Viecher einzukaufen. Was kostet wohl ein Llama?”

Ich wußte es nicht und freute mich wie ein Kind über ihre spontane Art. Dann setzte sie sich auch noch auf diese morsche Brüstung...”könnte schön sein hier, was, Norman? Hoffen wir daß es klappt.”

Wir saßen dann noch lange dort, still und beide wohl sehr zufrieden. “Es wird auch ohne Hakendorn eine Menge Arbeit sein” sagte sie schließlich “allein, wie man an Wasser kommt. Und keine Straßen, keine Dörfer, alle Kulturen vernichtet...das wird dauern.” - “manche Kulturpflanzen wachsen noch in den Ruinen.” - “Ich hab’s gesehen. Leliartis wird anfangs eine Gärtnerstadt sein müssen...nur hier können wir ja eigentlich sofort anfangen. Also...Palast renovieren, Schutt wegräumen, Gärten anlegen - Häuser erst später. Ha, die Gärtner werden im Palast leben...verrückt, aber nur so geht es. Wenn die Llamas halten was Mellandor versprochen hat. Danke, Norman...aber jetzt gehen wir besser. Ich habe viel vorzubereiten. Als erstes einen Gleiterplatz hier oben, über dem Dornenzeug, dann können die Männer auch den nutzlosen Kampf mit den Dornenhecken einstellen. Na, dann los.”

Wieder hatte ich mir eine Nacht um die Ohren gehauen, aber das gefiel mir. Müde, aber sehr ruhig innen kam ich heim und legte mich noch für ein Stündchen zu Alida...

Dornröschens Insel

Ich weiß nur wenig von Franedors Fahrt um das gefürchtete Kap - ich war nicht dabei. Natürlich hatte ich ihm ausgerichtet was Rathurnida mir aufgetragen hatte, aber mehr erfuhr ich nicht. Auch die Königin selbst tat so als wäre gar nichts im Gang, und als ich einmal nach dem Schlüssel für Lelianth fragte, wurde ich abgewiesen - den hat eben nur Franedor und der hatte Urlaub genommen, sagte man mir. “Wir haben es dort auch aufgegeben” sagte mir der Wächter in der Halle der Kristallwelt “es bringt ja nichts.” Ich rätselte ob er mich abwimmelte und Bescheid wußte und einfach nur sagte was man ihm vorgegeben hatte zu sagen. Ging das überhaupt? Lesen konnte ich ihn nicht. Mich ärgerte das, und was macht so ein “Journalistenarsch” wenn er meint, man verschweige ihm etwas? Er recherchiert auf eigene Faust.

In diesem Fall waren es zwei, die das taten - Alida und ich, obwohl Alida mir mehrfach versichert hatte, ich würde auf Lelianth keinen Landeplatz für einen noch so kleinen Gleiter finden; aber sie kam mit. “Wenn alles nichts hilft, können wir doch vor Vangardis wassern und an Land waten, oder” so hatte ich sie überzeugt. Franedor wurde schon zurück erwartet als wir aufbrachen.

Ganz so schlimm war es nicht. Auf der Hochebene gab es zwar wirklich keine Landeplätze, und als ich meinte, man könnte vielleicht in Leliartis selbst.. .mußte ich auch passen, die Ruinenhügel waren nicht annähernd für eine sichere Landung geeignet. Ein paar Meter ebene Fläche braucht’s eben doch, bei allen Flugkünsten. Auch Alida wagte das nicht. Also ab nach Süden, über endlose neblig-braune Flächen bis zum Südkap. Dort, nur wenige hundert Meter vor der Steilküste, gab es noch einen kleinen Rest der alten Landschaft, aber eben Wald, und der erlaubt auch keine Landung. Unter der Steilküste, auf einem schmalen Streifen sandigen Lands, kamen wir nach Vangardis und dort gab es einen Strand - na also. Die Stimmung dort war richtig schön lebendig, Mövengekreisch, Krabben an der Wasserlinie, angeschwemmte Quallen - ganz normal. Auch war der Hafen nicht “völlig hinüber” sondern schlicht versandet. Die Vangarde mündet dort geräuschvoll über einen Wasserfall ins Meer, dort fischten die Möven eifrig und stritten sich um die Beute.

