Neu im Job

Als “reisender Botschafter” Avalonias mußte ich natürlich ganz von vorn anfangen. Anfangs wollte ich auch gar nicht daß außer dem Palast und wenigen Freunden irgendwer davon etwas wußte, man kann ja nicht einfach vom fragenden Journalisten zum Politik-vorbereitenden Diplomaten umschalten, da gibt es eine Lernphase, und solange ich mich nicht sattelfest fühlte ließ ich alle in dem Glauben, ich wäre weiterhin Jornalist - und begleitete Aldor und Sangara bei ihren Reisen, blieb still im Hintergrund und beobachtete wie die zwei Naturtalente das eigentlich machten. Alida, immer dabei, versorgte mich mit Kommentaren und Vorschlägen die derart gut waren daß ich oft dachte, es wäre besser wenn sie diesen Job machen würde - aber sie hat absolut keine Neigung dazu.

So war ich stiller Teilnehmer bei einer Reise in den Kongo, wo der Hilfe durch Malcolms Leute nun diplomatische Beziehungen folgten die es uns erlaubten, diese Hilfe nicht unauffällig neben dem kongolesischen Staat zu machen, sondern mit seiner Unterstützung. Übrigens in voller Übereinstimmung mit den kubanischen Hilfsorganisationen, mit denen längst etliches abgesprochen war. Aber solche Staaten waren auch nicht das Ziel für mich, an das “Königs” gedacht hatten - sie wollten mich eher auf solche Länder loslassen, die nicht von sich aus Kontakte zu Avalonia suchten, also keine Staatsbesuche ermöglichten. Genau das sollte ich möglich machen, und diese Staaten waren große Kaliber. Die USA, Rußland und Indien waren als Ziel vorgemerkt, und ganz klar: auf die Schnelle traute ich mir das nicht zu. Ich kam auf die Idee, am besten könnte ich das lernen, wenn ich öfter bei UN-Sitzungen teilnehmen würde und dort, am Rand des großen Saals, erst einmal unverbindliche Gespräche führen und dabei das Handwerk lernen könnte. Das brachte mich dann wieder in den berühmten Glaskasten über dem Sitzungssaal, wo sich eben Journalisten aufhalten - das kannte ich gut und nahm auch manchmal Holger dahin mit.

Inzwischen war es natürlich nicht mehr unser Königspaar das aktiv an diesen Sitzungen teilnahm, sie hatten sich für Savonedors Sohn, Taledor, als Chefdiplomaten entschieden - der war also mein Vorgesetzter und mühte sich ehrlich ab, selbst Kontakte zu schmieden. Er war allerdings genauso erfahren wie ich - gar nicht. Freunde von Aldor aus Vanartis begleiteten ihn meistens, mit wechselndem Erfolg. Von Europa abgesehen, waren es eher die Entwicklungsländer und unsere direken Nachbarn, die einigermaßen problemlos Beziehungen zu uns aufnahmen. Meine Zielländer blieben eher reserviert.

Nach einigen Monaten erklärte mir Aldor dann, es wäre nun an der Zeit einzusteigen, und schlug vor bei einer Vollversammlung zum Thema Entwicklungshilfe die ersten Schritte zu tun “und zwar offensiv, Norman. Ich habe inzwischen gelernt daß wir der oberen Welt in einem Punkt absolut überlegen sind, wir haben das ja schon mit Raoul Castro diskutiert: die Verschwendung öffentlicher Mittel für Militär-und Verwaltungszwecke. Bei uns ist dieser Aufwand minimal, und wenn sich Entwicklungsländer an uns orientieren würden, hätten sie enorme Geldmittel frei für soziale, und Bildungsaufgaben - ohne daß irgendein Land etwas zuzahlen müßte. Ich meine, das sollte leichter erreichbar sein als große Unesco-Programme. Bei denen schießen die Russen und die Amis fast immer quer, weil sie teuer sind. Unsere Wirtschaftsform kostet sie aber nichts.  Das könnte uns russische und US-amerikanische Türen öffnen, was meinst du?”

“Du hast aber auch selbst gesagt, ganz schnell läßt sich das wohl kaum einführen. Hat denn Cuba etwa Schritte in dieser Richtung getan?” - “Oh ja, haben sie. Kleine Schritte für den Anfang, zuerst in der Kongo-Hilfe, weil das die Zusammenarbeit mit uns erleichtert. Die haben ihre Parteisekretäre aus dem Programm rausgenommen und den militärischen Teil der Hilfe ganz gestrichen, und Raoul sagte mir neulich, sie testen in Havanna aus ob es negative Folgen hat wenn sie auch dort die Parteisekretäre und deren Bürokratie nicht mehr über alles entscheiden lassen. Die Partei hat dort eine neue Aufgabe bekommen, ganz unpolitisch: die gehen durch die Schulen und reorganisieren das Bildungswesen, und wie er mir sagte, bisher scheint das gut zu laufen. Ha, Sozialkundeunterricht von Parteibonzen...wenn die das nicht können, wer sonst. Ist nur ein Anfang, aber wenn das klappt will er in dieser Richtung weiter machen. Das fuchst ihn, daß wir keinen Geheimdienst haben und sie dort Millionen dafür ausgeben...ich nehme an, er muß seinen Bruder Fidel noch etwas bearbeiten, wenn er da ran will.” - “Ich soll also einen ganz neuen Kurs in der Entwicklungspolitik vorschlagen? Ein ganz schöner Brocken für einen Anfänger.”

“Stimmt, aber ein Brocken der den großen Ländern gut schmecken wird, weil er sie nichts kostet. Ich mußte ja auch ins kalte Wasser springen, vom Bürgermeister - Baumeister zum König. Ich lebe noch...also los, versuch es einfach.”

Am Rande der Vollversammlung

Aldor hatte nicht gesagt wie ich das anfangen sollte, und ich wollte nicht Taledor ins Handwerk pfuschen, fühlte mich auch nicht gut genug um ans Mikrofon zu treten und diesen - sicherlich guten - Vorschlag gleich an die ganze Welt zu richten. Nach einigen Überlegungen und Ratschlägen von Alida kam ich auf die Idee, weiterhin still im Glaskasten zu hocken und in den Pausen ein Treffen außerhalb des Saals einzufädeln, weil ich mich sehr postiv an die Gespräche mit europäischen Außenministen in Deliartis erinnerte - so etwa wollte ich das versuchen.

Aber nicht nur ich nahm diese Sitzung wohl wichtig. Erschrocken stellte ich fest daß zwar Aldor nicht da war, dafür aber einige Größen, Gorge W.Bush, Vladimir Putin und Fidel Castro waren persönlich erschienen, die Inder dagegen gar nicht. So ganz nebenher waren auch Gerhard Schröder, Jaques Chirac, Tony Blair und dieser ekelhafte Berlusconi anwesend....wohl ein kleines Gipfeltreffen nebenher. Die hohen Herren ergriffen aber nicht das Wort. Es lief wie ich es schon öfter kommentiert hatte, Wortgefechte, hohle Phrasen und wenig konkretes, dafür umso mehr aus der Kategorie der nichtssagenden, aber schön klingenden Ankündigungen. Das gerade aktuelle Problem mit Somalia wurde oft angesprochen, aber nicht wirklich angegangen. Ich bekam wirklich Lust, den Laden etwas aufzumischen - hinter den Kulissen, in der avalonischen Vertretung. Das schwerste zuerst , sagte ich mir und paßte Vladimir Putin ab als er den Saal verließ um wohl den Aufzug zu den russichen Büros zu nehmen.

“Guten Tag Herr Premier, Norman Weinstein, Avalonia. Könnte ich Sie für ein informelles Gespräch nach der Sitzung gewinnen?” Putin sah mich verwundert an “Avalonia, so, so. Die Untersee-Menschen. Worum soll es denn gehen, Herr Weinstein?” - “Die dritte Welt stärker unterstützen, aber weniger Geld dafür ausgeben? Wäre das eine Idee?” Er verzog das Gesicht “haben sie einen Zaubertrank erfunden? Das geht doch nicht. Alles kostet Geld, und sie werden wissen daß es auch bei uns daran fehlt.” - “Eben deshalb. Kein Zaubertrank, eine organisatorische Frage. Könnte auch für Russland selbst interessant sein.” Er blieb stehen (juhuuu...es interessiert ihn!!) “der Castro hat uns so etwas angedeutet. Ich habe ihm, ehrlich gesagt, nicht geglaubt. Kommt die Idee von ihm oder von euch?” - “Von uns.” -”Gut, ich riskier’s Aber wenn Sie mich langweilen werde ich unhöflich und gehe einfach.” - “Kein Problem, jederzeit, aber wir werden Sie nicht langweilen. Wann paßt es Ihnen?” - “So nach neun? Und wo?” - “Avalonische Vertretung. Ich freue mich.” - “Ich erst, wenn das wirklich was bringt. Tut mir leid, ich muß...Termine. Bis heute Abend.” - “Ja, danke, Herr Premier...”

Er eilte zum Aufzug, ich wischte mir Schweiß von der Stirn. Das ging ja wirklich...also jetzt, diesen Bush...ich warf mich in einen Sessel und lauerte ihm auf...

