Kleiner Rückfall...

Das Afrika - Hilfsprojekt ist Sache von Malcolm und Vahrsonia. Das Afrika - Hilfsprojekt ist Sache von Malcolm und Vahrsonia. Das Afrika - Hilfsprojekt ist Sache von Malcolm und Vahrsonia. “ Das sagte ich mir so lange bis ich einsehen mußte, es half nicht, es interessierte mich brennend.  Einmal Journalist, für immer neugierig...und Malcolm auszufragen, genügte mir nicht. Ich wollte es vor Ort erleben, und das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Mein innerer Kampf blieb Alida nicht verborgen, denn einerseits wollte ich meiner Neugierde nachgehen, andererseits hatte ich ja mit dem Journalistendasein abgeschlossen.  Nur, Alida reizte es auch, einmal vor Ort zu sein und zu sehen was wir da bewirken konnten; Vahrsonia und Malcolm schwärmten meistens davon, und binnen weniger Jahre veränderte sich ihr Projekt auch stark, durch Erfahrungen die sie dort machten.  Das machte uns noch neugieriger, verflixt...

Da kam sie also herein, die “Africania 1”, das erste Schiff seiner Flotte auf dem er selbst meist fuhr, und richtig, er stieg aus, braungebrannt mit tagelang nicht geschnittenem Bart und bestens gelaunt. Das tat es, wir fragten ihn direkt ob wir bei der nächsten Reise mitfahren könnten. “Wenn ihr euch hinterher nicht beklagt, gern” meinte er “das sind keine Erholungsfahrten, es kann gefährlich werden - anstrengend ist es allemal.” - “Gefährlich, inwiefern denn das?” - “Na, da gibt es ja diese Rebellenarmee, was für ein Name für den Sauhaufen, und die machen uns manchmal Scherereien. Ist nicht immer ganz einfach, auch wenn die inzwischen wissen daß wir keine Hippies sind die man einfach so verjagen kann. Aber bitte, kann nicht schaden wenn ihr mal erlebt womit wir es zu tun haben.” - “Gut, werden wir. Wann fahrt ihr wieder?” - “Naja, laden, zwei Tage wirds dauern. Vielleicht drei, im Moment sind ja sechs Schiffe dort, keine Eile also. Sagen wir gleich drei, also am Samstag Morgen.” - “Alles klar, Alter...müssen wir irgendetwas mitbringen oder beachten?” - “Nerven” grinste er  “und Zeit. So eine Tour dauert ja gut und gern drei bis vier Wochen.” - “Gut, die bringen wir mit.” - “Gut einpacken!” Er kümmerte sich um das Ausladen, wir sahen noch eine Weile zu, dann gingen wir in die Stadt.

Der Samstag Morgen war ein angenehmer Tag, das Meer ruhig, kaum Wolken und wenig los im Hafen. Wir wurden schon erwartet, kaum eingestiegen, legten wir ab. Eng sind sie, die Africania-Holzschiffe, und die Kabinen auch. Der meiste Raum ist Frachtraum, und wenn unter Wasser gefahren wird ist es noch enger weil sich kein Mensch auf Deck aufhalten kann. Nun, die erste Strecke fuhren wir über Wasser, tauchten nur nach der Durchfahrt durch den Tunnel um im Endrina-Hafen schon wieder aufzutauchen....was für ein Unterschied. Kalt war es, und zugig noch dazu. Das Meer rauh wie ein Reibeisen...nun passierten wir Avalonia mit direktem Nordkurs, um dem kalten Meer bei Tenar zu entgehen, und da diese Schiffe immerhin schnell sind, wurde es bald angenehmer. Der Wind ließ nach, nun war es auf Deck auszuhalten und bald drehte Malcolm ab nach Nordosten, direkt auf die Kongomündung zu. Nach einem guten Essen gingen wir früh schlafen, ich stellte fest, wenn man in der Koje liegt, ist das enge Schiff richtig angenehm, da fast lautlos. Kein lärmender Diesel, und da wohl nachts unter Wasser gefahren wurde, auch keine Wellengeräusche.

