Schiffe...

Alida hat mich darauf hingewiesen, ich sollte noch etwas zu unseren ungewöhnlichen Schiffen erzählen. Nun gut, das mache ich ja gern, auch wenn ich selbst wenig davon verstehe. Etwas größeres als meine alte Saskia habe ich ja nie gesteuert, und die Schiffe von denen ich hier berichte....nun gut, mal zehn Minuten lang auf dem offenen Meer, wo so ein Elbschiffer wie ich nichts falsch machen kann.

Es geht also um die “Xanthor”-Schiffe.

Ich habe ja schon erzählt wie man die alte Xanthor zum Vorbild genommen hat, um ein neues Fährschiff zu entwickeln, das in der Lage ist aus der beachtlichen Tiefe Avalonias heraus aufzutauchen ohne Schaden zu nehmen. Wir nennen die alte, museale Xanthor die “1” oder auch “X1”. Folgerichtig hieß dann der Neubau, technisch bezeichnet, “X2” - bevor sie auf den Namen “Rifénia” getauft, den Liniendienst nach Rifé übernahm. Zunächst war sie nur ein Experimentalschiff, die Idee sie zur Fähre auszurüsten und Linie fahren zu lassen, kam erst auf nachdem sie so erstaunliche Leistungen gezeigt hatte. Aaaalso, hier ist sie, die “X2”, noch im Kanal von Lelianth liegend, während der Erprobungszeit und noch ohne ihren jetzigen Xanthor X3Antrieb.

  Von der alten “X1” habe ich kein Foto, unter Wasser habe ich das nicht hinbekommen, aber sie sieht ähnlich aus, nur kleiner und mit einem eher eckigen Aufbau darauf, und umlegbaren Segelmasten.  Masten bekam die X2 nicht mehr. Statt einer großen Glaskuppel hatte sie eine Art Erker. Aber das sind Details auf die es gar nicht ankommt, denn was die damalige Xanthor schon auszeichnete und weiter entwickelt wurde, war ihre enorme Robustheit, die ja nötig war für ihren kriegerischen Zweck und heute nötig ist um den Druck großer Tiefen auszuhalten.

  Das war der Ausgangspunkt für die Idee, eine neue Xanthor zu bauen - ein Schiff zu schaffen das sowohl über- als auch unter Wasser fahren kann, nicht nur zeitweise, sondern ständig und dabei so solide gebaut ist daß sie durch die üblichen Gefahren der See nicht so beschädigt werden kann, daß es zum Untergang und Verlust von Menschenleben kommt. Vorgabe des Teams der Mirarthris - Werft: sie muß es überstehen, in großer Tiefe mit voller Geschwindigkeit einen Felsen frontal zu rammen. Jedenfalls muß sie danach in der Lage sein, aus eigener Kraft einen Hafen anzulaufen.

Man kann sich vorstellen was die Schiffbauer zunächst dazu sagten, es war so unhöflich daß ich es hier nicht wiederholen möchte. “Lest die Berichte aus den Schlachten bei Gibraltar” sagte Gerardor, Leiter der Kristallwelt, dazu “und fragt euch warum der uralte Kahn in seiner Lavapackung zwar festsitzt, aber nicht zerquetscht wurde:” Nun, Mélaneisen, dachten sich die Praktiker - aber so einfach ist das nicht. Das Zeug rostet nicht, aber eine Art Röhre daraus kann durchaus von einem entsprechenden Gewicht platt gedrückt werden.  Also krochen sie immer wieder in der alten Xanthor herum, zeichneten, nahmen Maße, und wunderten sich sehr. Nichts, aber auch wirklich gar nichts an dieser alten Konstruktion war so gemacht wie es bei Überwasserschiffen gemacht wird. Spanten? Kiel? Tragende Balken? Nichts davon. Ringe, überall Ringe, innen unter der Außenhaut, in den Zwischenwänden, und dazu keine massiven Innenwände, sondern eigentlich leichte Wände, doppelwandig, und dazwischen etwas wie Bienenwaben. Erst ganz am Schluß begriffen sie daß das alte Schiff eine doppelte Außenhaut hat, und im Hohlraum dazwischen wieder diese “Bienenwaben” aus dünnem Mélaneisenblech. Erstaunlich, wie die das damals hinbekommen haben. Wieviele Arbeitsstunden das wohl gewesen waren? Selbst heute beschäftigt so ein Bau an die 200 Leute ein gutes Jahr lang.

Also, ans Zeichenbrett, Konstruktion aufzeichnen und durchrechnen. Holla, Überraschung: ob die alten Schiffbauer das überhaupt gewußt hatten, als sie nur an Rammstöße in geringer Tiefe gedacht hatten? Der alte Kahn konnte rechnerisch gut 1000 Meter tief tauchen. Es gibt keinen Bericht daß er das je getan hätte. Aber über 4000 Meter? Und sicherheitshalber lieber 5000? Sie rechneten weiter und kamen rechnerisch hin, staunten aber dann doch als Gérador den enormen Bedarf an Mélaneisen lächelnd akzeptierte “das ist unser Problem, wir liefern euch das schon, nach und nach. Schaut ihr mal, daß ihr auch bauen könnt was ihr gezeichnet habt.”  Nun, sie mußten einen gewaltigen Schweißofen konstruieren und herumtüfteln um die “Bienenwaben” zu erzeugen, aber das war das geringere Problem. Es mußte ein neuer Antrieb her, eine Maschine die Mélan verbraucht, kam nicht in Frage. 2 Jahre vergingen in denen die Kristallwelt unter Hochdruck Mélan produzierte, dann war es soweit. Die ersten Bleche wurden geglüht, geformt und provisorisch verbunden. Ein Kessel der den alten Antrieb ersetzen sollte, wurde gegossen und ausprobiert. Zufrieden war kein Mensch damit, das funktionierte stoßweise; aber damit wurde die “X2” erst einmal ausgestattet. Alle bangten um den großen Tag als das enorme Schiff (220 Meter lang, bis zu 23 Meter Durchmesser) langsam durch den Schweißofen gezogen wurde.

Die Schiffbauer auf der Werft waren ehrlich erstaunt als die X2 ohne das geringste Leck einen ersten Probelauf im Kanal von Lelianth absolvierte, und vorsichtig mal auf 80 Meter Tiefe ging. Umso größer war dann die Freude als sie wieder am Kai lag (Bild). Es folgten Tauchgänge auf 200, 500, 1000 Meter und schließlich der alles entscheidende, riskante Versuch: nach Rifé, aus gut 4400 Metern Tiefe auftauchen. Danach wurde gefeiert, obwohl klar war, das war noch kein taugliches Schiff. Zu langsam, und diese Ruckelei...zurück ans Zeichenbrett, aus dem Antriebsprizip der Gleiter einen Schwerkraftantrieb für so einen Riesen entwickeln. Es dauerte weitere 5 Monate, dann wurden auf jeder Seite des Schiffs verdeckt 24 Mélanaden eingebaut, deren Neigung und Drehung  mit zwei kleinen Hebeln gesteuert werden kann. Das Ergebnis verblüffte seine Konstrukteure, nun war das Schiff schneller als alles was sonst so herumschipperte, und kein Ruckeln mehr.

Weitere drei Monate später wurde die X2 auf “Rifénia” getauft. Sie war mit einer großen Passagierkabine und zwei Frachträumen ausgestattet worden, und ein akzeptables Passagierschiff geworden, auch wenn gleich am Anfang geklagt wurde daß die winzigen Fenster an den Seiten an die Schießscharten einer Burg erinnerten...weil das hohe Reisetempo und der enorme Komfort (keine Vibrationen, kein Lärm, sehr viel Platz) alles in den Schatten stellte was sich bis dahin “Fähre” genannt hatte. Nach und nach wurden weitere Schiffe dieser Bauart gebaut, die “Tenaria” als wir Tenar zurück erhielten, die “Patagonia” die als einzige Xanthor bei uns in Conartis daheim ist und die “Africania13” für Malcolms Flotte. Aber zufrieden waren die Schiffbauer nicht. Sie wollten nun den Komfort eines Großseglers mit der Geschwindigkeit und Tauchfähigkeit einer Xanthor verbinden. Daraus entstand der Typ “X3” der heute gebaut wird. 

Der Unterschied ist äußertlich nicht groß; die X3 ist länger und breiter (300*28 Meter) und der einzig sichtbare Unterschied sind größere Seitenfenster. Zusätzlich hat sie eine zweite Glaskuppel an der Unterseite, was sie auch für Meeresforschung tauglich macht, einen noch stärkeren Antrieb, aber der wirkliche Unterschied zeigt sich nur in der Überwasserfahrt: sie kann ihren “Rücken” aufklappen, was ein doppelt so breites Oberdeck ergibt, auf dem man die Fahrt im Sonnenlicht genießen kann, wenn man auf dem oberen Atlantik fährt. Sie hat nur einen Frachtraum, aber Kabinen und eine Küche, kann 15 Tage ohne aufzutauchen unter Wasser fahren und ist unter Wasser schneller als darauf: 80 Kn getaucht, 68 Kn aufgetaucht. Werte wie bei einem Rennboot, aber ohne das Gezappel und den Motorenlärm.  Es ist klar: das ist ein Schiff für weite Strecken, keine Inselfähre.

Damit sind wir bei der Sache von der ich hier erzählen möchte.

Nach New York, per Xanthor - Express

Die erste X3 wurde auf den Namen “Americania” getauft, denn sie war für eine Linienverbindung nach Miami/Florida vorgesehen. Sie machte Probefahrten nach Kapstadt und Rio, wurde noch etwas nachgearbeitet  weil die Luft bei längerer Tauchfahrt zu feucht wurde, und lag dann in Illardis bereit für die erste große Fahrt, die ausnahmsweise nach New York gehen sollte, um unsere UN-Delegation sowie das Königspaar zu einer UN-Konferenz zu bringen. Alida und ich waren auch eingeladen mit zu fahren, auch Vahrsonia und Malcolm, denn es ging um Entwicklungsprojekte. Die Rifénia brachte uns nach Illardis, wo die Americania schon bereit lag, viele Passagiere waren schon an Bord, darunter etliche Journalisten, von uns Vera und Holger. Der erste Eindruck war überwältigend, statt simpler Sitze in einem großem Passagierraum gab es komfortable Sessel, ein großes Restaurant und die Kabinen waren ebenfalls vom Feinsten. Das Deck war noch geschlossen.