“Guten Tag, Mr. President. Norman Wein...” - “I know your face. What’s the matter?” Ich spulte fast die gleichen Sätze ab. Mr. Bush winkte ab “Ausgerechnet Avalonia. Lernen Sie erst mal wie es hier läuft.” - “Oh, das weiß ich durchaus. Mr. Putin hat schon zugesagt.” - “Wie bitte? Valdimir läßt sich darauf ein? Wie haben sie denn das gemacht?” - “Gefragt - ganz wie ich Sie auch frage.” - “Aha. Mehr erreichen mit weniger Geld? Bei Ihnen gibt es doch gar kein Geld? Sagen Sie mir ganz knapp, warum ich das glauben soll.” - “Weil die USA als Buhmann da stehen, weil Ihr Land so wenig für die dritte Welt tut und Sie das - kostenlos - ändern könnten?” Er lachte. “Wenn das geht, gebe ich einen aus. Na gut, wenn Vladimir es Ihnen abnimmt, will ich nicht so sein. Wann denn, wo denn?” - “Avalonische Vertretung, so ab neun.” - “Gut, ich komme..etwas später wahrscheinlich. Wehe, das ist so ein Hokuspokus.” - “Das ist ganz konkret, und auch schon in einem Land mit Geldsystem erprobt.” - “So? Sagen Sie mal, kenne ich Sie nicht als deutschen Journalisten?” - “Das ist lange her.” - “Na gut. Wenn Sie nicht so stur sind wie bei der Schiffahrtsfrage.” - “Die ist doch geklärt. Danke, Mr. President.” - “You’re welcome. Gibt es was zu trinken?”

Er wartete keine Antwort ab, und ich grinste mir eines, natürlich würde es Getränke geben. Ungewohnte Getränke...

Dann kam mir der satanische Gedanke, wenn schon, denn schon. Ich ging in den Saal und direkt zum kubanischen Tisch, sprach auch Fidel Castro direkt an. “Senor Presidente, Norman Weinstein..” - “Avalonia, ich weiß. Raoul nervt mich ständig mit euren Ideen. Schön sie mal kennen zu lernen.” Für einen alten Mann hatte er einen kräftigen Händedruck, sah auch freundlich aus und nahm meine Einladung sofort an. “ist euer König auch da?” - “Nein, leider nicht. Würden sie ihn denn sehen wollen?” - “Wenn ich jemals Ruhe vor meinem Bruder haben will, muß ich ja wohl. Er soll ja ganz umgänglich sein. Was haben sie denn vor?” - “Einen Stein ins Wasser werfen.” Er lachte kräftig “Sie machen es spannend. Aber es geht doch wohl um eure Wirtschaftsweise, ja?” - “Teilweise, und um die dritte Welt. Klappt doch ganz gut, was wir da zusammen im Kongo tun.” - “Oh, sagen sie nur, sie weiten das aus? Sie haben Recht, das gefällt mir was der Raoul da eingefädelt hat. Euer Malcolm war schon öfter bei uns, mit dem kann ich auch gut. Wer kommt denn noch?” - “Sie werden staunen.” - “Aha. Geheimnisvoll. Na gut, gern. Raoul ist leider nicht hier.” - “na, sie werden mich ja auch nicht erschießen.” - “Ich schieße nicht mehr, ich regiere. Schießen war einfacher.” Er lachte wieder und notierte sich den Termin...na also. Für den Anfang genug, sagte ich mir und ging wieder in den Glaskasten, erzählte Alida von meinem Erfolg. “Es ist ein Erfolg wenn diese drei sich wirklich an einen Tisch setzen, Norman. Und ein großer, wenn sie sich gar einigen sollten. Du bist verrückt, Bush und Castro. Schwieriger geht’s ja gar nicht.” - “Ich weiß. Aldor wollte das so. Mach es offensiv, hat er gesagt.” Alida grinste nur...

 Inoffiziell gemütlich

Taledor verschluckte sich als ich ihm von den Vereinbarungen erzählte. “Du hast sie nicht alle, Norman - das ist eine Nummer zu groß für dich. Der Fidel ist nicht kompliziert, aber du glaubst doch nicht daß Putin oder Bush sich von dir einwickeln lassen. Ich will mal versuchen, ob ich den Aldor her bekomme. Wenn schon diese Betonköpfe, dann muß er selbst ‘ran. Wie hast du das nur gemacht?” - “Einfach eingeladen. Sind doch auch nur Menschen. Wieso Aldor, ich dachte, der ist daheim?” - “Ja was glaubst du denn, der will doch erleben wie du dich so machst - er wollte aber eigentlich nicht hier auftreten. Er wird im Hotel sein, ich soll ihm berichten...na, das wird ja was werden...”

Ich sah das anders. Klar, die zwei Gegenspieler würden sich schön wundern, aber was soll’s. Ist ja inoffiziell, ohne Presse und nur ein Versuch.

Vladimir Putin war pünktlich, Fidel Castro nicht. Putin sah sich im Büro um “sieht ja ganz normal aus bei euch. Habt ihr eure Götter irgendwo versteckt?” Er zwinkerte dabei, war wohl gut gelaunt. “Die werden im Stau stecken” sagte Alida und begrüßte ihn freundlich, dann schüttelte er Taledors Hand und setzte sich. Schon bekam er ein Glas Cualarin in die Hand gedrückt, roch vorsichtig daran “Drogen?” - “Nein, probieren sie ruhig. So etwas wie Kaffee...macht munter.” Er trank, nickte “seltsamer Geschmack. Bin nur ich eingeladen?” Ich mußte nicht antworten, es klopfte - Fidel kam. Putin griff sich an die Stirn “ich hätte es wissen sollen. Du bist also mit im Boot.” - “Auf meine revolutinäre Ehre, ich weiß nicht was die vorhaben. Hallo Vladimir.” Sie lächelten sich an. .soweit kein Problem. Die zwei machten smalltalk bis es wieder klopfte..nun kam die wirkliche Prüfung, George Bush. Der begrüßte Alida, sah zu Putin “hallo ...” und erstarrte. “Oh nein, das nicht..” sagte er leise und sah unsicher aus. Alida machte Castro ein Zeichen “sag jetzt nichts” und der begriff das zum Glück, wunderte sich ja auch. Bush wollte gehen.

“Mr.President, entschuldigen Sie die Überraschung” sagte Alida ruhig “aber wir wollen Ihnen nichts anbieten was nicht erprobt ist. Senor Castro hat Erfahrungen gemacht, und was ein armes Land hinbekommt...niemand erfährt von diesem Treffen, und Fidel hat versprochen nicht zu beißen.” Nun lachte Castro, und Bush zögerte. “Wenn ich bleibe, ist das keine Anerkennung, Mr. Castro...sie verstehen?” - “Ja, leider. Aber es geht heute nicht um Cuba. Bitte, nehmen wir uns nicht so wichtig. Ich möchte jedenfalls hören was Avalonia zu sagen hat. Wir haben teilweise gute Erfahrungen gemacht.” - “Na gut. Streiten wir uns nicht, dann wird es irgendwie gehen.” - “Ja. Das freut mich. Guten Tag, Mr. Bush.” Er streckte ihm die Hand hin, Bush nahm sie zögerlich “Hi, Mr. Castro.”  Putin grinste still...

Ich atmete auf und gab ihnen Gläser “auf ein gutes Gespräch. Machen wir es uns gemütlich.” Beide machten jetzt die Erfahrung wie schnell man sich wohler fühlt, nach ein paar Schlucken. Taledor ergriff das Wort. “Ich nehme an, Norman hat schon angedeutet worum es geht. Wir haben uns Gedanken gemacht wie man die dritte Welt besser unterstützen kann, und dabei ist uns etwas aufgefallen. Genau gesagt, das kam bei einem Gespräch von König Aldor und Raoul Castro auf. Die zwei haben verglichen, wie groß der Verwaltungsaufwand in Cuba ist, oder in Avalonia. Kurz gesagt, obwohl Cuba ein armes Land ist und Avalonia nicht, treibt man in Havanna tausendmal mehr Bürokratie als bei uns; das brachte dann etwas ins Rollen. Senor Castro...sind sie im Bilde, was bei ihnen inzwischen eingespart wurde, und ob das der Hilfe zugute kam?” Castro nickte “nicht exakt, das macht der Raoul. Aber wir konnten unsere Hilfsleistungen - im Kongo - fast verdoppeln, ohne einen Peso mehr auszugeben.” Bush sah verärgert aus. “Noch mehr Kalaschnikows??” - “Nein, im Gegenteil. Die Militärhilfe haben wir ganz eingestellt. Anfangs dachten wir ja, Avalonia lebt auf Wolke sieben und das geht nicht. Aber wir machen gute Erfahrungen, auch wenn uns einige Guerillas jetzt sauer sind.”

Bush sah ihn erstaunt an “sie sagen jetzt nicht, ihr habt die Revolution aufgegeben?” - “Das nicht. Aber wir haben etwas gelernt. Avalonia ist nicht illusionär, sondern erstaunlich erfahren. Ich sage das noch nicht öffentlich und möchte auch nicht zitiert werden, Mr. Bush. Wir brauchen noch mehr Erfahrungen, aber es sieht so aus als würden wir jetzt mehr bewirken als zuvor..aber das sollten die Avalonier erklären.” Bush nickte bedächtig “soll mir recht sein, wenn es dem Kongo hilft. Aber was heißt das für uns? Wir liefern keine Waffen in den Kongo.” - “Oh, George...” Putin beugte sich vor “Ihr macht das über Israel. Das wissen wir doch . Fidel hat uns davon berichtet und wir dachten, der spielt jetzt die Friedenstaube und ist es nicht.” - “Bin ich auch nicht. König Aldor sollte hier sein - er ist es.”