Das Dorf sah gar nicht so übel aus. Klar, die Steindächer vermoost und teilweise mit Büschen bewachsen (keine Dornbüsche!) die Fenster trübe und alles Holz stark vermodert, wenn überhaupt noch da - aber besser als erwartet, fanden wir beide. Nur Menschen fehlten natürlich, aber wir hatten einen guten Tag erwischt. Wir hatten gerade ein paar Blicke in die alten Häuser riskiert und kamen aus einem eher zu kleinen Haus, da starrte mich ein eigenartiges Gesicht an . Alida erschrak, und ich bekam eine warme, nasse Zunge ins Gesicht...das war wohl ein Llama, kombinierte ich und machte einen Schritt zurück “Bööööhhh.. .” sagte das Tier und wich ebenfalls zurück. Aha, sie waren schon hier...mit etwas Glück würden wir vielleicht auf Franedor treffen.

Wir mußten uns nur von Llama zu Llama weitertasten und wurden dabei neugierig beäugt, dann sahen wir die “Königin von Avalonia”. Sie lag etwas abseits vom Hafen an einer Felsklippe, und dort bemühten sich Franedor und seine Leute, die Tiere zu überzeugen daß es ungefährlich ist über einen schmalen Holzsteg an Land zu gehen. Sie sahen uns, winkten, und schon waren wir eingespannt. Llamas schubsen, vom Ufer her mit Grasbüscheln locken, und so weiter - das dauerte Stunden. “Wieviele sind das eigentlich?” wollte ich wissen als der ganze Strand von dem “Bööööhhh, Böööööh...” widerhallte. “Stücker hundertfünfzig” sagte Franedor “und die sind anstrengend. Man hat uns zwar genug Futter mitgegeben, aber die Biester sind anhänglich. Die wollen ständig gestriegelt werden, schmusen...eine nasse Sache...aber auf dem Meer hatten sie keine Angst, das war gut. Kap Hoorn ist ja eine Scheißgegend, sage ich dir - kalt, und wie kalt. Wir sind schließlich kaum noch an Deck gegangen, an der Oberfläche ist alles vereist, und das sind wir ja nicht gewohnt. Diese Luxuskutsche hat ja keine Heizung. Na, unten ist alles zugeschissen - das wird eine Menge Arbeit, da wieder klar Schiff zu machen. Wie kommen wir denn jetzt von hier auf die Hochfläche? Wißt ihr das?”

Wir wußten es bald, nach einem kurzen Rundflug über Vangardis. Nur eine schmale, steile Treppe, halb verwachsen und nicht im besten Zustand, führte durch eine Schlucht nach oben in den Wald. Es war nicht leicht die Tiere dort hinauf zu treiben, und oben beschwerten sie sich dann hörbar. Waldgras, Laub und Pilze waren wohl nicht ihr Ding, sie gingen einfach nicht weiter, bockig wie die Ziegen. Erst als Franedor voraus eilte und am Waldrand, am Rand der buckligen Lava, einige Hakendornzweige abschnitt und sie als Lockmittel benutzte, setze sich die Herde wieder in Bewegung. Dann wurden sie stiller, man hörte das rascheln und knacken der Dornzweige als sie über das Geheck herfielen. “na also, sie mögen es” freute sich Franedor “jetzt bin ich gespannt wie gründlich die das abmähen.”

Sie “mähten” sogar sehr gründlich. Erst machten sie alle Zweige bis auf den Stamm nieder, dann bissen sie in den Stamm und rissen ihn mitsamt Wurzeln aus dem Boden, machten es sich bequem und kauten Wurzeln. Erst wenn von einem Busch absolut gar nichts mehr übrig war, kam der nächste dran. Dennoch, in einigen Stunden hatten sie kaum mehr als zehn Meter dieses Gebüschs vernichtet, auf eine Breite von vielleicht hundert Metern.”das wird dauern” meinte Alida “tausend Stück wären wohl besser, die Herde ist zu klein.” - “ich nicht” sagte Franedor sofort “noch so eine Tour, und ich kündige. Vielleicht vermehren die sich ja auch hier.” - “Na, jedenfalls klappt es wohl. Wird wohl noch darauf ankommen ob das Dreckzeug nachwächst und wie schnell.  Wir können dann wohl..?” Alida gähnte. “ja, wir machen auch die Flatter” meinte Franedor - wir überließen die Andenviecher ihrer Arbeit. Langsam ging es zurück über das abendliche Nebelmeer über Lelianth, an dessen Schicksal nun vierbeinige Fremdarbeiter werkelten.