Ich hatte schon bemerkt daß die Rifénia einen jungen Kapitän hatte, jetzt wußte ich auch warum: der erfahrene Haldor hatte die Americania übernommen und begrüßte uns herzlich. Noch eine halbe Stunde in der weitere Passagiere kamen, und das Schiff (1500 Plätze) war voll besetzt. Schon auf den ersten Kilometern war es deutlich zu bemerken, schnell wie der Wind passierten wir Arganthia, und schon tauchten wir auf, und das Deck klappte auf. Volle Sonne verwöhnte uns als wir Rifé passierten, und erst jetzt legte das Prachtstück voll los...atemberaubend, ich hatte noch bezweifelt daß die 4 Tage Nach New York realistisch waren, aber jetzt glaubte ich das. Haldor kam durch die Reihen und fragte ob der Fahrtwind nicht zu heftig wäre, er könnte ja auch zuklappen - aber das wollte keiner, es war warm und diese schnelle Fahrt ein Genuß. Vera und Holger gingen dann mit ihm und sahen sich überall im Schiff um; mein Interesse an Technik hielt sich in Grenzen, ich blieb sitzen und schloß die Augen...schööön.....

Der Nachmittag verging bei bestem Wetter, beim Abendessen kam dann etwas Wasser in den Wein; Haldor gab bekannt daß wir möglicherweise einem Hurrican begegnen würden “dann können wir nicht mehr oben fahren, müßten tauchen um nicht total durchgeschüttelt zu werden. Ist aber noch nicht klar wer schneller ist, der Sturm oder wir.” Aldor runzelte die Stirn “hält uns das auf?” - “Nein, das nicht. Aber die frische Seeluft und Sonne pur, das wäre dann nicht mehr drin.” - “Ausweichen?” Haldor grinste. “Wenn du mir sagst welchen Weg der Sturm nimmt, gern - einstweilen weiß das wohl keiner. Die Warnung kam eben per Funk rein.”  - “Wo ist der Sturm jetzt?” - “östlich Amazonasbecken. Mag sein, er zieht in die Karibik, Richtung Golf. Dann stört er uns nicht. Heute und morgen ist das jedenfalls noch kein Thema.” Aldor entspannte sich, Haldor ging zurück in den Steuerstand. Das Deck wurde geschlossen, es folgte eine völlig ruhige Nacht, wir fanden die Betten großartig und erwachten an einem weiteren sonnigen Morgen.

Die Sonne blieb uns treu bis in den Nachmittag, dann zogen sich Schleier davor, die See war weiterhin völlig ruhig. Es wurde eher wärmer, schwüler - wir näherten uns dem Äquator. Gegen Abend passierten wir drei Frachter, sonst war der Horizont wie leergefegt. Etwas Wellengang kam auf als es Abend wurde, aber das war nur zu hören, das Prachtschiff reagierte gar nicht darauf. Lagebericht wieder beim Abendessen: der Sturm zog nur langsam, wir waren dabei ihn einzuholen. “Morgen früh wird es wohl wolkig und windig werden, nachmittags müssen wir dann sehen ob wir tauchen müssen. Der Sturm hat jetzt einen Namen: “Kathrina” heißt er. Zieht strikt nach Norden, wir werden wohl durch müssen, oder drunter durch.”  Fragen gab es keine, nur einige Damen waren etwas blaß um die Nase...aber die Nacht blieb ruhig, morgens allerdings wurde es ungemütlich. Windböen trugen Gischt aufs Deck, nach einer Stunde wurde es wieder geschlossen. Kurz darauf kam die Warnung, der Sturm hatte Kategorie 5 erreicht, die höchste. Draußen wurde es duster, aber noch war die See nicht sonderlich aufgewühlt.

Das ging dann in eine Serie von Gewittern über, gegen neun Uhr abends war es soweit: wir mußten tauchen, nachdem zwei superharte Böen uns schräg gelegt hatten. Schnell war es wieder ruhig, Haldor kam und erklärte daß wir jetzt noch schneller fuhren, also gute Chancen hatten den Sturm zu unterqueren und bald wieder in ruhigerem Wasser oben fahren könnten. “Wie lange?” wollte jemand wissen “mag sein, gegen Morgen Mittag, wenn Kathrina so langsam zieht wie jetzt.” Auch das führte nicht zu großen Sorgen, das Schiff lag ruhig und Haldor erklärte, wir fuhren in 200 Metern Tiefe, da spüre man ja keine Wellen. Die wären allerdings happig “alle Schiffe wurden aufgefordert, Häfen anzulaufen. Ist gefährlich, jetzt oben zu fahren. Gut das uns das nichts angeht.”

Die Nacht verlief wieder ruhig.

Gegen 8:30 morgens tauchten wir auf - und gleich wieder unter. Eine Erklärung war unnötig, es war zappenduster draußen, Blitze zuckten, strömender Regen und enorme Wellen. “Nördlicher Bogen” kam über Lautsprecher, Haldor blieb jetzt im Steuerstand “in zwei Stunden sind wir durch.” Na, es wurden doch drei, bis wir auftauchen und oben bleiben konnten, bei mäßigem Wellengang und lockeren Wolken blieb das Deck noch geschlossen, aber das sah schon besser aus. Es wurde schnell heller, um zwei war es soweit, das Deck klappte auf, frischer Wind zog durchs Schiff und die Sonne zeigte sich immer öfter. Gut eine Stunde fuhren wir so, sah man zurück, wurden enorme Wolkentürme immer kleiner. “Kathrina biegt ab in den Golf” erfuhren wir dann und “keine weiteren Störungen zu erwarten.”

Wir steuerten ja östlich an der Karibik vorbei, im Golf von Mexiko wurde es jetzt ungemütlich, aber das lag ja weit ab von unserer Route.

Wir hatten es uns gerade gemütlich gemacht und plauderten über New York, Malcolms neue Ziele und die Zusammenarbeit mit den UN, da gellte die Alarmsirene. “Alles runter, schnell” kam es aus den Lautsprechern, und schon begann das Deck sich zu schließen. “Monsterwelle, alles festhalten” brüllte Haldor ins Mikrofon und klack, das Deck verriegelte. Es gab Unruhe unter den Passagieren, Aldor brüllte nun auch, alles festhalten, Angst haben könnt ihr später...und schon stieg das Schiff vorne hoch, ein Donnern war zu hören, runter gings, rasant mit hartem Aufschlag unten, und nochmal hoch und runter, und nochmal. Gläser rollten durch den Raum, Teller flogen herum, Taschen, Kissen, mehrere Leute hatten sich wohl zu spät gesetzt und stolperten durch den Raum, aus der Küche kam ein Klirren und laute Flüche, und das war es auch schon. Haldor stand kreidebleich in der Tür zum Vorschiff “jemand verletzt? Tut mir leid, war nicht vorhersehbar.” Es gab einige Schürfwunden, aber nichts Ernstes.  Matrosen kamen vom Heck “keine Schäden, aber Chaos. ..” - “Aufräumen...” sagte Haldor wie abwesend, ging zur Küche, kam schnell zurück “Abendessen wird wohl verspätet sein, tut mir leid...alles auf dem Boden gelandet. Na, wenns weiter nichts ist...”

  Nun ging ein aufgeregtes Geschnatter los, ich war eher still und überlegte was wohl aus meiner Saskia geworden wäre, hätten wir da durchfahren müssen . ich kam zu dem Schluß, sie wäre sicher gekentert und das wär’s dann gewesen...und freute mich über dieses stabile Schiff. Leider währte die Freude nicht allzu lange...

Wir spürten es deutlich, wir fuhren eine enge Rechtskurve, und schon kam es über Lautsprecher “nicht weit von uns ist ein Schiff in Seenot, wir müssen helfen, Mannschaft: Schwimmwesten ausgeben. Kann sein daß wir Leute rausfischen müssen.  Passagiere: den Anweisungen der Mannschaft ist ohne zu fragen zu folgen. Jüngere Männer bitte bereit halten, falls Kräfte gebraucht werden. Und Achtung, Deck öffnet...”

Es war Nacht, das Deck klappte auf, und wir sahen eine Sihouette vor uns, ein großer Pott, aber dunkel bis auf die Brücke. Offenbar ein Kreuzfahrer, noch konnten wir nicht sehen warum der SOS sendete. Wir wurden langsamer, Scheinwerfer strahlten die Wasseroberfläche an...gespenstisch. Und als wir näher kamen, sahen wir Treibholz, zerschlagene Rettungsboote, Liegestühle, Luftmatratzen..aber keine Menschen. Die Scheinwerfer drehten nun hoch, erfaßten das Schiff - und ein Aufschrei ging durch den großen Raum. Der hing mit schwerer Schlagseite da, an der ganzen Steuerbordseite war wohl kein einziges Fenster mehr heil. Aus dem Schornstein quoll Rauch und Dampf, dann sahen wir Menschenmassen die sich an die Reling drängten - und Haldor schaltete den Funk auf die Lautsprecher.

“Hier avalonisches Schiff “Americania” - do you read?” - “yes we read you...brasilian Crusader Portado del Sol, engine fail, monster wave damage, no electricity and water in all compartments...need assistance...over” - “roger Portado, leakage?” - “no leakage, water by wave running down, danger of capsizing, can you give pump assistance?” - “understood Portado, preparing hoses - pumps working?” - “negative Americania, no pumps, no electricity, water in engine compartment, need repair when pumped out , please hurry...” Krachen, Rauschen, drüben flackerte das grüne Licht auf der Brücke, dann signalisierten drüben einige Blinklichter. Haldor sprach wieder “ junge Männer nach hinten, Frachtraum. Schwimmwesten anlegen. Wir müssen denen Schläuche rüberbringen. Achtung, festhalten...”

Woommm...recht unsanft stießen wir mit der ganzen Länge gegen den Rumpf des Kreuzfahrers, Taue wurden geworfen und festgemacht, Kommandos gebrüllt, Türen gingen auf - hoch über uns, aber Haldor hob unseren “Walfisch” an bis es gelang Schläuche hinüber zu werfen. Ein Brummen setzte ein, im Heck bei uns, und ein Rauschen folgte. Eine Gangway wurde von einer Tür des Kreuzfahrers direkt auf unser offenes Deck gelegt und festgezurrt. Und wieder der Funk in den Lausprechern...”send Passengers to left side of ship” sagte Haldor und bekam ein “aye” zurück, dann “we have many injured... can you give medical help?” - “Roger Portado, bring them over.. “ und Haldor kam erneut zu uns “alle mit medizinischer Ausbildung bitte in die Messe. Die anderen, helfen beim Krankentransport.  Wer über die Gangway muß, Schwimmweste anlegen. Mannschaft: gesunde Passagiere nicht übernehmen, die müssen drüben bleiben, sonst verstopft hier alles. Techniker an Bord?”