Bush nickte und sah Taledor an “ja, warum vertritt euer Monarch das nicht selbst? Steht er nicht dahinter?” Taledor stand auf “ich sehe mal nach ob er gekommen ist. Ich habe es ihm ausrichten lassen als Norman mir sagte wer kommt. Moment.” Er ging ins Nebenzimmer, man hörte Stimmen, dann öffnete sich die Tür wieder - Aldor. “Guten Abend. Ich wollte eigentlich im Hintergrund bleiben...wir haben nicht erwartet daß wir so hohen Besuch bekommen. Willkommen bei uns...” er schüttelte Hände, setzte sich dazu “ich stehe sehr dahinter, Mr. President. Aber bevor ich loslege, sehen sie mir bitte nach wenn ich nicht ganz exakt informiert bin - bei uns gibt es keinen Geheimdienst. Ich werde Zahlen nennen, die habe ich aus öffentlichen Quellen. Wahrscheinlich sind sie noch höher, sie werden es wissen. Und nicht verärgert sein, ich kritisiere Ihre Politik nicht. Ich begründe nur meinen Vorschlag.”

Putin und Bush nickten. Castro blieb ganz still.

“Ich fange bei Ihnen an, Herr Putin. Korrigieren Sie mich wenn ich falsch liege. Ihr Staatsetat liegt bei etwa ca.200 Milliarden, für ein Jahr, in Dollar umgerechnet?” - “Etwas höher, aber gut - fahren Sie fort.” - “davon gehen 45 Prozent fürs Militär drauf, allein 21 für die Nuklearbewaffnung?” - “Nicht ganz so schlimm.” - “Gut zu hören. Weitere 28 Prozent für Verwaltung?” - “leider etwas mehr.” - “Auf Genauigkeit kommt es weniger an, sie werden sehen. Dann wären da noch Zinsen, und Investitionen - nur ein kleiner Rest kann tatsächlich produktiv eingesetzt werden - richtig?” - “Sie wissen es ja.” - “Ich hoffe es. Mr. Bush, muß ich die Zahlen nennen oder stimmen sie mir zu, es ist ganz ähnlich in den USA?” - “Etwas weniger Verwaltung, etwas mehr Militär - der Golfkrieg.” - “Klar . Und in Cuba? Die absoluten Zahlen sind kleiner, aber die Prozentsätze?” - “41 Militär, 23 Verwaltung, kaum Investitionen möglich.”

“Danke. Ich dachte, es wäre schwieriger sich darauf zu einigen. Ich habe mir die Mühe gemacht einmal umzurechnen, wie das bei uns wäre wenn wir den Ausgleich mit Geld machen würden. Möchten sie das hören? Sie werden sich sehr wundern.” Putin beugte sich vor “ich ahne etwas. Nur zu.” Bush und Castro nickten. “0 Prozent Militär, 3 Prozent Verwaltung, Null Zinsen, zehn Prozent Vorsorge. Sehen Sie, darum geht es. Wir können als kleines Land mühelos abgeben, und es gibt bei uns keine Debatte wie in Ihren Ländern, wir würden zuviel verschenken und zuwenig für’s eigene Land tun. Kennen Sie das Thema?” Alle drei nickten, aber vor allem die beiden Super-Präsidenten bekamen einen roten Kopf. “Das ist unmöglich. Gut, Militär brauchen sie nicht - aber so wenig Verwaltung? König Aldor, sie wollen uns aufs Glatteis führen.” Bush war zornig, Putin stimmte ihm wortlos zu.

“Tut er nicht” sagte Castro ganz ruhig “meine Leute waren dort und wollten es auch nicht glauben. Man hat uns alles gezeigt und erklärt, und König Aldor sagt die Wahrheit. Wir machen ganz vorsichtige Versuche es auch so zu machen, bisher mit Erfolg. Sehen Sie, Mr. Bush, ich sehe das so: wir haben es mit Kommunismus versucht und doch nur wenig erreicht, die Armut auf Cuba ist noch da - wem sage ich das. Sie machen das mit Kapitalismus, haben etliche Reiche und auch Armut. Wenn König Aldor nicht ganz falsch liegt, und das glaube ich nicht, machen wir es beide verkehrt und Genosse Putin auch. König Aldor?” - “Hör mal Fidel, laß mal den König weg. Ich würde gern so diskutieren als wären wir alle Schüler und redeten nur um die Wahrheit. Unsere Ämter .. .die helfen uns da wenig. Ich weiß nicht ob unsere Art zu wirtschaften in einem großen Land auch so möglich ist, aber ich schwöre, Vladimir, George: ich lüge nicht, und bei uns machen wir das schon lange so. Es ist nicht mein Verdienst, das haben viele Generationen so entwickelt.” - “Einverstanden” sagte Fidel und sah die beiden zornigen Männer an “nur heute...” - “ja, ja...einverstanden” knurrte Putin “aber Aldor, nun mal Klartext. Was ist der Vorschlag?”

“Nun, das zu tun was am leichtesten zu erreichen ist. Weg mit dem Militär, zuallererst mit den Atomwaffen. Die Verwaltung zu verändern, braucht wahrscheinlich viel Zeit und wird  - je größer das Land ist - nicht ganz so radikal möglich sein wie bei uns. Aber, mal ganz ehrlich, reicht es nicht völlig, wenn ihr zwei Großen die Welt einmal verbrennen könnt? Das wollt ihr doch gar nicht. Also, ich sage mal, zehn Atombomben für Russland, zehn für die USA. Reicht doch völlig um kleine Spinner wie Iran oder Nordkorea klarzumachen, Jungs, laßt es, es lohnt nicht - oder?” Bush lachte bitter, Putin schüttelte den Kopf. “Ist logisch, aber eine Rechnung ohne China und Indien. Natürlich würde das enorm nutzen, aber glaubst du etwa, wir könnten das unseren Völkern verkaufen? Die wählen uns ab, so ist das.” Bush nickte nur dazu “Genau.”

“Könnte sein, ja.” sagte Aldor ganz ruhig “ist aber bei uns nicht passiert, als König Vanghedor genau das angeordnet hat. Im Gegenteil, er wurde gefeiert. Überlegt mal, es hat ja sofort jeder Bürger den Nutzen davon! Ihr könntet die Steuern senken, das Sozialsystem sehr verbessern, die Entwicklungshilfe verzehnfachen und hättet doch Überschüsse. Was meint ihr, wie hoch sind bei uns die Steuern?” - “Dreißig Prozent?” - “fünfundzwanzig?” - “Nein, es sind zehn - seit Jahrtausenden.”  - “Unmöglich.” - “Aber ja doch, und fragt mal Fidel, sein Bruder hat sich überzeugt. Null Armut, keine Obdachlosigkeit, allerdings auch keine Superreichen. Abwählen? Das glaube ich kaum.” - “Aldor, du bist ein ganz raffinierter Typ. Ausgerechnet diesen Erzrevolutionär zum Zeugen zu machen. Fidel, auf Ehre und Gewissen, akzeptierst du diese seltsame Monarchie? “ Bush ging auf Fidel zu, sah ihm direkt in die Augen - und Fidel sagte ja. “Soweit ich weiß, George. Ich war selbst noch nicht dort, aber mein Bruder ist eine ehrliche Haut. Er sagt, das ist die wahre Revolution, und verdammt ja, sie kostet keine Menschenleben.”

Alida ging dazwischen, die Luft knisterte, George Bush konnte das einfach nicht glauben. “Trinken wir erst mal ein Gläschen, ja? Dann würde ich gern drei einfache Fragen stellen - aber beruhigt euch doch. Wäre es etwa nichts, wenn das möglich wäre?”

Die drei stimmten zu und entspannten sich. Dann fragte Alida einen nach dem Anderen, immer die gleiche Frage “möchtest du irgendein Land zerstören? Möchte dein Volk das?” Sie sagten natürlich alle nein, und Alida fragte weiter “wozu dann dieses Teufelszeug?”  Es gab hilflose Gesichter, da fand Aldor den Faden. “Ich sage es euch. Es ist Tradition, oder Gewohnheit, seit der Steinzeit. Aber ich möchte nicht für eine Tradition sterben, ihr etwa?” Das tat es wohl, es ging sachlich weiter.