Wir kamen aber nach einigen Tagen zurück, nicht heimlich und nicht nur wir zwei. Rathurnida und der gesamte Rat waren auch dabei, mit etlichen Gleitern konnten wir nun schon auf der kahlgefressenen Fläche über Vangardis landen, was die Llamas wohl schockierte, sie versteckten sich in den Büschen. Nun ging das hin und her der Meinungen los, angefangen mit Schätzungen wie lange es wohl dauern würde bis genug Platz da wäre um wenigstens dieses Dorf zu ernähren. Der alte Savonedor erwies sich als Kenner, nahm eine Hand voll Erde, roch daran, rieb sie zwischen den Händen und war zufrieden “das ist ein Boden den es sonst nicht gibt bei uns. Sehr fruchtbar, wenn wir nur für Wasser sorgen.” Nun, da war ja die Vangarde...unter uns. Aber nicht nur er bückte sich, und schon hatte Paldor von Henartis einen Sproß in der Hand “Da - ich wußte es doch. Kaum sind die Büsche weg, kommen junge Triebe. “ - “Die werden den Llamas sicher auch schmecken” meinte Rathurnida, und so ging es weiter. Argumente für und wieder, gute Erde gegen zähe Büsche, aber allmählich überwog Optimismus, denn inzwischen waren die Llamas wieder an der Arbeit, und das machte Eindruck.

Sie hatten sich weit verteilt, und so gab es etliche tiefe Einschnitte in das zähe Geflecht, man konnte sich frei bewegen - einige hundert Meter weit. Und so bekamen wir auch ein Stück schwarz glänzende Basalt-Oberfläche zu sehen. “Ja, da wäre dann doch noch etwas” meinte Sonaldira, schon immer als übervorsichtig bekannt. “Wer gibt uns die Garantie, daß dieser vernichtende Riß im Felsblock unter uns wirklich dicht ist und es auch bleibt?” - “kein Mensch” sagte Rathurnida sofort “aber sei mal realistisch. Du lebst am Atalan-Hang, und da hast du die gegenteilige Garantie - der Atalan ist und bleibt garantiert gefährlich, und dir geht es gut. Schläfst du etwa schlecht wenn er ausbricht?” - “nein, dann schlafe ich bei meinen Kindern in Mirarthris.” Alles lachte. “Eben. Heute gibt es Gleiter, würde dasselbe passieren, es hätte bei weitem geringere Folgen.” - “Theoretisch. Die Gleiter gab es damals auch schon.” - “Ja, aber nicht hier, oder nur wenige. Bauern verwenden noch heute lieber Karren, wegen der schweren Lasten. Hier müßten sie sicherheitshalben eben unbedingt Gleiter haben, wenn auch nur für den Notfall.” Sonaldira wehrte ab “ich möchte hören was die Fachleute sagen. Kaldathor, was sagst du? Komm mal näher.”

Kaldathor, kein Ratsmitglied, aber der leitende Vulkanologe der Kristallwelt, trat in den Kreis. “Eine Garantie kann dir nur Gott geben” sagte er sofort, und Sonaldira machte eine verächtliche Handbewegung “das gilt überall. Leider tut er das nicht. Wie wahrscheinlich ist denn so ein Spaltenausbruch?” - “Tja, über Spaltenausbrüche weiß man wenig weil sie so selten sind - und so vernichtend. Es bleibt nichts übrig als eine glatte Basaltfläche, wie hier. Bei uns gab es bisher nur diesen einen - in Island ist das häufiger, aber in unbewohnten Gebieten die gleich nach dem abkühlen wieder vereisen. Indien ist durch so einen Ausbruch entstanden, der ganze Subkontinent. Das war der größte Spaltenausbruch von dem wir wissen, und das ist zehntausende von Jahren her. Ich denke, was du wissen solltest, ist, daß es so gut wie ausgeschlossen ist daß es am gleichen Ort zweimal passiert. Mir macht Lelianth, was das angeht, überhaupt keine Sorgen.” - “So? Na, das sind gute Nachrichten. Und wie stehen die Chancen diese glänzende Oberfläche fruchtbar zu machen? Und wie groß sind Flächen wie diese?”