Es wurde chaotisch. Kranke wurden gebracht, Männer hasteten über den schmalen Steg rüber zu dem Havaristen. Und in all dem Chaos kam ein großer Mann in weißer blutbefleckter Uniform über den Steg gehumpelt, erkannte Haldor als Kapitän und umarmte ihn. “Jorge Silvana, Kapitän...sie schickt uns der Himmel.” - “Haldor Caraband, ebenfalls Käpt’n. Die haben euch quer erwischt, was?”  Jorge nickte. “ich wollte noch drehen, aber das kam so schnell.. .” - “Oh ja, für uns auch, aber das ist ein tauchfähiges Schiff - keine Schäden. Mann, laß dich erst mal verarzten...” - “Ach, hat Zeit, sind nur Schnitte vom Glas. Noch so ein Kawenzmann und wir sind bei den Fischen.” - “Die sind zum Glück selten. Wird schon, Jorge.” - “Das Wasser läuft immer noch tiefer rein ...40° Schlagseite, ein Wunder daß der Kahn noch schwimmt. Aber mehr darfs nicht werden...hoffentlich kriegen wir wenigstens einen Generator zum laufen.” - “Maschinen hinüber?” - “Haben Wasser angesaugt - wahrscheinlich ruiniert. Aber die Generatoren liegen höher, Santa Maria, hoffentlich...” - “ich hab dir sechs Männer rüber geschickt die das können. Mensch...sind Leute über Bord gegangen?” Jorge lachte bitter “Wahrscheinlich, was? Wie soll ich das wissen, in dem Chaos.” - “Ja Herrschaftszeiten, die Boote backbord sind doch wohl heile?  Mach mal, die leben nicht ewig!” - “Herrgott.. hast ja recht.. .” er wollte zu Fuß zurück, Haldor zog ihn zum Steuerstand wo er seine Brücke per Funk erreichen konnte. Und im Heck bei uns öffnete sich nun auch die letzte Klappe, drei Gleiter wurden hochgefahren und sofort bemannt.

“Mensch, Mensch...”Haldor stand neben uns und sah Aldor an “alles offen. Ein Kawenzmann und wir sind weg - der da drüben vielleicht nicht.” Der sonst so ruhige Mann schwitzte “sag mal dem Herrgott Bescheid, nicht in den nächsten Stunden...” Aldor stand auf, sah in die Runde “habt ihr’s gehört? Wir beten jetzt mal alle...” In all dem Chaos wurde es jetzt sehr still.  Das Meer war annähernd ruhig und blieb es auch, die Pumpen brummten, vom Kreuzfahrer hörten wir Stimmengewirr, bei uns war Ruhe.

Jorge blieb lange im Steuerstand, als er zurück kam, schwankte er. Haldor drückte ihn in einen Sitz, winkte dem Steward “Cualarin, schnell...” Jorge trank, richtete sich wieder auf ”drei haben sie schon gefunden. Einen leider nur tot.” - “Ertrunken?” - “nein, Genick gebrochen...” da landete ein Gleiter und lieferte zwei durchnäßte Frauen ab - sofort in die Messe, wo Alida nun schon länger mit elf weiteren Passagieren tat was sie konnte. Drüben flackerten Lichter auf, trübe, rötlich zuerst, dann heller. Jorge atmete tief durch und wollte aufstehen, Haldor schickte ihn nun endgültig auch zur Krankenstation, ging selbst zum Steuerstand und kam lächelnd zurück “ein Generator läuft wieder. Pumpen werden gestartet.” Das Aufatmen war allgemein, als ginge es um unser Schiff...

 Ein Krächzen vom Funkgerät rief ihn wieder zurück, und wieder hörten wir den Dialog mit “british Carrier inverness, Aberdeen. Do you read?” - “Avalonian Ferry Americania, and brazilian Crusader Portonia. Yes we read you.” - “need assistance?” - “yes inverness, Crusader heavily damaged. Pump assistance needed.” - “we can give pump assistance. Be there in ten minutes.” - “no damages?” - “Negative. One of two engines fails. But no critical conditon.” - “come parallel steerboard side Protonia, please. You’re welcome.” - “understood Americania. Over.” - “Over and out.”

Wir sahen den Frachter schon, der sich langsam näherte und vorsichtig neben die Portonia fuhr. Wieder das gleiche Manöver, wir hörten es nur von Ferne - Taue, Schläuche, und der Funk des Brasilianers, jetzt klarer “tilt by 38° slightly improving. Welcome Inverness. Please turn on lights for Passenger rescue.” Irgendwie war mir unwohl, die ganze Szene kam mir surreal vor. Und dann war plötzlich der Wetterbericht in schlechtem englisch zu hören, dem wir entnehmen konnten daß es in der Karibik schwere Schäden durch den Hurrican gab, der jetzt auf die Südküste der USA zulief und an Stärke gewann.. .”Ein Alptraum ist das” brummte ich vor mich hin, und Alida war zurück “ja, aber der ist bald vorbei.”

Und in all dem Chaos servierte die lädierte Küche das Abendessen....nicht in der Messe, die war ja Not-Krankenstation. Da saß man nun, hatte gutes Futter vor sich und hoffte daß der beschädigte Kreuzfahrer es schaffen würde. Drüben, hörte ich, war nun ebenfalls die Krankenstation wieder arbeitsfähig. Ölverschmierte, durchnäßte Männer kamen zurück und erklärten matt, mehr als einen Generator würde es nicht geben. Also gut 20 Stunden um das Wasser aus dem Havaristen zu pumpen. Zwanzig Stunden in denen uns kein Ausläufer von Kathrina erwischen durfte...

Gegen die Zeit

Nach dem Essen packte uns die Müdigkeit, erst war Alida weg, dann döste auch ich zeitweise ein - es war auch eine längere Zeit recht ruhig, da monotone Gebrumm von achtern und die Wellen taten das Übrige. Es war wohl mitten in der Nacht als ich wieder wacher wurde, um uns herum gab es erneut besorgtes Gemurmel. Aldor hing schlafend schräg im Sessel, Sangara war nicht auf ihrem Platz, Malcolm rieb sich gerade die Augen “ey Norman, wieder da?” - “Mann Alter, so halb...was’n los?” - “Wetterbericht. Wir haben nicht die Zeit den Eimer da drüben gemütlich auszupumpen. Da kommt ein Ausläufer von Kathrina rüber, der verwüstet grade den Süden von Cuba. Ist in sechs Stunden hier.” - “Ach, sind wir vor Cuba?” - “östlich von der Südspitze. Wir müssen uns was überlegen, die treffen sich gleich hier, die Kapitäneriche. Hau mal dem Aldor eins in die Rippen, der sollte mitreden.” 

Haldor war schon im Raum, Jorge kam immer noch mit schwankendem Gang, mit Pflastern im ganzen Gesicht, auch dazu, Etwas später hörten wir harte Schritte auf der Gangway, es wirkte etwas surreal, der britische Kapitän hatte wohl seine Ausgehuniform angelegt, salutierte vor Haldor “William S. Ceshire, Sir. Kommandant der Inverness.” Haldor gab ein amüsiertes “rühren” zurück und umarmte ihn dann. Aldor sah mich verärgert an, begriff aber schnell worum es ging. “Auch das noch” stöhnte er und “ja meine Herren, dann laßt euch mal was einfallen. Jorge, Schlagseite?”  - “27° fallend, Gefahr ist wohl vorüber.” - “Na, wenigstens etwas.” William sah Aldor irritiert an, dann Haldor “wer ist das? Hat der auch etwas zu sagen?” Ich mußte grinsen, Aldor war ja in zivil - Haldor erklärte schmunzelnd daß Aldor “nur” der König von Avalonia wäre, aber auch in der Lage ein Schiff zu kommandieren.

“Oh pardon” William sprang auf und salutierte erneut...Aldor winkte ab “setz dich, ist schon gut, bin ja nicht im Dienst. Hier kommandiere nicht ich, sondern Haldor. Ja, also, haben wir eine Idee oder riskieren wir einen neuen Schaden an der Portonia? Fahren kann sie ja nicht...” - “Schleppen” sagte der Brite knapp “nur haben wir halt eine ausgefallene Maschine, das reicht nicht um dem Sturm zu entkommen. Kann euer seltsames Schiff denn schleppen?” Haldor kratzte sich am Kopf “vorgesehen ist sie dafür nicht, aber mit etwas Bastelei müßte das schon gehen. Allerdings müßten wir euren lahmen Kahn ja wohl auch auf Tempo bringen, und ich fürchte, mit zwei Pötten hinten dran wird das nicht so beeindruckend sein.” - “Was macht ihr denn ohne Anhänger?” grinste der Brite und verschluckte sich als Haldor knapp erwiderte “68 über Wasser.”

Die Frage war eher, ob wir genügend Tau an Bord hatten, und wo festmachen, schätzte ich während sich Jorge und William sichtlich Sorgen um Haldors geistige Gesundheit machten. Aber Aldor bestätigte die Angabe “unter Wasser sind wir noch schneller. Also, basteln werden wir ja wohl können. Und wohin?” - “Miami” sagte William sofort, aber Haldor und Jorge widersprachen “unmöglich, dann holt uns der Sturm mit Sicherheit ein. Havanna.” Nun wehrte William mit beiden Händen ab “die hängen mich auf wenn ich Havanna anlaufe.”

Aldor grinste sich eins bis William nach dem Grund fragte. “na, und was machen die mit dir wenn du schwimmend in Aberdeen ankommst und denen erklärst, du wolltest halt nicht Havanna ansteuern?” Alles lachte, und William meinte, dann würden sie ihn eben auch aufhängen  “also klar, tot bin ich ohnehin, entscheidet ihr.”

Was gab es da schon zu entscheiden. Die Frage war nur ob Havanna nicht auch wegen Sturm geschlossen war und ob wir dort rechtzeitig ankommen würden. Also orderte Haldor die Mannschaft ins Heck, mehrere mélaneiserne Seile zu verbinden und zu versuchen sie am Heck zu befestigen, und William tat dasselbe für sein Schiff. Jorge mußte passen, so starkes Tau hatte er gar nicht an Bord. Die Bastelei begann also, und draußen wurde es wieder windiger. Noch war die See ruhig, und die Pumpen liefen weiter, aber in den zwei Stunden die nötig waren die Portado mit unserem Heck und die Inverness mit dem Heck der Portado zu verbinden, ließ die Schlagseite des Kreuzfahrers nur von 27° auf 24° nach.  Jorge hatte schwere Bedenken, das Schiff in dieser Schräglage in Fahrt zu setzen, aber was blieb uns schon übrig? Hier manövrierunfähig auf den Sturm zu warten, war auch nicht klüger.