“Sagen wir mal, wir wären so verrückt uns darauf einzulassen.” Bush sprach langsam und nachdenklich “ wäre dann nicht China die neue Supermacht, und wir alle müßten nach Pekings Melodie tanzen?” - “Ich denke nein. Sagen wir mal, ihr fangt an den Mist zu verschrotten. Das geht ja nicht über Nacht, und China käme enorm unter Druck sich anzuschließen. Von der ganzen Welt...und, nicht zuletzt, vom eigenen Volk dem es ja auch nicht supergut geht. Und wenn China mitzieht, gerät Indien unter Druck - und so weiter. Ich denke, George und Vladimir, ihr habt den Schlüssel in der Hand, eine Bewegung in Gang zu setzen die einen solchen Sog entfaltet daß sich letztlich der Vatikan entschließen muß, die Schweizer Garde zu entlassen.” Sie sahen sich verblüfft an, dann lachte Fidel los, und das wirkte ansteckend. Alles lachte, dann sagte Putin, das wäre also erst der Anfang? “danach rüsten wir also unsere Beamten ab? Und die ganzen Verwaltungsleute? Geht dann nicht die Zivilisation zum Teufel?” Nein, sagte Aldor. “Die Bürger müssen sich etwas mehr beteiligen, das ist alles. Fragt mal Fidel, was er mit seiner Parteiorganisation macht und was das bewirkt.”

Sie sahen den alten Mann an - und der grinste. “Das wird dir gefallen, George. Die sind jetzt in den Schulen und geben Unterricht - nicht etwa in Marxismus. Die endlosen Debatten sind vorbei, die tun jetzt etwas nützliches. Allerdings bisher nur in Havanna, es ist ein Experiment, aber das läuft gut.” - “Hast du das nicht vor Jahren schon mal gemacht, auf den Zuckerplantagen?” - “na klar, war aber ein Fehlschlag. Ihr habt uns den Zucker ja nicht abgekauft, und die Sowjetunion hat ihn schlecht bezahlt. In diesem Punkt hatten wir schon einmal ähnliche Ideen, aber nicht so radikal wie die Avalonier. Der Punkt ist doch, ein Parteifunktionär erwirtschaftet nichts. Ein Lehrer aber schon, ein Handwerker, ein Bauer. Aber fragt das doch den Aldor.”- “ja, Aldor” mischte nun Putin wieder mit “heißt das, drei Prozent wenn ich recht erinnere, daß nur drei Prozent eurer Bevölkerung unproduktiv eingesetzt sind?” - “Ja. Ich, die Lagerhausverwalter, die Wächter, der Rat und ein paar Faulpelze.”

Wieder lachte alles, aber er hatte seinen Punkt gemacht, das spürte ich deutlich.  Die Fragen die jetzt kamen waren sachlicher und ernster, die Stimmung heiter bis fröhlich. Sie fragten was genau ein Wächter ist, wie das geldlose System funktioniert und wie lange es gedauert hatte das so einzuführen. “Einige Monate um das Militär abzuschaffen und den Soldaten vernünftige Arbeit zu geben, vor dreitausendsechshundert Jahren. Gut tausend Jahre um die Geldwirtschaft auf das jetzige Sytem umzustellen. Deshalb sage ich ja, das mit dem Militär ist einfach, geht schnell und bringt sofort Nutzen. Und weil das mit der Wirtschaft so lange dauert, akzeptiere ich das Wort Revolution nicht, Fidel.” - “Raoul sagt, da wir ja jetzt euer Vorbild haben, könnte es vielleicht schneller gehen.” - “Möglich - ihr versucht es ja schon. Die Frage ist, traut sich jemand mitzuziehen? Wollen wir unseren Völkern eine unsägliche Last und die ebenso unsägliche Furcht abnehmen? Haben wir den Mut?”

Es gab eine lange Pause, war ja auch schon spät. Dann stand George Bush auf  “ich sage euch was. Vielleicht bin ich nicht mutig genug, aber ich will mich selbst überzeugen. Aldor, treffen wir uns wieder, in Avalonia? Führt uns das vor und wir werden sehen. Vladimir, Fidel - macht ihr mit?” Beide sagten sofort ja , dann war das Treffen schnell beendet. Wir verabschiedeten uns mit Umarmungen, allein das war schon ein Erfolg. Dann waren wir allein und sagten lange nichts.

“Das wird ein hartes Stück Arbeit” meinte Aldor “was meint ihr, kriegen wir das hin?” - “Das Treffen ja, mehr - ich weiß nicht.” sagte ich, “ich glaube schon, aber es wird dauern” meinte Alida und Taledor sagte, er wäre optimistisch, aber Vanghedor hätte das Ergebnis seiner “nicht - Revolution” ja auch nicht selbst erlebt.

“Ich sagte euch ja, seine Schuhe passen mir nicht” sagte Aldor, aber er lächelte dabei.

Vorbereitungen

Einen Teilerfolg gabe es dennoch fast sofort. Die erhofften diplomatischen Beziehungen, zu allen drei Ländern, wurden in den folgenden Wochen vereinbart und auch bald realisiert. Damit hatte ich meine Aufgabe erfüllt, soweit das möglich war - Indien war allerdings weiterhin nicht dabei. Inzwischen aber hatte sich Aldors Idee weiter entwickelt; anfangs nur eine Taktik, wurde inzwischen ein realer Versuch daraus die größten Geldmittel der Welt von militärischen auf kulturelle Zwecke umzuleiten. Dabei war es nicht Aldor, der das betrieb. Ahnungslos, was er damit anrichtete, hatte er bei einer Beratung locker erzählt, wie wir es geschafft hatten die großen Länder und das kommunistische Cuba zur Aufnahme regulärer Beziehungen zu überreden - es gab mächtig Applaus, und schon wenige Tage später kamen die Ratsmitglieder unter Druck, diese Initiative fortzusetzen.

Der Rat, sonst eher eine beruhigende, bremsende Einrichtung, sah sich plötzlich in der Situation das Königspaar zu mehr Tempo zu drängen, und hatten in Sangara eine Verbündete. Sie setzte nun Aldor ebenfalls zu, aus einem unverbindlichen Gespräch eine Konferenz zu machen um das Weltwirtschaftssystem zu erneuern. Er fand das utopisch, sie notwendig “es ist doch schon ein Riesending, allein dieses Atomzeug loszuwerden” meinte er - aber Sangara blieb dabei “einmal dabei, sollten wir es versuchen.”

So kam es daß im Palast beratschlagt wurde, wie man Politiker die nun mal wiedergewählt werden wollen, dazu bringen könnte das zu vernachlässigen und einfach zu tun was nötig ist. Und bald fiel der entscheidende Satz “wir müssen diese Typen derart beeindrucken, daß sie einfach vergessen wie riskant so ein Schritt für ihre Karriere ist” - Sangara lehnte sich zurück und sagte dann nicht mehr viel. In der Runde aus dem Rat, den Diplomaten und Bürgermeistern  - also einem großen Kreis - wurde jetzt beratschlagt was in ganz Avalonia wohl so beeindruckend wäre, daß es diesen Effekt hätte. Nicht so einfach...Vulkane gibt es auch woanders, schöne Städte auch, und eine alte Geschichte  haben viele Länder. Eigentlich ist ja nur eines bei uns wirklich einzigartig, meinte Aldor - die Mélanaden. Aber die kleinen Kristalle sehen nicht danach aus...”aber der Ort, an dem sie bearbeitet werden, die Kristallwelt” sagte Rathurnida “immerhin das größte Gebäude der Welt, mit Abstand, und auch schon ziemlich alt.” - “Wir können doch nicht bei den Schmelzöfen tagen” warf Aldor ein und schwieg dann plötzlich. Nach einer Denkpause griff er zum Telefon und sprach mit dem Leiter der Kristallwelt, Gerardor. 

“Ich habe nicht an die Kuppelhalle gedacht” sagte er dann “ganz oben, kaum einer kennt sie, eigentlich sollte dort einmal ein riesiger Konzertsaal entstehen - jetzt ist es nur ein gewaltiger Lagerraum. Da hätte ein ganzes Stadtviertel Platz...wenn es das nicht ist, weiß ich es auch nicht.” Rathurnida, bestens vertraut mit der Kristallwelt, sagte sofort ja. Da es einfach nichts gibt was beeindruckender wäre als diese Halle, jedenfalls kein Menschenwerk, einigte sich die Runde bald darauf und bescherte damit der Kristallwelt das volle Chaos...

Raus mit den Erzvorräten, den Metallbarren, den Gußformen und Gerüsten - und rein mit einer gewaltigen Putztruppe, Malern und Verputzern, denn jetzt wurde der 800-jährige Plan für den Konzertsaal ausgemottet und umgesetzt. Die normale Arbeit in dem Riesenbau kam völlig zum Erliegen, nur die Mélaneisengießer hatten alle Hände voll zu tun um dem leeren Raum eine Schönheit zu verleihen, die dem Palast in nichts nachsteht, und doch wesentlich moderner wirkt. Keine Säulen, keine Statuen, eine heutige Ausmalung und wunderschöne Fenster und Türen machten aus dem etwas kahlen Raum ein Kunstwerk. Was mich angeht, finde ich den Fußboden aus geschliffener Lava (von dem kleinen Fischerdorf Geromantis abgekupfert) das Beste an dieser Halle. Glücklicherweise hatten es die Großkopferten dieser Welt nicht allzu eilig mit ihrem Besuch bei uns.

Im Techniktempel

Sie kamen dann aber endlich auf Rifé an, alle drei, und natürlich mit einigem an Bodyguards und Fachleuten, es war ja nun ein offizieller Besuch. Für Putin und Bush fing es gleich einmal ärgerlich an, denn ihre Waffen mußten die bulligen Begleiter am Hafen abgeben. Castro war da besser informiert, sein Bruder Raoul war dabei - sie hatten ihre Knaller gleich auf ihrem Schiff gelassen. Bush fragte mehrmals nach, nein, Waffen gibt es bei uns einfach nicht, also muß auch kein Mensch sich dagegen absichern. Seinem russischen Kollegen genügte die Ansage Andiras, die Wächter würden ihnen schon alle denkbaren Belästigungen vom Hals halten und sie würden ja ohnehin an einem Ort tagen, der ein wenig abseits der alltäglichen Wege liege.