Der Mann breitete die Arme aus. “Man wird es sehen wenn das verdammte Buschwerk weg ist. Basalt an sich gibt eine gute Verwitterungserde. Mit Moosen und Wasser kann man das auch beschleunigen, aber Zeit braucht es natürlich.” - “danke, Kaldathor” sagte Rathurnida zufrieden “ich denke, wir sollten jetzt die nächsten Schritte beschließen. Ich meine, Gärtner und Bauern sollten sofort wenn eine Fläche von dem Teufelszeug befreit ist, für Wasser und Bewuchs sorgen. Noch keine Kulturpflanzen - erst einmal Pioniergewächse, die den Boden verbessern. Sonaldira?” Die seufzte tief. “Wir kämpfen hier gegen Gestrüpp und Trockenheit - erfahren sind wir aber nur im Kampf gegen die See. Wenn man das so macht - ich bin dabei.” - “Also machen wir das konkret: ich gebe Vangardis zur Wiederbesiedlung frei.  Und dann, immer hinter den Llamas her, weiter nach Norden. Jemand dagegen?”

Es gab keine Gegenstimme. Und so lange die Beratung über das “ob” gedauert hatte, so schnell war die Beratung über das “wie” vorbei. bald war abgesprochen daß man Wasser der Vangarde hochpumpen würde, von Vangardis aus neue Straßen anlegen und eine weitere Llama-Herde anschaffen, die sich von der Kristallwelt aus durchs Gebüsch fressen sollte. So ganz nebenbei ließ sich Rathurnida auch die Wiederherstelung der alten Stadt Lelianthis absegnen - das war’s, aus der Beratung wurde gemütliches Geschwatze. Und, als wollte die Natur mithelfen, es zogen Wolken auf und ließen es kräftig regnen. Notgedrungen endete die Versammlung im verfallenden Rathaus von Vangardis, wo wir das Ende der Wolkenbrüche abwarteten.

Nicht nur Bauernland

Die Verwandlung von Leliartis begann also, zwar langsam (Llama-Tempo...) aber doch merklich. Rathurnida bot zuerst den noch bekannten Nachfahren der ehemaligen Bewohner an, in ihre Familienhäuser zurückzukehren die natürlich bereits instand gesetzt wurden. Vangardis war zwar herunter gekommen, aber nicht schwer beschädigt - und tatsächlich entschlossen sich einige Familien, die den Ort nie gesehen hatten, dort zu leben. Das machte aber keine zwanzig Prozent der ehemaligen Bevölkerung aus, also bekamen nun Neubürger dort Häuser angeboten. Es sprach sich herum, und plötzlich war Vangardis wieder etwast bewohnt...dafür gab es vor allem in Mirarthris einige leere Gebäude. Man baggerte den Hafen aus und lebte anfangs hauptsächlich von Fischerei und Holzwirtschaft, da ja noch keine fruchtbaren Felder geschaffen waren. Natürlich mußte so einiges per Schiff dorthin geschafft werden, also belebte sich der Hafen schnell.

Am anderen Ende von Lelianth, bei der Kristallwelt, wurden die Llamas nicht einfach losgelassen, sondern geführt. Sie sollten zu allererst einen Weg nach Leliartis freilegen, denn dort stand einiges bevor. Provisorisch hatte man schnell einen Gleiterplatz geschaffen, auf Kosten einiger Ruinen die ohnehin verloren waren. Aber ohne eine Straße war es nicht möglich, die großen Steinblöcke zum Palast zu schaffen die sich schon im Hafen von Mirarthris stapelten und für die Reparaturen am Palast unbedingt gebraucht wurden. Der Prachtbau wurde zwar nicht mehr in seiner alten Funktion benötigt; wegen des Zustands der meisten Häuser war er jedoch enorm wichtig, da man ihn schnell wieder brauchbar machen konnte. Der Leuchter oben auf dem Turm wurde nicht mehr verdunkelt.

Ein anderes Hindernis war Wasser. So dauerte es nicht lange, bis man die Gewölbe um die Vangarde-Quelle besuchte, und kurz darauf herrschte große Aufregung. Was Franedor unwichtig gefunden hatte, kam nun ans Licht und löste Erstaunen aus. Nicht daß alte Waffen oder Küchengeräte so begehrt wären, die Museen sind ja voll davon. Die Wasserpumpen bewirkten da schon mehr, sie konnten an Ort und Stelle sofort ihre Arbeit beginnen. Aber die alten Bücher entpuppten sich als Fund des Jahrhunderts.