Also wurden die Pumpschläuche nun eingezogen, die Portado mußte sich auf ihre mit halber Kraft laufenden Pumpen verlassen. Auf der Inverness wurde die verbliebene Maschine gestartet, und unser Schiff setzte sich an die Spitze...Haldor beschleunigte nur ganz sachte. Die Taue knarrten, spannten sich, Männer beobachteten das genau, und Wolken zogen auf - es wurde Zeit hier zu verschwinden. “Schlagseite überwachen, Jorge...” sagte Haldor über Funk, das Deck schloß sich, die Ladeluke, das Gleiterfach. Und den Hebel weiter nach vorn. Aldor, Malcolm und ich standen bei Haldor im Steuerstand, der schwitzte “hoffentlich halten die Taue. Wir haben nur einen Versuch.” und wieder etwas schneller...”Portado? Alles senkrecht?” - “23° tilt, 18 knots.. .unbelievable...” Haldor feixte und ging wieder auf englisch “will get faster...report in case of problems...” Malcolm sah mich an “wetten wir? 25 schaffen wir. Was sagst du? ” - “Ist mir egal, Hauptsache wir erreichen den Hafen mitsamt Anhang.” Haldor nickte und gab weiter “Gas” .”22knots, 23°tilt...this is magic...” - “no, this is slow to us...Inverness?”  - “”confirm 22 knots. Engine running, looks alright. Good Lord...” Haldor lehnte sich zurück. “Das klappt ja...Malcolm, mach du mal den Kontakt mit Havanna. Ich bin mit schwitzen beschäftigt. Immerhin sind wir wieder geschlossen, wenn jetzt der Sturn noch etwas bummelt.. .” Malcolm ging in den Funkraum, wo es einen Kurzwellentransceiver gab, so ein altmodisches Gelump, aber nötig für manche Häfen. Und Haldor gab jetzt vollen Schub.

“Wow...you are crazy...” kam es von der Portado “32 knots, can you keep that up?” - “positive, Portado - if your vessel can cope with that?” - “tilt falling, 22° no problems yet.” - “This is speedboat Inverness, can we charter your tug?”  William war hörbar bester Laune. “watch your ropes and report, if...” sagte Haldor zurück und atmete durch. Schaltete auf einen anderen Kanal um, hörte Wettermeldungen. Nicht schön...der Sturmfetzen hatte Cubas Südspitze überquert und übel verwüstet, vor allem durch Flutwellen. Nun kam er von Westen auf uns zu, man sah das auch. Die Wolken wirkten zerrissen, manchmal schien kurz der Mond auf,  die Wellen hatten jetzt Schaumkronen und wurden höher. Im Lichtsammler war schon die Küste Cubas erkennbar, aber keine weiteren Schiffe. Haldor schickte mich rauf in die Glaskuppel “schau mal nach dem Wetter vor uns.”  Hmmm...als wenn ich, Erfahrung mit einem Sturm im Ärmelkanal, das beurteilen könnte. Sah fast romantisch aus...Mond über aufgewühltem Meer, und weiter vorn, pardon, nördlich, eine scharfe Linie hinter der der Himmel wolkenfrei war. Ich also wieder runter, sagte das Haldor. “Das dürfte die Wettergrenze sein” meinte er “wäre schön wenn Havanna nördlich davon wäre.” Er beugte sich über den Lichtsammler “nichts von einer Stadt zu sehen. Ist wohl noch ein Eckchen. Hey Malcolm - und?”

Malcolm war zurück mit einem Zettel in der Hand. “Hafen ist geschlossen, aber wir können rein. Wetter windig nordwest 4-5,  22° C, Wellen 3-4 Meter. Sollst diesen Kanal benutzen...” er gab Haldor den Zettel “die haben sogar UKW. Ob wir Lotsen benötigen. Red’ halt selbst mit denen.” Haldor nickte, schaltete an seinem Gerät herum “Havanna control? Avalonian Ship Americania tugging two damaged vessels. Do you read?” Sie kamen schwach rein, hörbar noch entfernt. “Yes we read you. Tugs will be prepared. Need scouting?” Haldor grinste “ob wir einen Pfadfinder brauchen...Yes Havanna, please send scout ship. Can you measure our distance?” - “Yes, uno momento...position unknown? Damage?” - “Crusader Portado, no electronics. My ship, different technique. Inverness says , we passed Isabella de Sagua. I can see a line of Islands to the west.” - “That must be correct. That means you have 80 miles about ahead. Your speed?” - “33knots. Estimated arrival about 2 hours.” - “repeat knots please...” - “33 knots. I’m not kidding, will explain that when we arrive.” - “you don’t need to explain if you arrive that fast....tug will be waiting for you at Santa Cruz del Norte. Medical problems?” - “Yes, 58 injured need hospital care. First aid is applied. No fire, nor oil spill.” - “Understood. Ambulance will de prepared. Good luck to you. Over.” - “Thanks Havanna. Over and out.”

“Puuuh...” Haldor war krebsrot, sah unseren König an “bitte, faht du mal ein Stück. Ich brauch mal was zu trinken, sonst hauts mich um.”

Aldor nickte und übernahm, Haldor wankte nach hinten - klar, der hatte jetzt fast dreißig Stunden ohne Pause die Verantwortung getragen. Aldor sah sich den Lichtsammler genau an, dann zu der Uhr an der Wand “müßte bald hell werden. Ach...Kanal? “- “27” sagte Malcolm der schneller begriffen hatte als ich . Aldor schaltete und gab die Neuigkeiten an Portado und Inverness weiter. “Report?” - “Portado all clear. Tilt 21°, still falling. Rope damages anchor winches, but will hold, i hope. Weather improving, right?” - “Yes, clearing up. Inverness?” - “We are allright and drunk, Sir. Writing Appliance for blue ribbon . Cheeriooo!”

Aldor lachte los und konnte sich kaum beruhigen. “Die saufen sich den Kittel voll, gibts denn sowas...” Ich grinste nur und ging zu Alida in den großen Saal , zeigte nach hinten - ja, das wollte sie auch. Wir gingen in die Kabine und legten uns aufs Ohr, die Spannung verlor sich ja, wir hatten es offenbar geschafft. Die anderen Passagiere schliefen teilweise in den Sesseln, aber der Raum war auch nur halb voll. Ach ja, gut so...und weg war ich. Havanna, Hafenfestung

 Wir konnten nicht lange geschlafen haben, da wähnte ich mich zunächst auf der Saskia, deren Diesel eifrig tuckerte, dann merkte ich daß es hell war, sah zum Fenster...und hatte Orientierungsprobleme. Mirarthris? Die Hafenfestung? Wieso Mirarthris? Wie lange war ich weg gewesen?”

Alida rührte sich auch, und war schnell klarer als ich “oh, sind wir schon da?” - “wo, da?” - “Havanna, wo sonst?” - “Ach ja...Havanna...schau mal, die haben da eine Festung, sieht aus wie Mirarthris.” - “Warst du nicht schon mal dort?”

So allmählich kam ich zu mir. Stimmte ja, hatte ich glatt vergessen. Wir gingen nach vorne - ja hallo, Deck offen, blauer Himmel, Sonne - allerdings nicht sonderlich warm und immer noch windig. Vor uns fuhr ein altmodischer Dampfschlepper, zwei weitere kamen auf uns zu. Hinter uns. ..ja super, Portado sah gar nicht so übel aus, von vorn, in der Sonne - und nicht mehr so stark geneigt. Die Inverness sah ich nicht. Aber Aldor setzte uns schnell ins Bild “das Tau zur Inverness ist gebrochen, kurz vor dem Hafen war starker Wellengang. Die Schlepper werden sie schon rein bugsieren. Wir hängen die Portado auch gleich ab, die letzten Kilometer machen das die Schlepper. Wir können ja selbst an den Kai fahren.” - “Die Inverness nicht?” - “Nein, Maschinenausfall. Hat wohl überdreht bei dem Tempo. Naja, muß ja eh ins Reparaturdock.” - “Aber sonst ging alles glatt?” - “Ja, erstaunlich. Ich saß nicht lange im Steuerstand, da passierten wir so ein Wolkenband, und dann wurde es schnell ruhiger. Jetzt ist wieder Haldor dran, Malcolm ist bei ihm, der Gute kippt aus den Latschen wenn wir am Kai liegen, das wette ich. Der hat aber auch was geleistet...alle Achtung.”

Zehn Uhr morgens, und wir legten an. Zehn Uhr zwanzig, die Portado wurde festgezurrt und Feuerwehren beschleunigten das auspumpen. Zehn Uhr 42, die Inverness machte fest. Kranke wurden zu Ambulanzwagen gebracht, die Hafenpolizei fuhr vor. Protokolle gibt’s ja auch noch, dachte ich grinsend und blieb, wie die meisten Passagiere, erst mal sitzen. Und richtig, Haldor wankte zu seiner Kabine - den Schlaf hatte er sich redlich verdient. Und schon waren Polizisten an Bord “Capitano?” Aldor stand auf “Capitano ist umgeklappt, Seniores. 34 Stunden im Kommando waren genug - fragen sie mich.” - “Ist gut- wer sind sie?” - “Aldor, König von Avalonia.” Die Typen lachten...aber alle Passagiere bestätigten das. Die Polizisten wurden kurz starr, salutierten dann “perdona, wir konnten nicht wissen...muß aber sein. Also wo sind die Schiffe havariert?” Dann staunten sie. Aldor gab die Koordinaten an. “Monsterwellen, drei Stück hintereinander. Die Wirkung können sie ja an der Portado sehen.” - “Ja, furchtbar. Sie haben keinen Schaden?” - “Nein, wir konnten rechtzeitig das Deck schließen. Nur Glas-und Porzellanschäden.” - “Madre de Dios...was ist das für ein Schiff? U-Boot?” - “Nicht direkt, aber wir können auch getaucht fahren. Waren aber an der Oberfläche, und haben den Notruf aufgefangen. Inverness wissen wir nicht, da müssen sie William Ceshire fragen, den Kapitän dort. Die kam später dazu.” - “Ist ihr Schiff etwa bewaffnet?” - “Nein.  Solche Schiffe haben wir nicht.” - “Ach..ich hörte davon. Tja König, wir müssen der Regierung Bescheid geben. Man wird wahrscheinlich jemanden herschicken.” - “Herzlich willkommen, aber wir müssen bald weiter. Unser Ziel war New York.” - “Verstehe. Sie benötigen also keine Hilfe?” - “Nein, nur der Koch wird wohl Gläser und Teller kaufen wollen.”