Andira begleitete sie dann zur Rifénia, wo sich die hohen Herren gleich nochmals wunderten - die ganz normale Fähre war auch von ganz normalen Leuten besetzt, man hatte nur einen Raum für die hohen Besucher reserviert. Dort erwarteten dann Sangara und Aldor den Besuch und begannen mit ihrem Versuch, drei Staatsmänner in drei staunende Kinder zu verwandeln...

Es sah ja nach einer Routinefahrt der Fähre aus, das war es aber keineswegs. Die Rifénia fuhr zwar ihre normale Route, Illardis, Vanartis, Atlantis - aber dann weiter zur Kristallwelt, und unterwegs schön dicht an den Klippen Illardias entlang, dann ebenso nahe an Delios vorbei, auch kurvte sie zwischen Atlantis und Mirarthris um den Rumbokan herum. Außerdem gab es eine Aussichtsplattform auf dem aalglatten Oberdeck, die die Fähre normalerweise nicht hat und so konnten die Besucher die Naturschönheiten ausgiebig bewundern und sich dabei erklären lassen wie das eigentlich geht, unter dem Meer nicht zu ertrinken. Daß die Fähre dann ab Atlantis fast leer war, fiel gar nicht auf. Die Vulkane spielten mit und belästigten die Fahrt nicht mit irgendwelchen Ausbrüchen, nur die in der Ferne sichtbare Westkette zeigte ihre üblichen kleinen Rauchfahnen. Ein kleiner Besuch in der Steuerkuppel “wollen Sie mal selbst...?” rundete die Tour ab.

Als dann die gewaltige Kuppel auftauchte, begann der Zauber zu wirken. “Wie haben Sie denn das hingekriegt?” (Putin) war die erste Reaktion, stummes Staunen die zweite. Vom Wasser aus wirkt das Riesending ja auch am stärksten. Empfang in der Eingangshalle, eine kurze Tour zu den Kristallzüchtern, und ab in den Aufzug. Aldor, als ehemaliger Baumeister bestens informiert, sprach ein paar Takte über Mélaneisen und Muschelbeton und vergaß nicht zu erwähnen daß diese große Kuppel inzwischen etwas zu klein geworden war “wir haben einige Abteilungen nach Leliartis auslagern müssen”, dann mußte er nichts mehr sagen. Er drückte die Flügeltüren zur Kuppelhalle auf und überließ unsere Besucher dem Eindruck. Ich muß sagen - ich hatte die Halle nie gesehen - daß hier nun wirklich ein Meisterwerk entstanden war. Die Kristallweltler hatten sogar ganze Bäume von Arganthia hergeholt und damit die schlichte Geometrie der Kuppel aufgelockert, die drei Staatslenker staunten wortlos. Als Sangara dann sagte, das wäre wohl das größte Gebäude der Welt, war das eigentlich nicht mehr nötig.

Der Saal war fast leer, obwohl der gesamte Rat anwesend war und einiges an Servicepersonal das sich um das leibliche Wohl der Gäste kümmerte, und eine Musikgruppe natürlich auch, die spielte, solange unsere Gäste ein ausgiebiges Festessen genossen. Dann wurde es ruhiger. Sangara sprach kurz über die Regierungsform, stellte den Rat vor und gab dann die unvermeidliche Fragerunde frei. Und schon waren wir mitten im Thema.

“Sagen sie uns, ist das was unter uns ist, die hiesige Form von Industrie?” wollte Putin wissen und Aldor sagte nein. “Industrie, wie sie das kennen, gibt es bei uns gar nicht. Der Grund für dieses Gebäude ist der Vulkan auf dem es steht, der Leliakan. Er liefert die Hitze für die Schmelzprozesse die für die Erzeugung von Mélaneisen und für die Kristallzucht nötig ist; sein Kraterdurchmesser hat die Größe vorgegeben. Man kann ja nicht auf flüssige Lava bauen.” - “Was denn, ein aktiver Vulkan, direkt unter uns?” - “Ja schon, aber ein seltsamer Bursche. Er ist eigentlich nur ein brodelnder Lavasee, kein Berg, und ohne alle Gasanteile - Ausbrüche, Gaswolken, Aschewolken und all das schmuddelige Zeug, das macht er nicht. Aber er ist eine endlose Quelle für Energie, die wir nicht mit Umweltverschmutzung bezahlen müssen. Würden wir Hochöfen verwenden, das bißchen Luft das wir hier unten haben, wäre schnell versaut.” - “Das ist logisch. Also keine Gefahr?” - “Absolut keine. Man hat eher befürchtet daß der Leliakan auskühlen könnte, als man diesen Bau errichtet hat. Übrigens , vor etwa achthundert Jahren.”

Denkpause. Dann wurde Castro munter während Putin und Bush sich noch ständig umsahen. “Also, fangen wir mal an. Die Leute die unter uns arbeiten, sind ja wohl hochqualifizierte Spezialisten?” - “Das können sie glauben, natürlich.” - “Diese Leute..könnten sie eigentlich das Land verlassen, wenn sie das wollten ?” - “Aber sicher. Einer der Wege nach oben beginnt ja hier in der Kristallwelt.” - “Und - tun sie das gelegentlich?” - “Sie reisen, wie die meisten es tun.” - “Und kommen zurück?” - “Na klar. Ach..meinen sie, die könnten ja etwa in den USA ein Schweinegeld verdienen?” - “Ja, ist das denn keine Versuchung?” - “Offenbar nicht, wir haben kein Problem mit Abwanderung - sie können ja gern selbst mit ihnen reden. Ich nehme an  - jedenfalls gilt das für mich - ich könnte zwar woanders Geld verdienen, aber das Leben dort wäre tausendmal komplizierter. Um ein Haus zu kaufen das so groß und komfortabel ist wie unsere Häüser, müßte man schon einen Spitzenjob haben, und dann, das Geld würde ja schnell draufgehen, weil ja alles Geld kostet.”

Das rief Bush auf den Plan. “Sie sagen nicht etwa, daß auch der König nichts verdient?” - “Keinen Cent, Mr. Bush. Für mich gilt was für alle Bürger gilt, ich brauch’s ja nicht. Alles was ich benötige ist da und kostet mich nichts. Da haben wir einen der Punkte über die nachzudenken sich sehr lohnt, meine Herren: allein der Geldkreislauf verschlingt schon Volksvermögen. Das Geld muß gedruckt, bewacht, verteilt, berechnet, verzinst werden. Überlegen sie mal wieviel mehr produziert werden könnte, wenn - sagen wir mal bei ihnen in den USA - sämliche Banker, Börsenbroker, Sicherheitsleute, Makler usw. etwa im Handwerk, der Industrie, der Landwirtschaft tätig wären? Eine Menge, nehme ich an.” Castro grinste “das machen wir besser.” Bush sah ihn ärgerlich an “machen sie nicht. Eine riesige Planungsbehörde verschlingt auch, ohne zu produzieren.” Castro schwieg, dafür strahlte sein Bruder “sage ich doch immer. Genau das.”

Putin fühlte sich sichtbar wohl, als wäre er nicht betroffen. Fein lächelnd folgte er den Argumenten ohne sich einzumischen. Castro, etwas angesäuert, sah das und pflaumte ihn an “und warum fehlen dann in Russland ständig die Mittel für Gesundheitsvorsorge, Infrastruktur und Modernisiserung? Ich denke, in dem Punkt haben wir’s alle nötig. Wir sollten unser Königspaar hier lieber ausfragen, wie man unsere Wirtschaften umstellen kann ohne eine Krise auszulösen. Deshalb sind wir doch hier, oder?” Putin lächelte nicht mehr, nickte leicht “reizvolle Idee, so große Mittel frei zu bekommen. Ja, Aldor, Sangara.. .wie habt ihr das eigentlich hingekriegt - oder gab es eine Krise durch die Umstellung?”

Aldor breitete die Arme aus “ich bin mit diesem Zustand aufgewachsen. Das ist lange her..wenn das jemand weiß, dann wohl meine Vorgängerin. Rathurnida, kannst du das beantworten?” Die alte Königin kam in die Runde. “Ungefähr, Herr Premier. Ich war ja auch noch nicht auf der Welt, damals. Man hat mit den Nahrungsmitteln angefangen. Auch bei uns gab es die Befürchtung, manche würden sich alles nehmen und Andere leer ausgehen -  da hat man sich gesagt, kein Mensch kann mehr essen als er braucht, und hat damit angefangen indem Lebensmittel kostenlos wurden. Damit gab es dann eine Kettenreaktion - Bauern brauchen ja auch Güter, um produzieren zu können, etwa Pflüge, Werkzeuge....Fischer brauchen Boote, und so weiter. Also mußte man auch diese Dinge geldlos abgeben, damit wurden dann die Handwerker benachteiligt, man mußte ihnen Materialien kostenlos geben. Etwa so, schrittweise. Es gab also eine lange Zeit in der es noch Geld gab, das aber immer unwichtiger wurde. Daß man so ganz nebenbei damit auch soziale Probleme abgeschafft hat, wurde erst später klar - das hatte man gar nicht erwartet.” - “Genau das will ich aber wissen” meinte Fidel Castro “wieso ermöglicht geldlose Wirtschaft denn soziale Gerechtigkeit? Das wäre uns enorm wichtig.”