Man war in den Archiven der Ansicht gewesen, seit Arnathor hätte man die Geschichte des Landes hier aufgeschrieben, aber leider nichts über die Kolonien oder Handelsniederlassungen. Nun fand man genau das, eine lückenlose Auflistung aller Städte mit denen Handelsbeziehungen bestanden, egal ob Kolonie oder fremde Hafenstadt. Und weitaus mehr als das, detaillierte Beschreibungen dieser Orte bis hin zu genauen Angaben über die gehandelten Güter, deren Preise, Zustand und Politik besuchter Länder...eine Schatztruhe für die Historiker, denn über diese Zeiten (lange vor dem römischen Reich!) liegen kaum schriftliche Zeugnisse vor. Da hatte wohl ein König dieser Bauerngegend wenig beachtete Schriften gesammelt und so vor der Vernichtung bewahrt...was die Restaurierung des alten Palastes zu einer vorrangigen Aufgabe machte und dem alten Haus eine neue Aufgabe verpaßte. Dort entsteht nun, außer Wohnungen, das “Museum der Kolonien” das wohl eine von ganz wenige Quellen sein wird, die das Studium der Jungsteinzeit ermöglichen.

Die ersten neuen Bewohner von Leliartis waren also Historiker und Fachleute für alte Schriften, die mühsam, Seite für Seite, die alten Dokumente so bearbeiteten daß sie die Neugier der Forscher aushalten können. Dabei bleib es aber nicht, denn, einmal dabei, gab sich der Rat einen Ruck und beschloß im alten Leliartis einige Einrichtungen zu schaffen, deren Bau längst beschlossen war; man suchte nur noch nach dem geeigneten Ort. Und wo hätte man leichter eine neue Universität, eine zweite Produktionsstätte für Gleiter, eine Akademie für Landbau schaffen können als in einer Stadt, in der ohnehin die meisten Häuser abgerissen und neu aufgebaut werden mußten? Dementsprechend ging man zu Werke und - von oben nach unten, angefangen mit dem Palast, endend mit der Stadtmauer - prüfte jede Ruine ob sie noch tragfähig war, also instandgesetzt werden konnte, oder ein Neubau die bessere Lösung wäre.

Nur etwa zwanzig Prozent der Wohnhäuser erwiesen sich als reparaturfähig. Es war also einfach, eine Art “Wissenschaftszentrum” zu schaffen, eine Ergänzung zur Kristallwelt die ja gleich nebenan liegt und in manchen Abteilungen längst überlastet war. Die ersten Jahre in der wiedererwachten Stadt würden ungemütlich werden, meinte Alida denn auch “eine Stadt für Bauarbeiter”. Von denen übrigens gar nicht wenige dann gleich dort blieben, nachdem sie ganze Viertel so perfekt neu aufgebaut hatten daß sie ihre alten Häuser gar nicht mehr so gut fanden. Arbeit für Jahre war das, denn auch die Frischwasserleitungen waren geborsten, eine Kanalisation gab es gar nicht - dafür gut erhaltene, aber nutzlose Gebäude wie Wehrkastelle an der Stadtmauer, in anderen Städten längst abgerissen oder umgebaut. Uns jedenfalls reizte es gar nicht, etwa nach Leliartis umzuziehen.

Rate mal, wer..?

Ich habe keine Ahnung wie er darauf kam - ich hatte jedenfalls nichts erzählt, und Leliath war auch nie Thema einer Beratung gewesen. Er sagte das eher nebenher, als wir im “Faß” ein Gläschen leerten, Malcolm. “Meinst du nicht, der ideale Wohnort für mich und Vahrsonia wäre vielleicht Vangardis?” - “Wieso ausgerechnet Vangardis?” - “Na, von dort nach Adarnia ist es wesentlich näher als von der Kristallwelt aus. Einen Hafen hat’s auch. Soll ja ganz romantisch sein - ich muß mir das einmal anschauen.” - “Romantisch stimmt schon, aber Adarnia, das war einmal. Soweit ich weiß gibt es den Zugang zum Tunnel nicht mehr.” - “So? Na, er wird von dem Basaltzeug wohl verschüttet sein, aber das kann man doch freilegen. Ich meine ja nur...da habe ich mich nun gebunden, schwer genug, und Vahrsonias Wohnung ist nunmal etwas klein. Soll ja noch freie Häuser dort geben.” - “Da müßtest du dich aber beeilen - Vangardis ist sowas wie ein Geheimtip geworden. Aber hör mal, von dort nach Adarnia - wenn man den Tunnel erreichen kann - ist zwar nah, dafür hast du es aber weiter zu all den Lagerhäusern,  die dich beliefern. Ich sehe da keinen Vorteil.” - “Na gut, stimmt schon. Weißt du, es soll ja ähnlich aussehen dort, wie in Südengland. Ein bißchen Heimweh habe ich halt manchmal, ich denke, dort könnte das besser sein.” - “Naja, das Klima ist auf jeden Fall ähnlich. Kühl, oft neblig, Steilküste....ja, das könnte hinkommen.” - “Siehst du. Nun laß mich auch einmal sentimental sein.”