Die Polizisten lachten. “Sie können gern aussteigen, aber bitte im Hafenbereich bleiben. Für sie werden dann wohl keine Visa erforderlich sein, wenn sie gleich weiter wollen. Tja - das wars schon. Gute Reise wünschen wir, aber bitte abwarten bis der Hafen geöffnet wird. Da draußen geht es immer noch hoch her.” - “Das macht uns nichts, aber gut - sagen sie bitte schnell ihrer Regierung Bescheid. Gruß an Fidel, wir haben schon telefoniert.” - “Ach? Ja, machen wir. Gute Fahrt, Seniores.” Sie gingen, direkt hinüber zur Portado. Dort war mehr los, Feuerwehren, Ambulanzen, und etliche Passagiere schon auf dem Kai. Klar, die mußten ja einen Weg finden heim zu kommen...Malcolm ließ sich in den Sessel neben mir fallen “Alter, ich sags dir... so lange hab ich selten durchgemacht. Und müde bin ich gar nicht...Vahrsonia schläft schon seit Stunden.  Das war noch mal hart auf dem letzten Stück, der Portonia hats die Ankerwinsch abgerissen. Aber das Tau hat gehalten.” - “Ihr habt das Zugtau an die Winsch gebunden?” - “Ja, diese netten kleinen Pollerchen hätten das nicht ausgehalten. Aber das ist nichts gegen die Schäden von den Wellen.” - “Und bei uns?” - “Ach, Bastelei eben. Drei Taue an den Gleiterliften, zusammengeknotet, und das lange Tau dann daran. Sieht nicht nach großen Schäden aus, hat jedenfalls funktioniert.” - “Weißt du ob die noch Leute rausgezogen haben?” - “Das waren nicht viele. Unsere haben fünf Leute rausgefischt, die Portonia elf, die Inverness drei. Vier Tote. Ob noch jemand vermißt wird, müssen die erst noch feststellen. Wahrscheinlich aber nicht, die Welle kam ja von außen rein, mitten in der Nacht, kaum jemand draußen - es hat die Leute eher quer durchs Schiff geschleudert als über die Reling. Deshalb ja so viele Verletzte. Na, soll uns nicht kümmern, wir haben getan was wir konnten. Ich kipp jetzt einen und kann hoffentlich auch pennen.”

Er ging nach hinten, Alida und ich an Land. Und da kam er auch schon, der große schwarze Wagen mit den dunklen Scheiben. Fidel etwa? Nein, nur die Miniausgabe des “Maximo Lider”...

New York, New York...

“Ach, der deutsche Schreiberling” grinste Carlos Jimenez, dem ich schon bei uns begegnet war “fahren eure Fähren jetzt schon zu uns? Willkommen auf Cuba!” Umarmung, der radikale Parteisekretär war richtig herzlich. “Wir wären ja vorbei gefahren, aber so ein paar cubanische Monsterwellen hatten das anders vor.” Er grinste “nicht für alles kann man uns verantwortlich machen. Ja, also Fidel läßt zurück grüßen, aber wenn ihr mal wirklich zu uns wollt, kommt er auch zum Schiff. Wo ist euer König?” ich zeigte zum Schiff, und Aldor stieg gerade aus. “Ah. da ist er ja. Wohin fahrt ihr? New York? Shopping, oder was?” er war gut drauf. “nein, UN Konferenz zur Entwicklungshilfe. Da habt ihr doch sicher auch jemanden hingeschickt?” Aldor begrüßte ihn ebenfalls herzlich - und Jimenez war verlegen. “Hätten wir, wenn nicht dieser Sturm gekommen wäre. Die USA haben den Luftraum im Süden gesperrt, leider...da geht nichts.” - “Können wir aushelfen? Wir fahren ja hin.” - “Wieviele Tage dauert das denn? Ist dann doch wohl zu spät.” - “Wenn ihr uns fahren laßt, ein Tag und eine Nacht, so etwa. Wenn der Sturm nicht auch noch um Florida herum zieht.” - “Das wird er nicht - ja wißt ihr denn nichts? Der ist über New Orleans hergefallen, hat es total verwüstet. Jetzt löst er sich auf und setzt Louisiana unter Wasser. “ - “mein Gott...nein, wir waren mit Seefunk beschäftigt. Aber bitte, eine kleine Delegation werden wir schon noch unterbringen können.” - “So schnell fährt dieses Wunderding? Die sind im Hafenamt schon ganz irre, weil ihr zwei Schiffe so schnell her gezogen habt. Ja, das nehme ich gern an, muß mal sehen wo Maria steckt. Keine Delegation, Maria Velgado, Umweltsekretariat, und ein Professor, zwei Leute. Danke - ich telefonier’ mal eben.”

Er stieg wieder in seine Limousine, kam schnell zurück “wir machen das mal unter der Hand, die kommen gleich her. Kein Papierkram. Schickt dann die Rechnung an mich.” - “Ihr macht Fortschritte.” Carlos grinste breit “ja, mag sein - ist noch zu neu um das sagen zu können. Ich bin Halbzeit - Dozent an der Uni geworden, seit ein paar Wochen. Macht Spaß. Ob es klappt kann ich aber noch nicht sagen. Fidel und Raoul streiten oft stundenlang. Jedenfalls ist Bewegung in den Laden gekommen...haha..sag mal, diese besoffenen Briten.... das erste britische Schiff hier seit Jahrzehnten...mit wem rede ich da in London? Unsere Beziehungen sind...nunja...nicht existent...wie lösen wir das denn?” - “ich würde mich an den Buckingham Palace wenden. Die Queen und ihre Leute sind weniger stur als die Regierung, die werden schon wissen wie man das geräuschlos regeln kann.” - “Uuuui, du hast Ideen - hallo Mrs. Queen, hier spricht Carlos aus Kuba. Wir hätten da ein kaputtes Schiff von euch und ein paar besoffene Schotten abzugeben. Interessiert?” er schlug Aldor auf die Schulter und lachte sich einen. Aber Aldor nickte nur “du wirst nicht gleich Elizabeth am Rohr haben, aber so etwa. Etwas höflicher wäre schon angebracht.” - “Ja, natürlich. Nummer?” Die hatte Aldor tatsächlich, mußte aber sein Notizbuch vom Schiff holen. Jimenez beruhigte sich allmählich.

“Also, mit Brazilia haben wir ja gute Beziehungen, das ist einfacher. Die Portado wird länger hier liegen bis sie wieder flott ist. Mit den Engländern, ich bin ja mal gespannt. Ah, da kommen sie wohl.” Ein Taxi kam direkt zum Schiff, Maria Velgado (huii, alle Achtung...) und Professor Manuel Valorez wurden uns vorgestellt, Aldor gab Jimenez die Nummer des Buckingham Palace, und schon mußte der quirlige Typ weiter. Aber nicht, ohne Aldor eine förmliche Einladung von Fidel auszusprechen, die Insel mal zu besuchen. Aldor nahm gern an. Bye, Carlos...

Wir mußten noch warten bis unser Koch als Beifahrer eines klapprigen Lieferwagens zurück kam. Kistenweise wurden Gläser und Geschirr ins Schiff getragen, dann wurde die Anwesenheit aller überprüft. Es fehlten drei Mann von der Besatzung - das Horn tutete dreimal.  Sie kamen angerannt, leicht angetrunken erreichten sie uns, und schon hieß es Leinen los. Über Funk gingen einige Sprüche hin und her, dann kam das okay vom Hafenamt “auf ihre Verantwortung” - Aldor nickte das ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Aber er steuerte das für seine Erfahrung gigantische Schiff ganz souverän durch den Kanal zum Meer, sehr langsam allerdings, und schickte einen Matrosen in die Kuppel. Der kam zurück “ziemlich unruhig. Besser Deck schließen.” - “Dann mach das, ich weiß nicht wie das geht.” Der Mann sagte erst durch daß geschlossen wird, dann betätigte er einen Hebel “ich würde tauchen.”

Das tat Aldor ein paar Kilometer weiter auch, nachdem wir kräftig geschaukelt wurden. Es wurde ruhig, und Aldor drückte den Schubhebel langsam nach vorn. “Unglaublich” murmelte er noch als das Schiff ohne Verzögerung auf 80 Knoten ging. Aber dann ließ er lieber Haldor wecken. Ich ging wieder in den Passagierraum wo zwei kreidebleiche Kubaner von mehreren Passagieren beruhigt wurden. Unter anderen war das meine Frau, die sich rührend um Maria kümmerrte - und es wohl nicht so gut fand daß ich direktes Verstehen längst gelernt hatte. Ich konzentrierte mich, diskret wie ich ja meistens bin, auf andere Dinge und nahm mir vor es einfach nicht zu bemerken, falls Alida und Maria in unsere Kabine gehen sollten. Ich bemerkte dann auch nicht, als das eine Stunde später tatsächlich geschah. Ich sprach ja mit Professor Valorez. Naja, und ich gönnte Alida ihr Schäferstündchen mit dieser schwarzhaarigen Schönen, wäre ja selbst nicht abgeneigt gewesen...also Norman, reiß dich mal zusammen.

So ganz ging das nicht, und müde war ich auch. Nach über einer Stunde pfiff ich auf Diskretion und betrat unsere Kabine. Ja, sie lagen im Bett,  tief schlafend. Platz war auch noch. Na also, sollen sie uns wecken wenn wir Mrs.Liberty passieren - ich legte mich dazu.

Ich würde ja gern von einem erotischen Abenteuer erzählen, aber ich schlief ebenfalls ein...und Ehrlichkeit geht vor angeben.....

Tatsächlich wurden wir erst wach als über Lautsprecher die Ansage kam daß wir in einer Stunde New York erreichen würden.  Es hätte peinlich sein können, war es aber nicht - Maria sah um sich, sah mich an, dann Alida - und verstand. Ganz unkompliziert sagte sie nur guten Morgen und lächelte gewinnend, Alida zwinkerte mir zu - mehr weiß ich bis heute nicht, rätselhaftes Lächeln - ich habe ja auch nicht gefragt. Und mich nicht bemüht Gedanken aufzufangen die nicht für mich bestimmt waren; jedenfalls mochten sie sich sehr und verbargen das auch nicht, für mich fiel auch ein Kuß ab - leider deutlich zurückhaltender. Aber so ein Frühstück im Bett mit zwei Schönheiten ist ja auch schon was. Ja, und...Maria hatte zwei Tage auf dem Flugplatz verbracht, ohne abfliegen zu können. Es war ihr also ähnlich ergangen wie uns, der lange Schlaf war nötig gewesen. Als wir dann erfuhren daß unsere Verspätung nur sechs Stunden betrug, war die Freude komplett...offenbar war die Fahrt falsch berechnet worden, oder das Schiff hatte mehr als 80 Knoten gemacht. Haldor war die ganze Strecke getaucht gefahren, so schnell es eben ging.  Dann verschwand Marias Schönheit wieder in diesem Militärlook, wir waren da deutlich leichter verpackt, und genossen dann die Einfahrt in New York bei aufgeklapptem Deck, obwohl es recht kühl war.