“Das ist doch einfach, fragen wir unseren Kapitalisten. Mr. Bush, wie wird man superreich?” schaltete sich Sangara wieder ein “Madam, sie sollten es wissen: durch Monopole oder Kapitalgeschäfte. Aber das heißt doch nicht gleichzeitig daß diese Dinge dann Armut auslösen.” - “Nicht? Ja was denn sonst? Armut fällt nicht aus den Wolken wie Regen. Sagen wir mal, Sie verleihen Geld an irgendwen und verlangen dafür 5% Zinsen. Für Sie sind diese Prozente leicht verdientes Geld, der Schuldner verliert es aber. Später könnten sie dann mehr Geld verleihen und mehr damit verdienen. Sie ziehen das verdiente Geld aus dem Kreislauf, Mr. Bush . Irgendwer - der schwächste der Kette - bezahlt am Ende die Rechnung. Das Geld das sie verdienen, fällt nämlich auch nicht vom Himmel. Sie nehmen es jemandem weg den sie vermutlich gar nicht kennen.” - “Aber König...ach so, Sangara, ich bin doch kein Dieb! Es ist doch nur fair daß ich für verliehenes Geld etwas bekomme. Der jemand dem ich es leihe, kann ja auch Gewinn daraus ziehen.” - “Richtig, ich habe auch nichts von stehlen gesagt. Aber, wenn jemand damit z.B. Möbel herstellt, muß er die 5% einrechnen - seine Möbel werden also teurer. Das müssen dann seine Kunden bezahlen. Und damit sorgt der Geldkreislauf dafür, daß die Preise ständig steigen. Ich benenne den Dieb: er heißt Inflation. Sie ist die zwangsläufige Folge des Geldsystems.” - “Oh, oh...das ist wahr. Deshalb können wir machen was wir wollen, die Inflation ist immer dabei. Aber warum dann gibt es diesen Dieb auch im Kommunismus? Warum ist die Sowjetunion wirtschaftlich kollabiert? Vladimir?” - “Ich denke mal wie Sangara, auch wenn ich noch nicht überzeugt bin: wegen des unproduktiven Staatsapparats. Millionen von Parteileuten, Geheimdienstlern und Beamten. Die nichts produzieren. Aber die habt ihr doch auch, und bei euch lief der Laden besser. Aldor, wenn du das beantworten kannst, bin ich bei dir.”

“Ich versuche es. George, nicht böse sein. Wir haben bisher das Militär nicht erwähnt, und das ist der größte Verlustposten - den habt ihr alle. Lief der Laden wirklich besser? Eure Schwarzen, die Latinos, die für Hungerlöhne schuften und die Ausbeutung der Natur? Amerika war etwas schlauer bei der Ausnutzung seiner Möglichkeiten. Aber ich wage die Prophezeihung, am Ende ist der Kapitalismus ebensowenig fähig auf Dauer zu funktionieren wie der Kommunismus . Außerdem, man müßte sich schon über die Ziele einig sein: wir dulden weder Armut noch Reichtum, beides ist bei uns gar nicht möglich. Will Amerika das auch? Wenn ja, muß es letztendlich das Geld abschaffen, um das zu erreichen. Es muß. Es führt kein Weg daran vorbei, jedenfalls weiß ich keinen. George. ..weißt du einen?”

“Aldor, was Armut angeht bin ich deiner Meinung. Aber Reichtum zu verbieten ist doch Gleichmacherei. Amerika steht für die Möglichkeit freier Entfaltung. Das will ich nicht abschaffen, kann ich auch gar nicht. Aber ich weiß keinen Weg dahin, und bezweifle den euren. Kann hier jeder Bürger sich so entfalten wie es sein freier Wille ist?” - “Aber ja.  Das ist keine Gleichmacherei - wir verbieten ja nicht den Reichtum, wir ermöglichen ihn nur nicht. Entschuldige, aber ist es nicht ein nutzloses Leben, nur noch zu verwalten was man zusammengerafft hat? Das ist doch nicht freie Entfaltung, das ist eine Geld-Sklaverei. Überlege doch einfach, wie kann jemand reich sein wenn er alles was zum Leben nötig ist, frei erhält - wenn das für alle gilt? Ebensowenig kann jemand arm sein, unter diesen Bedingungen. Ich übertreibe mal ein wenig, und sage, wir haben die Leute von der Sorge um’s Dasein befreit, wenn du mich fragst, ist das wahre Freiheit. So ganz nebenher entfällt eine Menge Kriminalität, etwa Diebstahl, Raub, Banküberfall...wirklich, das ist besser.”

Bush schnaufte, sagte aber nichts. Putin sah sehr nachdenklich aus, Castro ebenfalls. Sangara winkte den Helfern und ließ die Gläser nachfüllen “vielleicht machen wir das einfach zu theoretisch. Möchten die Herren vielleicht einfach mal mit ganz normalen Bürgern sprechen? Durch eine ganz normale Stadt bummeln? Bauern, Handwerker, Fischer ausfragen? Wäre das eine Idee?”

Das fand Zustimmung. Die drei vertrauten sich der Führung durch einige Wächter an, verließen den Saal. Raoul Castro blieb und rückte näher zu mir, während sich Sangara und Aldor mit dem Rat unterhielten “ich habe das ja schon getan. Es stimmt alles. Das wirkliche Problem, ihr werdet es noch sehen, ist doch: es nutzt nichts wenn drei mächtige Männer das einsehen.  Selbst wenn alle Mächtigen der Welt so denken würden....die Völker müssen es akzeptieren. Und da sehe ich kein Land...”- “Aldor sagt ja ständig, schnell geht das nicht. Es geht nur darum, überhaupt einen Anfang zu machen. Die Vorteile werden sich schnell zeigen, also kann man weiter gehen, weitere Vorteile, nächster Schritt - so etwa.” - “Adios, Revoluciòn.” - “Aber wieso denn. Eine viel gründlichere Revolution, die natürlich länger dauert, aber dafür kein Blut fordert.” - “Ich wollte, das wäre so. Es ist alles logisch, aber das war der Marxismus auch.” - “War er nicht. Oder doch, der Fehler lag nicht in der Logik. Er lag in fehlender Liebe zu den Menschen. Marx war ein Eisblock und hat auf Zwang gesetzt. Das tun wir nicht. Aber komm, sprich doch mit dem Rat und frag’ diejenigen, die hier regieren.”

Er tat das - Alida und ich verließen den Saal und genossen die Seeluft draußen. Revolutionen sind anstrengend, auch wenn man nur darüber spricht...

Überzeugung dauert...

Es war schon Abend als die Runde sich wieder traf, und die Stimmung hatte sich verändert. Putin sagte ganz einfach, er hätte sich das nun angesehen und akzeptiere das “avalonische Modell” als respektablen Vorschlag. Dem stimmten Castro und Bush zu, aber...”müßten wir nicht eine viel größere Runde hier haben?” fragte Bush “Die EU, Indien, China, Australien, Kanada...mindestens. Ihr konntet das einfach so machen, isoliert wie das Land ist. Aber was wird aus der Weltwirtschaft, wenn sich nur drei Länder daran machen? Das wird kaum gehen.” - “Moment, Irrtum” sagte Aldor “als wir das angefangen haben waren wir noch mit der Welt verbunden. Wir hatten Kolonien, anhängige Staaten, Handelspartner - das war kein Hindernis, soweit ich weiß.” - “Ja, aber...die waren doch sicher nicht alle auf dem gleichen Niveau. Sind da nicht enorme Warenströme von hier abgeflossen, in ärmere Länder? Ich kann mir das nicht vorstellen.” Castro hustete etwas, “pardon George, du solltest dir ansehen was die heute machen. Da fließen wirklich enorme Warenströme nach Afrika, wir haben anfangs nur so gestaunt und machen es heute ebenso. Aber was da abfließt sind Überschüsse, bei uns ist das Zucker und  - wie sagt ihr das doch - manpower. Avalonia...sag du das, Aldor.” - “Gern. Rindfleisch, Getreide, Gemüse, Trockenfisch. Und ebenfalls manpower, also Lehrer, Ärzte, Fachleute. Ist kein Problem.” - “Und was bekommt ihr zurück?” Aldor lachte. “Halbverhungerte Kinder, Kranke und Schwerverletzte, Holz, Anfragen...ich weiß was du meinst - materiell ist das kein Gegenwert.”