Kein Problem. “Aber du wirst auf Jahre hinaus nur Nachbarn in Vangardis haben, bis Leliartis ist es weit und derzeit auch nur mit dem Gleiter möglich. Außerdem weiß ich nicht ob es in Vangardis eine Kneipe gibt.” - ”Das wäre allerdings ein schwerer Mangel. Ein Hafen ohne Kneipe? Das ist verrückt. Aber sowas läßt sich ja ändern.”

Er war davon nicht abzubringen. Zwei Wochen später zogen Vahrsonia und er nach Vangardis um, und damit begann eine schwere Zeit für den alten Seebären; Rathurnida lehnte es nämlich ab, den Zugang zum Tunnel instand setzen zu lassen “Adarnia - Kristallwelt ist die bessere Verbindung. In Vangardis ist nichts eingerichtet, etwa für Einführungen. Es ist auch einfach zu abgelegen. Wenn du den Zugang haben willst - greif’ halt zur Spitzhacke.”

Das tat Malcolm auch, und bekam nur wenig Hilfe von den Dorfbewohnern die ja auch erst neu eingezogen waren und genug zu tun hatten, das Dorf gemütlich einzurichten, die Treppe nach oben zu erneuern, Straßen zu bauen...und es war nicht damit getan, Basalt aus dem Eingang zu entfernen. Der kurze Stichtunnel war teilweise eingestürzt und mußte fachgerecht neu ausgemauert werden (außerdem war er zu eng für die “Africanias”) - Malcolm mußte sich mit Bergbau-und Maurertechniken vertraut machen, aber es gelang ihm. Nun war man in Vangardis begeistert, einen wetterunabhängigen Zugang zur Kristallwelt zu haben, und das machte den guten Malcolm binnen weniger Monate zum Bürgermeister. Er war also ziemlich schnell beliebt dort, insofern hatte er gut gewählt. Auch hatte die schwere Arbeit seinen etwas zu fetten Körper ziemlich verwandelt, statt Fett hatte er nun beachtliche Muskelpakete. Aber richtig wohl fühlte er sich erst wieder als er die erste Fahrt nach Afrika wenige Meter vor seiner Terassentür antreten konnte. Die andere Folge war, wir sahen Vahrsonia und ihn nur noch selten.

Ich habe mich wenig um Lelianth gekümmert, seit dort alles auf dem Weg ist - mir sind warme Gegenden sympathischer. Immerhin weiß ich daß die Llamas einen großen Teil freigelegt haben und so ganz allmählich auch Kulturen entstehen. Ich finde es auch ganz normal daß man nun häufig nicht mehr von “Lelianth” spricht, sondern “Llamanth” sagt. Und: ich fühle mich geschmeichelt. Seit einiger Zeit müht sich nämlich Franedor mit einem mächtigen Lavabrocken ab und versucht daraus die verwettete Statue von mir zu machen. Ha, Norman der Schreiber und eine Statue...und Franedor der Schiffbauer mit Stemmeisen und Blockhammer! Das paßt, er kann das nicht und ich verdiene keine Statue. Aber wenn man schon wettet...notfalls können wir sie ja hinter dem Haus aufstellen, wenn sie allzu übel mißlingen sollte...

Und, wenn man über den Ostlanden ziemlich hoch fliegt, bekommt man ein helles, weites Land zu sehen über dem eine schöne Stadt auf einem kleinen Berg im Licht des südlichsten großen Leuchters strahlt, ein grünes Land mit schrumpfenden brauen Flecken. Sofern nicht der Nebel alles außer Leliartis verdeckt, was geradezu märchenhaft aussieht....

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