Die Ankunft war formlos. Eigentlich hätte es eine Begrüßung geben sollen, aber Sturm, die Katastrophe in New Orleans und unsere Verspätung hatten das verhindert. Über Funk gab es ein herzliches Willkommen, das war es schon,und wir hatten es auch eilig zur UN zu kommen. Taxi durchs Verkehrsgewühl, und dann diese Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung: die Konferenz fing erst am nächsten Tag an, weil der Hurrican sämtliche Teilnehmer aus Mittel- und Südamerika an der Anreise gehindert hatte. Außer uns kam wohl keiner per Schiff, aber auch Schiffe wären ja nicht pünktlich gewesen. Es war gerade mal zwei Uhr nachmittags, und warum nicht mal einen Stadtbummel machen?

Der dauerte aber nicht sehr lange. Lärm und Gestank vom vielen Verkehr war Alida gar nicht und ich nicht mehr gewohnt, und shoppen wollten wir zwei nicht - Maria konnte nicht, sie hatte nur wenig Geld dabei. “Dann gib das bißchen nicht für ein Hotel aus” meinte Alida direkt “wir schlafen auch auf dem Schiff. Bist eingeladen.” da verschluckte sich die Kubanerin dann doch und fand das unanständig, bis Alida ihr erklärte daß es eben nur eine Einladung zum schlafen war, nicht zu mehr “verboten ist das bei uns aber auch nicht. Ganz wie du willst.” - “Soso...gut, ich nehme gern an. Von Verboten hab ich ja auch nichts gesagt, bei uns auch nicht, wenigstens das nicht...” sie grinste und fügte noch hinzu, sie wüßte ohnehin nicht was wir meinten.

[..../]

Ich gebe ehrlich zu daß ich hier einen Absatz gelöscht habe. Man muß nicht alles erzählen.

Malcolms großer Tag

Der grosse Saal war gut gefüllt, und dennoch kamen immer noch weitere Teilnehmer an. Im Luftverkehr herrschte noch immer Durcheinander, der für zehn Uhr terminierte Beginn der Konferenz verschob sich noch einmal um eine halbe Stunde. Mittlerweile lasen sich unsere Gekrönten das Reglement durch, und runzelten die Stirn. “Eigenartig” meinte Sangara “die haben ausdrücklich eingeladen, sowohl Regierungsmitglieder als auch Wissenschaftler und Hilfsorganisationen. Und jetzt lese ich das so, als hätten nur Regierende Stimmrecht. Haben sie wenigstens Rederecht?” - “Wohl nicht” sagte Aldor “ich verstehe das auch nicht. Beratende Funktion, steht da - delegationsintern - Norman? Fachchinesisch? Wie liest du das?” - “Du liest das richtig. Malcolm darf dich beraten, was du dann am Pult vortragen kannst. Unnötig umständlich, finde ich. Ich würde ja einen Antrag zur Geschäftsordnung stellen - aber das darf ich ja nicht. Also berate ich dich: versuch das in Frage zu stellen.” - “Das werde ich auch. So ein unnötiges Hindernis. Stimmrecht, okay, kann man hinnehmen. Aber Rederecht muß sein.”

Die Verzögerung ließ uns genug Zeit mit benachbarten Delegationen zu reden. Die meisten sahen das auch so, viele wollten aber nicht dagegen angehen; bei uns war und blieb das klar, versuchen kann man es. Also ließen wir die Begrüßungsfloskeln ruhig ablaufen, hörten eine sinnleere Rede der US-Delegation die nur aus Höflichkeiten bestand, die Aufforderung der EU die Etats für Entwicklung zu erhöhen und errfuhren daß China abgesagt hatte. Dank der alfabetischen Reihenfolge und dem “A” im Landesnamen kamen wir dann bald dran. Aldor ging zum Podium, und war sehr wortkarg.

“Damen und Herren, Exzellenzen...bevor wir uns zu inhaltlichen Themen äußern, möchte ich einen Punkt zur Geschäftsordnung ansprechen: ich finde es äußerst hinderlich daß die Fachleute kein Rederecht haben sollen. Avalonia stellt hiermit den Antrag, diesen Punkt zu ändern um unnötige Umstände zu vermeiden. Ich bitte sie um ihre Zustimmung dafür; lassen wir uns vom Sachverstand leiten. Danke für die Aufmerksamkeit.” Das ergab Unruhe im Präsidium, vorübergehend passierte nichts, es wurde getuschelt. Dann der Konferenzleiter: “wünscht jemand das Wort zu diesem Antrag?” Ja, es wurde gewünscht. Die Russische Delegation war aufgestanden, vom Platz aus sprach eine Frau aus was da vorging. “Wir widersprechen dem Antrag. Das verlängert die Beratung möglicherweise ins Endlose, gehen wir doch davon aus daß die Repräsentanten die Meinung ihrer Fachleute berücksichtigen werden.” Schon hatte Sangara die Hand gehoben, und bekam das Wort. “Frau Kasnikowa, warum denken sie da haben wir ja keine Möglichkeit, Fachmeinungen politisch anzupassen - und sagen dann, es ginge ihnen um die Dauer der Konferenz? Ist das ehrlich?” 

Frau Krasnikowa lief dunkelrot an, und reagierte spontan “woher wollen sie denn das wissen? Das ist unsachlich.” - “Sagen sie, das stimmt nicht?” - “Ich streite mich doch nicht mit ihnen.” Sie setzte sich, es wurde unruhig im Saal. “Die russische Delegation ist der Meinung, daß Fachleute zu radikal sind” ergänzte nun Sangara “und könnte das ja ruhig sagen. Wir sehen das allerdings nicht so, und Politiker sind ja keine Fachleute. Ich vertraue denen, die sich täglich mit dem Thema abmühen.” Sangara setzte sich, der Konferenzleiter fragte nun nach, ob Russland einen Gegenantrag stellen wolle. Die Russen winkten ab, offensichtlich war Streit in ihrer Delegation ausgebrochen. Nicht nur bei den Russen...aber Niemand verlangte das Wort. Also...

“Ich bitte um das Handzeichen, wer dem Antrag Avalonias zustimmen möchte - bitte jetzt.” Viele Delegationen sahen sich um, bevor sie die Hände hoben; aber das taten eindeutig die meisten. Die Gegenprobe ergab nur wenige Stimmen. “Antrag mit Mehrheit angenommen. König Aldor, sie haben ihre Redezeit kaum genutzt. Möchten sie etwas hinzufügen?” - “Ich nicht, aber unser Mann für Entwicklung hat etwas zu sagen. Malcolm? Bitte...jetzt darfst du.”

Malcolm ging langsam zum Pult, räusperte sich, sagte zu leise seine Begrüßungsformel und sprach dann lauter.

“Nach unserer Erfahrung läuft bei der Entwicklungshilfe so einiges in die falschen Kanäle. Man hat schon Milliarden verpulvert, aber wenig genug damit erreicht. Wir sind ja spät eingestiegen, und arbeiten nur in einem begrenzten Bereich; ich will also nicht behaupten daß unsere Erfahrungen allgemein gültig wären. Aber wir machen beste Erfahrungen damit, daß wir nicht mit enormem Aufwand Technologie exportieren, sondern Bildung. Nun ist es ja so: mit dem gleichen Aufwand kann man einen Staudamm, ein Kraftwerk oder einen Industriebetrieb aufbauen - oder hunderte von Schulen. Ich habe das nicht studiert, und mache eine ganz einfache Rechnung auf: machen sie in Technologie, so haben sie zwanzig Jahre später immer noch nur einen kleinen Kreis hochgebildeter Leute, aber weiterhin ein Heer von unwissenden Arbeitern, die abergläubisch sind, die Technologie nicht verstehen und sich davor fürchten. Machen sie aber in Bildung, so haben sie ein Heer von gebildeten Einheimischen die sich die Technologie selbst aufbauen können und keine Angst davor haben. Meine bescheidene Meinung ist, das ist sinnvoller. Und vielleicht noch wichtiger: die Einheimischen die wir betreuen, sind genau dieser Ansicht. Und wir werden bestimmt nichts gegen der Willen der betroffenen Menschen tun. Das ist eigentlich schon alles was ich mitteilen wollte. Danke für ihre Aufmerksamkeit.”

Malcolm kam zurück, setzte sich und atmete tief durch “hätte nicht gedacht daß es so schwer ist zu einer großen Versammlung zu sprechen. So Aldor, nun hast du den Salat. Das war sicher nicht gut genug.” Nun, es gab Beifall - wenn auch nicht von allen. meine Beobachtung war, es waren vor allem Afrikaner die Malcolm zustimmten. Die nächsten Redner, von Äthiopien bis Belize, gingen nur mit wenigen Bemerkungen darauf ein. Wir waren gespannt was Cuba sagen würde, als Maria ans Pult ging. “Wir können den avalonischen Vorstellungen nur zustimmen. Wir haben früher auf zwei Schienen gesetzt, eine mlitärische, und eine medizinische. Inzwischen machen wir aber bessere Erfahrungen damit, Schulen und Krankenhäuser aufzubauen die von Afrikanern geleitet werden, und das paßt auch besser zu unserem schmalen Budget. Und es kostet keine Menschenleben, im Gegenteil. Wenn wir jetzt mal überlegen was zu erreichen wäre wenn große Länder auch so denken würden, gehe ich davon aus daß sich binnen kurzem viel verändern würde. Ich plädiere dafür, daß UN-gesteuerte Maßnahmen sich auf Bildung konzentrieren, anstatt den ständigen Notsituationen hinterher zu reparieren.  Zu unseren Projekten...”

Die Schilderung konkreter Maßnahmen ging teilweise in Applaus unter. Jetzt waren es nicht mehr nur Afrikaner die applaudierten, auch unsere südamerikanische Nachbarschaft schloß sich an. Es sah gut aus, meinte Aldor - aber dann kamen europäische und asiatische Einwände, das ging so bis zur verspäteten Mittagspause gegen halb drei. Als es weiter ging, nahmen wir erst einmal gar nicht teil; in unserer Vertretung hatten etliche Afrikaner angeklopft, und dort überlegten wir gemeinsam wie man einen Kurswechsel herbei führen könnte. Wir kamen zu einem Ergebnis, auch wenn die Idee etwas gewagt war....