Bush sah fast froh aus...”aber das ist doch unfair und schadet euch.” - “Es mag unfair sein, schadet uns aber keineswegs. Das berührt eine Grundsatzfrage, George. Wir halten materielle Gerechtigkeit für einen Unsinn, unmöglich, ja, nicht einmal wünschenswert. Für die afrikanischen Länder ist das was sie uns geben eher mehr wert als das was wir geben für uns. Wir geben Dinge ab, die sonst verkommen würden und wenn du schon aufrechnen willst, bekommen wir für Fachleute und Hilfe gute Beziehungen. Ich dachte, dieser Einwand würde eher von Fidel kommen - aber die Kubaner haben da gar kein Problem.” - “Ja, das wundert mich auch. Fidel...habt ihr denn die marxistischen Grundsätze aufgegeben?” - “Ach..ich bin kein Theoretiker. Wir probieren etwas aus, weil wir sehen daß es gut ist. Mag sein daß der alte Karl das nicht gut findet, aber ich sage dir eines, George: er war kein Kubaner.”

Nun lachte George Bush und sah Putin an “würdest du es wagen, deinen Kulaken zuzumuten daß sie ihre Güter kostenlos auf den Markt bringen, wie wir das hier gesehen haben?” - “Das hat mich sehr beeindruckt. Auch das Lagerhaus, wirklich. Ich weiß nur nicht wie man das umstellen könnte - das gibt zeitweise Ungerechtigkeiten von enormen Ausmaßen, und dann sicher faustdicken Ärger. Ich kenne meine Russen.” - “Bei uns wäre das nicht anders. Also, Aldor, wenn schon dann konkret. Wie anfangen?” Aldor nickte mir zu “Wie unser Botschafter das in New York gesagt hat. Mit dem dicksten Brocken anfangen. Weg mit dem Atomscheiß.”

Castro grinste...”ja, Companeros. Bei uns gibt es die besseren Zigarren. Aber im Ernst, das ist wahr: wenn ihr eure Atommacht verschrottet wird es kaum Protest geben, ganz im Gegenteil. Aber ihr habt sehr schnell enorme Mittel zur Verfügung, und wir in Cuba würden uns sehr viel wohler fühlen ohne diese Bedrohung.” Putin lächelte hintergründig “das stimmt, aber wir wären bald eine Provinz von China.” Aldor schüttelte heftig den Kopf “wärt ihr nicht. Ihr wärt ein Vorbild für China. Was meinst du denn, wie weh es dem armen Land tut eine Atommacht zu sein? Die haben das doch noch viel nötiger als Russland oder Amerika.” - “Schon - wenn sie es nur begreifen würden. Und all die anderen Atomstaaten, Pakistan, Israel, Iran, England, Frankreich...übrigens, habt ihr diese Vorschläge schon mal in Europa gemacht?” Aldor nickte so halb “nicht so direkt, nur angedeutet. Aber ich sehe da weniger Widerstand. Außerdem haben wir uns gesagt, wenn wir die zwei Großen ins Boot bekommen, wird es leichter werden. George kann gut mit Tony Blair, du ja wohl mit Chirac...nicht falsch verstehen, aber wir haben gehofft daß die zwei Supermächte vielleicht den Mut hätten, eine Wende in der Welt anzuzetteln.”

“Hätten wir?” fragte Putin und sah Bush an. “Ich sehe das so: ich bin überzeugt daß es möglich ist, wir sehen es ja hier. Ich bin weniger überzeugt daß wir das anzetteln können, wie Aldor das sagt. Ich fürchte einfach, man läßt uns machen, zieht aber nicht mit - bestenfalls. Es muß ja nicht auf uns losgehen, aber wir wären machtlos, falls ein bescheuerter pakistanischer Premier einen Atomkrieg mit Indien anfangen sollte, verstehst du? Nix mehr Weltpolizist Amerika, keine Vormacht Russland in Asien, und die Spinner haben freie Hand.” George Bush nickte. “Das ist eine reale Gefahr. Sieht man das von hier aus?” Diesen Faden nahm Sangara auf. “Natürlich sehen wir das. Aber das muß man möglicherweise hinnehmen - so schlimm das auch wäre, es wäre nicht das was passieren könnte wenn eure Atomstreitkräfte aktiviert würden, dann wäre alles aus. Das ist doch die ganz einfache Frage, soll ich ein Schwein sein, weil mein Nachbar ein Schwein ist?  Verzeiht mir die Frage, aber habt ihr eigentlich Gottvertrauen?”

“Oh, Oh...” meinte Bush “jetzt geht’s ans eingemachte. Was mich angeht, ja. Fidel wohl nicht, aber der hat ja auch keine Atombomben - zum Glück.” - “Irrtum, George. Ich lebe noch, und das allein beweist etwas. Und du, Vladimir?” - “Fidel, Beweise  sind noch kein Vertrauen. Doch, ich schon, und das mit dem Schwein ist auch richtig. Da sind wir wohl beim Kern der Sache, wir müssen etwas riskieren, wohl sehr viel, mehr als wir sehen können. Aldor, eine ganz persönliche Frage. Fühlst du dich eigentlich wohl dabei, das Schicksal der ganzen Welt anzufassen? Mir ist nicht wohl dabei, ich bin nur Premier eines Landes. George wird das auch kennen, und du bist König eines kleinen Landes. Fühlst du dich nicht überfordert?”

Aldor nickte. “Ich habe mich schon überfordert gefühlt als man mich, einen kleinen Bürgermeister, zum König gemacht hat. Aber es hilft doch nichts, wir sehen die Probleme und suchen nach Antworten. Ich wollte ja nur beisteuern was unser Land geben kann. Mein Volk steht hundertprozentig hinter mir. Es ist eure Entscheidung. Was uns angeht, ist es ganz klar. Es ist richtig.” Man sah es den beiden “Großen” deutlich an, es wurde zu mächtig. Sie schwankten zwischen Furcht und Einsicht. “Vielleicht sollten wir für heute Schluß machen. Das Gästehaus steht bereit - dürfen wir euch einladen länger zu bleiben?” Die Castros nickten sofort, dann Vladimir, dann George. “Das ist zu wichtig um es kurz abzuhaken” sagte Bush und sprach kurz mit seinen Begleitern. Die fragten dann nach einem Telefon und wurden von Wächtern nach unten gebracht, in die Empfangshalle. Rathurnida übernahm unsere Gäste, nahm sie mit nach Delios.

Wir saßen noch ein paar Minuten mit dem Rat zusammen und gingen dann auch, der Anfang war gemacht.

Wiederholt sich Geschichte?

Wir waren ehrlich gespannt wie das nächste Treffen gehen würde. Dann hörte ich morgens im Palast, es war vertagt worden; die Gäste machten eine Tour, geführt von Sangara und wollten erst am Abend weiter machen. Gut, meinte Alida, ein paar Begegnungen mit unserer alten Geschichte würden sicher nicht schaden “ich kann mir denken wo sie die Bande hinschleppt. Die alte Königshalle, die Kelchkirche und vielleicht auf den Atalan oder die Weltkirche. Schadet sicher nichts wenn die Staatslenker einmal still sind und zuhören, das erweitert den Horizont.” - “Ich fürchte nur, darum geht es gar nicht. Die tun sich so schwer mit einem Kurswechsel wie damals die Könige, als Vanghedor genau das anfangen wollte was Aldor nun vorschlägt.” - “Natürlich. Aber Vanghedor hat es schließlich geschafft, vergiß das nicht.” - “Schon, aber kam der entscheidende Umschwung nicht erst durch die große Flut und die folgende Isolation?” - “Kommt darauf an welches Thema du meinst. Das Militär hat er ja direkt abgeschafft. Unser ‘Wirtschaftssystem’, wie die das sehen, ist ja schrittweise entstanden. Das war nicht Vanghedor’s Thema. Er hat nur einiges getan was vielleicht eine Art Wurzel dafür war, also die Sklaverei abgeschafft, das Bildungssystem verbessert, Mann und Frau gleichgestellt...die Idee, den Armen zu helfen indem man Lebensmittel kostenlos machte, kam ja viel später und hat dann sozusagen eine Lawine ausgelöst, an deren Ende es kein Geld mehr gab. Ich weiß noch nicht einmal, wer damit angefangen hat.” - “Tja, und ob sich das so wiederholen läßt? Ist doch heute viel komplizierter. Überleg’ mal, wollte Bush das machen - Lebensmittel aus den USA, das ginge ja noch. Aber die heutigen Länder importieren ja so vieles. Da müßte also das Land Waren bezahlen und dann kostenlos abgeben. Und irgendwo das Geld hernehmen, um die Importe bezahlen zu können.”

Alida seufzte. “Ich sehe die Schwierigkeiten. Und ich bin ganz froh daß Aldor und Sangara das so mühelos durchziehen - ich könnte das nicht.” - “ja, und man kann sich ja auch nicht wünschen daß es eine Katastrophe gibt die den Willen zur Veränderung begünstigt.” - “Sicher nicht. Aber das kann schon sein daß es so läuft, Aldor hat das ganz richtig gesagt, weder Kapitalismus noch Kommunismus sind auf die Dauer lebensfähig. Vielleicht wird es eine ganz andere Katastrophe geben als damals bei uns - kein Naturereignis, eher eine Wirtschaftskrise. Es wäre übrigens nicht die Erste.”

So und so ähnlich sprachen wir den ganzen Tag, ohne wirklich weiter zu kommen. Dann hörten wir, daß die nächste Diskussionsrunde nicht wie erwartet im Palast, sondern in der Weltkirche stattfinden würde, und zwar in wenigen Minuten. Unsere Besucher hatten genug besichtigt und waren schon oben. Also setzte sich so ungefähr alles was im Palast war, der Rat, wir, die Schreiber und einige Besucher in Bewegung, zum Vengoran - diesmal sollte das öffentlich ablaufen.