Wir kamen also mit Verspätung wieder dazu. Inzwischen ging es eher nebulös um die nie erfüllten Zusagen, wieviel Hilfe jedes Land geben wollte, und die ebenfalls nebulösen Begründungen für dieses Versagen. Redner folgte auf Redner, es gab kaum Fragen, das Ganze wirkte wie ein Pflichtveranstaltung. Bis dann die US-Delegation unseren Vorschlag wieder ansprach und scharf kritisierte. Malcolm meldete sofort eine Zwischenfrage an.

“Mr. Johnson, sie sind zwar neu im Amt. Aber ich nehme schon an, daß sie den Begriff “Hilfsindustrie” schon einmal gelesen haben. Wie stark ist diese Industrie denn in ihrem Land? Und können sie es sich leisten, gegen deren Interessen zu handeln?” Malcolm setzte sich und beobachtete Stephen L. Johnson genau. Der war wohl etwas aus dem Konzept, zögerte und sagte schließlich daß diese Industrie existiere - weil sie gebraucht würde. Nun hob Aldor die Hand...

“Mr. Johnson, sie denken diese Frage wäre eine Unverschämtheit, sagen aber, daß diese Industrie nötig wäre. Gut, sie ist nötig, weil die Ursachen für Hungerkatastrophen nicht beseitigt werden. Aber sie können ruhig sagen daß sie die Frage unverschämt finden, wir bekommen das ohnehin mit.  Ich für meinen Teil halte Unehrlichkeit für unverschämt. Können wir bitte ehrlich miteinander reden?” Johnson drehte sich zum Präsidium um, da bekam er aber keine Hilfe. Statt dessen gingen etliche schwarze Hände hoch, es setzte ein Bombardement an Fragen ein...warum darf Shell in Nigeria das ganze Delta verschmutzen, was dann die Bevölkerung hilfsbedürftig macht? Warum bleiben die Gewinne aus Erzminen nicht in den Ursprungsländern, ist das nicht zu umständlich später aus diesen Gewinnen dann Hilfsprogramme zu finanzieren? Dann ging es los, daß Namen genannt wurden. Namen von Konzernen, Banken, Konsortien, usw....

Mr. Johnson ging zurück an seinen Platz und vergrub sein Gesicht in den Händen. Auch wir brauchten kein Wort mehr zu sagen, die Afrikaner hatten das Spiel übernommen, und das gipfelte schließlich im Antrag aus Kamerun, jetzt über einen Richtungswechsel bei den UN-Hilfsprogrammen abzustimmen. Muß ich das Ergebnis noch nennen?

Es wurde beschlossen die Mittel für Bildungsprogramme massiv aufzustocken, die Mittel für Technologietransfer dafür ebenso massiv zu kürzen. Die Entwicklungsländer hatten endlich einmal von ihrer Mehrheit in UN-Gremien Gebrauch gemacht. Und, wie man so schön sagt, es geb jetzt “athmosphärische Störungen” zwischen den USA und uns. Vielleicht auch mit den Russen. Es war wohl auch das erste Mal daß das direkte Verstehen außerhalb unseres Landes aufgefallen war. Die Konferenz dauerte noch einen weiteren Tag, aber die Luft war raus. Möglicherweise bereuten gewisse Staatsmänner auch, daß sie nur die zweite Garnitur ins Rennen geschickt hatten, wer weiß? Wir machten uns jedenfalls keine Hoffnungen daß die großen Länder den Kurswechsel der UN mitmachen würden. Es sah gar nicht danach aus, vielleicht mußte man da nochmal nachlegen, aber wie, das wußte keiner von uns.

Ich war ganz froh wieder auf dem Schiff zu sein...

Kurs Süd

Die Luft war raus, alles müde, und die Americania nur halb besetzt, als wir ablegten. “Schade daß Maria nicht mitfährt” meinte Alida als wir an der Freiheitsstatue vorbei auf den Atlantik steuerten “ja wie denn, wir machen ja keinen Stop in Havanna. Übrigens...” ich feixte” solltest du mehr mit unserer Tochter spielen.” - “Ja, hast ja Recht, aber letztlich war derart viel los...oh du Schlingel, das meinst du...ja, aber auch in diesem Sinn, stimmt. Das kam aber nicht nur von mir. Im Moment wünsche ich mir vor Allem daß wir nicht noch einen Hurrican erwischen.”

Das dachte sich wohl auch Haldor. Direkt nach der Ausfahrt stand ein Matrose in der Glaskuppel, und so blieb das während der ganzen Fahrt....Hurricanes bekommt man ja über Funk gemeldet, Monsterwellen allerdings nicht.

 Das Wetter hatte sich aber beruhigt. Selbst nachts blieb das Deck aufgeklappt, kein Problem da schon in New York gute 25° angezeigt wurden, was dann langsam immer höher ging. Cuba passierten wir dann bei 29° in reichlichem Abstand, und ich verglich die Strecke die nun kam, mit meiner Saskia-Fahrt und dem unwilligen Motor. Tja, wäre der nicht gewesen...Malcolm grinste mich an “dann hätten wir den Beginn einer wunderbaren Freundschaft verpaßt.” Wir grinsten uns an...ich hätte wohl noch etwas mehr verpaßt, Malcolm vielleicht auch. Aber das mußten wir nicht sagen. Wir waren schließlich auch schon wieder müde, obwohl wir schon eine Nacht ruhig geschlafen hatten. Es ging uns wie allen, die Hinfahrt steckte uns allen noch in den Knochen.

Wieder wach und im Passagierraum, war es nicht nur die Hitze die uns ein mulmiges Gefühl verpaßte. Wir waren jetzt bei der Amazonasmündung, wo wir auf de Hinfahrt die ersten Anzeichen des Sturms erlebt hatten. Diesmal war es ganz ruhig, kaum Wellengang und sternenklarer Himmel, und doch war da etwas. Als Alida dann fragte ob wir uns auch so unwohl fühlen würden, kam ein Gespräch darüber in Gang - aber ohne Ergebnis. Malcolm und ich gingen schließlich zum Steuerstand ”na Haldor, alles im Lot?” Der nickte “aber ich wollte es wäre schon hell. Irgendwas ist da draußen.” Tja, Blick auf den Lichtsammler - nichts. Auch die Matrosen in den Glaskuppeln sagten regelmäßig “nichts zu sehen” wenn Haldor nachfragte. “Radar?” fragte Malcolm und Haldor zeigte auf den Bildschirm mit dem kreisenden LIchtbalken “leer, wie du siehst. Der Lichtsammler hat auch die größere Sichtweite, da würden wir zuerst etwas sehen - wenns ein Schiff ist, Küste, Riff...irgendwas festes. Aber hier ist ja nichts, 200 Meter Wasser unter uns, Küste ein Stück weg - und doch könnte ich wetten da ist was.”

“Dann mach langsamer” meinte Aldor der jetzt auch bei uns war “die meisten da hinten machen große Augen, weil sie alle etwas ahnen.” Haldor nickte und drosselte das Tempo. In diesem Moment sah ich etwas auf dem Lichtsammler, weit weg offenbar, links oben. Haldor sah es auch...”wie weit? fragte ich “mehr als 50 Meilen...naja, wir sind schnell. Immer noch. Ob es das ist? Schwer zu erkennen. Ausguck?  Backbord voraus, ist da was?” - “nein.” - “Hmmm.. .” Haldor änderte den Kurs etwas, hielt darauf zu. Nun wurde der dunkle Schatten etwas klarer “könnte ein Schiff sein. Aber seit wann wird uns mulmig wenn wir einem Schiff begegnen?” Er schaltete über die Funkkanäle - alles ruhig. Kein Wunder, 4 Uhr morgens...

Eine halbe Stunde verging bis der Schatten in der Mitte des Lichtsammler ankam und der Radar ihn auch anzeigte. “Ausguck?” - “da blinkt was.” - “Morsecode?” - “Nein, regelmäßig.” Haldor stand auf, zeigte auf den Steuersitz und sah Aldor an. Der nickte und setzte sich, nahm sofort das Tempo weiter zurück. Haldor griff sich seinen Feldstecher und stieg in die Kuppel hinauf, gab Kommandos von oben “ mehr Backbord...ja, gut...das ist ein Schiff. Fährt aber nicht, ist ganz dunkel. Frachter...Blinkdom irgendwo oben drauf. Langsamer...” er kam wieder herunter, inzwischen zeigte der Lichtsammler das Schiff deutlich. treibender Frachter

Malcolm schnaufte “was ist das denn für ein alter Eimer...Yu...go...lin...ija...gibts doch gar nicht mehr...Stückgutfrachter...der hat doch mindestens 50 Jahre auf dem Buckel. ..und wie tief der liegt...da ist was faul.”

“Seh ich auch” brummte Haldor und versuchte es per Funk - ohne Ergebnis. “Ausguck? Signalisieren. ob die Hilfe brauchen.” - “Klar.” aber auch das brachte kein Ergebnis. Aldor und Haldor tauschten Blicke, Aldor gab wieder etwas Tempo, wir umrundeten den Frachter - keine Schäden zu erkennen, vom Rost mal abgesehen, der Kahn war schrottreif, hatte aber wohl weder eine Kollision noch eine Monsterwelle abgekriegt. Malcolm zeigte mir einen Vogel “das war doch ganz woanders.” -”Jaja, schon gut...”

“Gleiter” sagte Aldor, der Kapitän nickte und griff zum Mikrofon “sechs Mann zum Gleiterraum. Rüberfliegen, Situation abklären.”  Die Klappe ging auf, zwei Gleiter hoben ab. Kurz darauf noch einer...Haldor grinste “ach ja, sie könnens nicht lassen...” ich hatte es auch gesehen. Die ersten zwei waren mit Matrosen bestezt, der Dritte mit Vera und Holger.

Ich hatte Herzklopfen, und ging zu Alida zurück. Im Passagierraum standen die meisten, beobachteten die Gleiter. Die kreisten erst einmal, und setzten dann auf dem Vorschiff auf. Im Schein von Handlampen sahen wir die Männer und meine Kollegen, die langsam Richtung Brücke gingen und alles anleuchteten...Haldor griff zum Mikrofon “sagt mal was, verdammt...was ist da los?” - “Nichts, Käpt’n... Laderäume leer, etwas Wasser drin. Ein Zustand, ich sags dir...Rost, Rost, Rost...Seelenverkäufer...” - “Jaja, geht schon rauf.” Nun sahen wir mal hier, mal da etwas Licht, dann auf der Brücke. “Käpt’n? Alles tot . Kein Strom, keine Instrumente, nur der Kompaß. Tarindor sucht grade den Maschinenraum.” und was blinkt da?” Gelächter. “ne abgerisse Antenne, die am Kabel baumelt...Mondlicht...ah, Tarindor, und?” nun kam eine tiefere Stimme “abgesoffen, halb voll Wasser. Nix Maschinen. Jungs, mir gefällt das nicht .” Haldor lachte bitter  “der glaubt wohl an den fliegenden Yugoslawen, Ha!  habt ihr mal in die Mannschaftskabinen geguckt?” - “Kraut und Rüben, Durcheinander.  Übrigens, drei Rettungsboote fehlen.” Ah... sagte Aldor gedehnt und nahm Haldor das Mikrofon weg “kommt mal flott zurück, Jungs. Das geht uns nichts an. Wenn da keiner in Not ist, fahren wir einfach weiter - sollen sich die Brazilianer drum kümmern.” - “Aye, gern...”