Vanessa und Holger hatten die Neuigkeit schon bekannt gemacht, die Straßen am Vengoran waren überfüllt, am Kirchentor gab es Gedränge. Drin war es etwa halb voll, und die Diskussionsrunde fand sich gerade auf dem Altarpodium zusammen. Ich war ganz froh daß wir nicht hochgerufen wurden, wir nahmen weiter hinten Platz und warteten ab. “Sowas” wunderte sich Alida” der Malcolm sitzt dabei. Ob die jetzt doch konkret werden wollen?” Wäre ja gut, meinte ich - wir waren echt gespannt. Dann kam auch noch Conny dazu und die Runde begann mit einem Gebet...dann zog sie sich zurück, Aldor ergriff das Wort.

“Liebe Gäste, Freunde, Bürger. Ich freue mich daß es jetzt nicht mehr darum geht, ob man die Weltwirtschaft effektiver machen will, sondern wie man das hinbekommt...” Applaus unterbrach ihn. “Ich konnte unsere Besucher überzeugen daß wir keinen Traum unterbreitet haben, sondern eine erprobte Art mit Gütern umzugehen, die wir schon lange so praktizieren. Die Frage ist nun, wie führt man diese Gangart in großen Ländern ein, die vielfach komplizierter wirtschaften als wir das je getan haben. Ich muß zugeben daß keiner von uns das einfach so entwerfen kann, deshalb bitte ich alle Bürger sich zu beteiligen. Vorweg möchte ich noch sagen daß sich die USA und Russland geeinigt haben, ihre Atommächte schrittweise abzubauen, darum geht es also nicht mehr. Ich gebe das Wort weiter an Vladimir Putin, den russischen Premier.”

Der mußte nun warten, denn der Applaus war laut und anhaltend. Anfangs zu leise, begann er dann. “Liebe Avalonier, George, Fidel, Aldor. Ich gehe gleich an das größte Problem, und das heißt: wie umstellen, ohne ein Chaos anzurichten? Alles auf einmal und etwa schlagartig, das ist unmöglich, auch weil sich ja bisher nur vier Länder einig sind es zu versuchen. Also, ich hoffe es sind Leute hier die uns Ideen nennen können.” Er setzte sich, es wurde eher still. Dann lief es wie bei einer Beratunmg...

Ein junger Mann im Publikum stand auf “Singhador, Atlantis. Herr Premier, vielleicht kenne ich ein Modell: ich habe China besucht und gesehen, dort gibt es Gebiete die kapitalistisch wirtschaften, während der Rest des Landes noch kommunistisch ist. Das funktioniert wohl - nicht ganz reibungslos natürlich, aber es geht.” Putin schüttelte den Kopf. “Herr Singhador, das sieht nur so aus. China erhält noch Wirtschaftshilfe von den Industrieländern, sonst könnten sie das nicht so machen. Unsere Länder - vielleicht Cuba ausgenommen - können das natürlich nicht erwarten.” Singhador nickte und schwieg. Neben ihm erhob sich eine weißhaarige Frau “Angarda, Vanartis. Könnten die Herren einmal sagen wie groß die theoretischen Ersparnisse sein könnten, wenn man gleichzeitig mit dem geldlosen Warenverkehr die Verwaltungen und den Militärapparat so verändern würde, wie das hier üblich ist? Verluste wird es geben, für eine Weile, das ist klar. Aber ich meine, die könnten vielleicht durch eine Verwaltungsreform ausgeglichen werden?”

Putin und Bush sahen sich an, fragend, unsicher. Aldor sagte dann, nicht für alle hörbar, “nur zu - die Medien eurer Länder hören ja nicht mit.” Beide nickten. “Wenn wir das so radikal machen würden wie hier üblich - sofern das geht, ich weiß das nicht - könnte das bis zu 60 Prozent des Staatsetats ausmachen.” Bush schwitzte als er das sagte und setzte sich schnell wieder. Ein anhaltendes Raunen unterbrach die Diskussion. Dann erhob sich Rathurnida. “Das ist ungeheuer viel. Eigentlich wäre das doch schon die Lösung - sie erfordert enormen Mut, aber mit solchen Beträgen läßt sich doch sicher jedes Problem abfedern, das die Umstellung verursachen könnte?” Wieder wurde es still, und in die Stille hinein fing Malcolm an zu lachen - erst leise, dann schallend laut. “Hey, Fidel - ich sagte dir doch neulich in Havanna, das ist Quatsch, von wegen, was soll ein kleines Land in einer so großen Sache schon ausrichten. Jetzt zeig’ mal was du drauf hast. Wenn hier einer den Mut zu Experimenten hat, dann bist du das doch wohl.”

Alida schubste mich, grinsend...nun war es Castro, der schwitzte. “Ja, also...”begann er zögernd und erhob sich “das stimmt schon, experimentieren tun wir ganz gern. Aber was Amerika nicht befürchten muß, das macht uns schon Sorgen. George, wenn wir das machen, dann kommt doch wohl eure gewaltige Army über’s Meer und wir werden der 52.Staat der USA? Wenn du mir das schriftlich gibst daß ihr das nicht tut...nun...ja, dann riskieren wir es.” Die Spannung war greifbar. Castro blieb stehen, und George Bush erhob sich nun ebenfalls. “Also Fidel, wenn wir das wollten, hätten wir es längst getan. Euer Armeechen kann uns nicht abschrecken. Du hast mein Wort daß wir das nicht tun werden, und wenn du einen Vertrag haben willst, unterschreibe ich den gleich hier.” Die zwei gaben sich freundlich lächelnd die Hände, und es gab donnernden Applaus. Dann fiel wohl bei Bush ein Groschen...”Moment mal, ist ja schön daß Cuba sich besonnen hat. Aber jetzt denkt ihr wohl alle, wir Amerikaner wären Hasenfüße???” Malcolm bog sich vor Lachen. “was denn sonst...” prustete er und Aldor machte ihm ein “genug”-Zeichen. Bush sah in die Runde, auch in der weiten Halle breitete sich Heiterkeit aus. Bush sah Putin an. Der stand nun auch auf “Das mit dem Vertrag ist gar nicht so dumm. Vielleicht sollten wir den zu dritt schließen, oder auch mit Avalonia. Etwa so, daß wir vereinbaren daß kein Land einen Vorteil daraus ziehen sollte, wenn ein anderes Land wegen der Umstellung Schwierigkeiten hat? Ich meine, nicht nur militärische?”

Nun stand auch Aldor auf. “Wenn euch das hilft, sind wir dabei. Aber wie wäre es denn so: der Vertrag wird offen geschlossen, jedes Land das es will, kann beitreten. Und wir schließen nicht nur etwas aus, warum nicht mehr: wir vereinbaren gegenseitigen Beistand bei diesen Umstellungsproblemen. Wir könnten zum Beispiel mit Fachleuten helfen, weil wir ja wissen wie’s gemacht wird, und ihr Neuland betreten wollt?” - “Sehr gut” sagte Castro sofort - die beiden Großen zögerten auch nicht lange. Was dann noch oben lief, ging im Applaus unter. Aus der Podiumsdiskussion wurde ohne Übergang eine recht lebhafte Feier, und ich wette, besonders George W.Bush hatte sich noch nie, seit er Präsident wurde, so unbefangen in eine große Menge  zu gehen gewagt.

War das real?

Als wir die Kirche verließen war mir etwas schwindlig. Drinnen ging es noch hoch her, ich überließ Alida die Steuergabel, mir war nicht ganz wohl. Ich dachte noch, das war die Anspannung, als ich mich ins Bett legte - aber es war wohl doch mehr gewesen, ich weiß es bis heute nicht. Ich habe eine düstere Erinnerung daß ich einige Tage schwitzend im Bett lag und zu nichts fähig war, klar weiß ich erst wieder, daß mir Alida eines Morgens freudestrahlend sagte, ich wäre wieder ganz da....

“Was war denn los?” - “Ach, nicht viel. Du hast dir wohl eine Grippe eingefangen - ist ja vorbei.” - “Habe ich mir das alles etwa nur eingebildet? Gibt es diesen Vertrag wirklich?” Mir fiel ein wie Alida einen Herzinfarkt mit den Worten “du hast dich ein wenig erschreckt” heruntergespielt hatte und zweifelte an meiner Erinnerung. “nein, nein..” sagte sie ganz fest “wir sind ja früher gegangen. Den wird es schon geben, aber das muß du Aldor fragen. Die drei Staatsmänner waren hier, haben sich gut vertragen, und die Veranstaltung in der Weltkirche war großartig. Aber Verträge, Diplomatie und all das, das ist deine Sache. Kümmere dich darum wenn du wieder bei Kräften bist.”

Aha, dachte ich. Und tatsächlich fühlte ich mich nur so lange wohl, wie ich im Bett lag. Geduld, Norman.. sagte ich mir und fragte zwei Wochen später Aldor nach dem Vertrag. Tja, und wenn der nicht gesagt hätte, das wäre vorläufig eine Geheimsache, ich hätte mich wohler gefühlt.....

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Quellen zu den Themen dieser Seite

Staatsausgaben , Militärausgaben