Minuten später kam ein etwas zittriger Tarindor in den Steuerstand “der Kahn heißt “Korcula”, letzte Abnahme im April 1992. Heimathafen Rijeka. Ein Logbuch haben wir nicht gefunden, die Karte im Steuerstand zeigt das westliche Mittelmeer, muß etliche Jahre alt sein, da ist ein Kurs nach Marseille eingezeichnet, und von da Richtung Gibraltar. Bricht aber lange davor ab. Brrrr, ich will gar nicht wissen was das bedeuten soll...” - “Egal” sagte Haldor und setzte einen allgemeinen Ruf ab. Er bekam Antwort aus Bélem, Brasilien, gab die Koordinaten durch “alter Yugo-Frachter, halb abgesoffen, unbemannt, dürfte bald sinken wenn da nichts passiert. Kümmert euch mal drum.” - “Verstanden Americania. Also wohl herrenlos?” - “Sieht so aus. Ewig nicht kontrolliert, völlig verrostet. Könnte ein Fall für die Polizei sein.” - “Anzeichen für Meuterei oder Piraten?” - “Drei Rettungsboote fehlen, letzter Kurs westliches Mittelmeer. Seltsam.” - “Verstanden. Küstenwache fährt sofort raus. Danke für die Meldung und allzeit gute Fahrt. Ende mit Americania. “ - “Ende mit Bélem, und danke.”

Haldor übernahm nun wieder, ich ging zu Alida, die sich um den schlotternden Holger kümmerte “was hat er?” der Gute war kreidebleich, Vera saß neben ihm, still, aber wohl okay. “Schock” sagte Alida “warum, weiß ich nicht. Er denkt nicht. Vera?” - “Eine verweste Leiche, Alida. Kein schöner Anblick...am Heck, die Anderen haben das nicht gesehen. Sieht aus als wäre der Mann unter einen herunter gebrochenen Ladebaum geraten. Holger hat ihn voll angeleuchtet, und seitdem nichts mehr gesagt. Ob die in den Hurricane geraten sind?” - “Das hätte der Kahn nicht überstanden, und außerdem, wie denn - das war doch viel weiter nördlich.” sagte ich, und “Alida, weck ihn mal auf...” Alida nickte und hielt Holger schlicht Mund und Nase zu. Es dauerte nicht lange, dann zuckte Holger zusammen, wehrte Alidas Hände ab, sah sich um “Gott sei Dank...Geisterschiff...” - “Hey Alter, schön dich zu sehen” sagte ich und schubste ihn in die Rippen “ich möchte ja wetten, das ist was kriminelles. Du mußtest ja unbedingt deine Nase da reinbohren...jetzt komm mal drüber weg, das kann schlicht ein Unfall gewesen sein. Was weiß ich, Maschinenschaden, Mannschaft haut mit den Lifeboats ab, einer hantiert am Ladebaum und. .rumms...” er nickte “oder so, ja. So eine Rostschüssel. Aber ich sag dir, da wäre dir auch das Frühstück hochgekommen.” - “Jouh, mag sein. Wir fahren weiter, schau dich um, ist schon weit weg.”

 Der alte Frachter war nur noch ganz klein hinter uns zu erkennen. Wir fuhren nun wieder schnell, und tatsächlich, mit jeder Meile ließ das mulmige Gefühl nach. Zwei Tage später legten wir in Illardis an, stiegen um in die Rifénia und waren schnell daheim. Seither fährt die Americania ihre Linie nach Miami, inzwischen ab Rifé, weil das besser paßt für Passagiere die nach Rio wollen - damit hatten wir gar nicht gerechnet, daß unser schnelles Schiff den Fluglinien Konkurrenz machen würde - aber das ist der Fall. Naja, es war ja nicht zuletzt deshalb gebaut worden, weil man auf Rifé keinen Flughafen einrichten wollte, aber eben doch eine schnelle Verbindung nach Norden - inzwischen nicht die einzige. Die zweite X3 fährt, ebenfalls von Rifé aus, nach Rotterdam. Über eine dritte X3 wird nachgedacht, Indien? Möglich...im Moment aber nicht, wegen des hohen Verbrauchs an Mélaneisen. Es gab schon Klagen von Hausbauern, daß man so lange auf Bauteile warten mußte.

Holger sagte mir als wir in Atlantis ausstiegen, er wäre ganz froh darum nicht mehr international berichten zu müssen “ist schon was wert, dieses kleine friedliche Land. Hab ich dir schon mal danke gesagt, daß du uns diesen Floh ins Ohr gesetzt hast?” - “Nein, mußt du auch nicht. Einfach nur da sein, das genügt mir völlig.” - “Mach ich, Alter...” - “Danke. Sag mal, Malc...das ist ja gut was du da vorgetragen hast. Aber meinst du wirklich, daß viele reiche Länder da mitgehen, nur weil die UN umschwenkt?” - “Nein, Holger. Das war ja deutlich genug. Die haben das Problem daß sie ihre eigene Industrie umdirigiren müssen, wenn sie das wollen. Ich weiß ehrlich nicht wie wir das hinbekommen könnten; es ist aber notwendig. Man kann ja nicht ganze Konzernstrukturen wegen der Entwicklungshilfe umsteuern, oder?” Aldor kam dazu und wiegte den Kopf “Mit dieser Begründung wohl nicht, und vielleicht auch nicht direkt. Aber wenn sich Staaten verändern würden...ich wäre froh wenn Cuba Erfolg hätte. Da könnte man dann sagen, schaut mal, das kleine Land schafft das. Das könnt ihr doch auch.”

“Wollen wir hoffen daß Raoul es schafft Vernunft höher anzusetzen als Ideologie.” Sangara war nun auch dabei “wenn die dann Geld einsparen wie wir das diskutiert haben, und das sinnvoll einsetzen - das wäre es.”  - “Ja, und weil Cuba allgemein nicht beachtet wird, macht das gar nichts” warf Holger ein “man müßte die USA oder Russland ins Boot holen, oder besser beide - dann läuft das.” - “Jetzt erklär mir noch wie, und wir machen das” grinste Aldor “wir sind nämlich auch ein kleines Land das nicht beachtet wird.” Holger seufzte.

“Nachdenken” sagte Vanessa “Nachdenken, und dann nochmal nachdenken. Ein Anfang ist ja gemacht. Wenn der Baum nicht zum Schiff rollt, muß man ihn halt fahren.”  - “Wie meinst du denn das?” - “Wenn ich das wüßte. Fiel mir nur gerade ein. Den Baum haben wir, das Fahrzeug sollten wir suchen...so etwa ?” - “Sag mir Bescheid wenn du es findest” grinste Aldor “fahren kann ich....”

Ein Gleiter brachte uns heim nach Conartis. In Gedanken waren wir immer noch in New York...

Nachtrag, drei Wochen später, Bericht der Küstenwache von Bélem:

“Die Korcula wurde zum 1.1.1994 außer Dienst gestellt. Sie sollte abgewrackt werden, in Cadiz, Spanien. Dort ist sie nie angekommen. Vermutlich wurde sie von kriminellen Geschäftsleuten übernommen und für illegale Transporte genutzt. Das Schiff wurde nachweislich mehrmals in Häfen der Elfenbeinküste, Nigerias und des Kongo gesichtet. Sie lief im April dieses Jahres Santa Helena an, wo eine provisorische Reparatur ausgeführt wurde. Angeblich war sie auf dem Weg nach Ushuaia, ob sie je dort war, konnte nicht geklärt werden. Wir müssen es aber annehmen, denn sie ist auf einem Satellittenfoto  vom 15 .Juli 2005 zu erkennen, auf der Höhe von Rifé, aber weit östlich davon, mit Kurs Nord. Das dürfte ihre letzte Fahrt gewesen sein. Diese Fahrt endete offenbar vor unserer Küste, schlicht wegen Treibstoffmangels. Zwei ihrer Rettungsboote wurden halb zerstört an einem unbewohnten Küstenabschnitt südlich Bélem gefunden, von der Besatzung fehlt jede Spur. An Bord wurden zwei Tote gefunden, einer erschossen, einer verunglückt.

Das Schiff ist seit 1994 nicht mehr bei Lloyd’s registriert, die Firma die es gekauft hatte, existiert nicht mehr. Die Korcula wird abgewrackt, die weiteren Untersuchungen führt das Seegericht in Cadiz. Wir bedanken uns bei Ihrer Schiffsführung für die Meldung. Das Schiff wäre mangels Pumpenenergie und wegen Durchrostungen im Bereich der Frachträume binnen kurzem gesunken. Unsere Regierung wird sich noch mit Ihnen in Verbindung setzen, für uns ist der Fall erledigt.

Mit freundlichen Grüßen, Küstenwache Bélem.

Aldor zeigte mir dieses Schreiben grinsend “keine Geister, bloß irgendwelche Lumpen.”  - “Haben wir eigentlich eine Küstenwache?” - “Nein, haben wir ja bisher nicht gebraucht. Diese Sache hat mich aber nachdenklich gemacht, da werden wir wohl nachbessern müssen.” - “Wenn irgendwer mal ein Schiff entwickelt das wie die Xanthor zu uns runter tauchen kann...?” - “Das wird noch dauern. Nein, ich denke an Rifé und Tenar.” - “Und ich an Hilfsindustrie.” - “Jaaa...ich auch. Das Kapitel ist noch nicht beendet.”

(Ist es hier auch nicht. Siehe Links, unmöglich? )

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Quellen zu den Themen dieser Seite:

Havanna    Hurrikan Katrina   Monsterwelle, Kawenzmann  

Für Landratten: tug, tugboat = Schlepper    Winsch = Ankerwinde (Maschine)   blue ribbon/Blaues Band = Auszeichnung für schnelle Schiffe (Atlantikroute)

knots (Knoten) Geschwindigkeit bei Schiffen  1 Knoten = 1 Seemeile/h = 1,852 km/h ≈ 0,514444 m/s