Zwei Tage fuhren wir so, jeden Tag wurde es wärmer und schließlich unangenehm schwül. Ene Wolkenwand zeigte an wo das afrikanische Festland begann, wir konnten uns noch den grünen Küstensaum ansehen, dann hieß es, alles runter, Deck schließen, tauchen. “Seid ihr denn immer noch nicht von der Regierung anerkannt?” wollte ich von Malcolm wissen - er lachte bitter. “Welche Regierung? Wir hätten da zwei im Angebot. Die eine findet uns gut, die andere nicht. Und wenn du jetzt meinst die hätten viel zu sagen, stimmt auch nicht. Da wären dann die Rebellen im Mündungsgebiet, wenn wir da durch sind geht es eine Weile ganz gut, aber im Bergland wo wir arbeiten, ist eine andere Rebellengruppe aktiv. Habe ich schon von rivalisierenden Clans erzählt? Also, kompliziert ist eine Untertreibung. Bis in die Nähe von Kinshasa werden wir wahrscheinlich getaucht fahren müssen. Weiter oben ist der Fluß sicher. Dann müssen wir aber noch ein Stück über Land, das ist wieder kitzliger - na, ihr werdet sehen. Erst  mal die Mündung schaffen, danach wird es leichter.”

Alida blieb ganz ruhig dabei, sah sich interessiert an wie Malcolm sich mit dem Lichtsammler orientierte und sagte schließlich, es wäre ja weit und breit kein Schiff zu sehen, also wohl keine Gefahr.

“Wenn man sie sieht, ist man schon in Schwierigkeiten” brummte Malcolm nur....

Alles ist im Fluss

Wir passierten die Mündung, keine Probleme, ein Frachter zog schräg neben uns vorbei, ruhig und groß, einige ganz kleine Boote sahen wir auch, weiter weg.  Wir mußten so etwa fünfzig Kilometer den Kongo aufwärts gefahren sein, da griff Malcolm zum Schubhebel und nahm fluchend das Tempo zurück “ich wußte es! Saukerle, schon wieder so eine Sperre. Und natürlich, an einer flachen Stelle. Die wissen genau daß wir hier ein - und ausfahren, seht ihr das?” Mit Mühe, ja. Man sieht ja nur das Unterwasserschiff mit dem Lichtsammler, nicht die Aufbauten. Und das war nicht ein Schiff, das waren viele. Quer zum Fluss, eines am anderen - kein Durchkommen. “Malc, und was machen einheimische Schiffer ?” fragte Alida “ranfahren, zahlen oder beraubt werden, dann machen die eine Lücke auf”  brummte Malcolm und steuerte zum rechten Ufer, wo wir etwas höher gingen um in den Mangroven zu verschwinden. Nun war eine Luke über Wasser, und von dort aus konnten wir mit Feldstechern besichtigen was die “Flussräuber” wie Malcolm sagte, dort aufgebaut hatten. Mehrere alte Lastkähne, nunja, okay, aber der ebenfalls alte Flusskreuzer machte ihm Sorgen. “Der hat Artillerie an Bord” grummelte er  “und wenn die schießt, hörst du das meilenweit. Selbst wenn wir durchkämen, hätten wir bald etliche weitere Gauner am Hals. Abwarten, bis es dunkel wird...”

Unter Deck wurde ausgeheckt wie wir da durckommen würden...Wächter waren ja immer mit an Bord, aber mit deren Stäben gegen die Artillerie, das wäre eine dumme Idee “der darf nicht zum schießen kommen” sagte Malcolm, sie überlegten ob sie die Mélankanone einsetzen durften. Ich bekam zum ersten Mal mit daß diese Schiffe gar nicht wehrlos waren...am Bug, verborgen unter einer Klappe, saß eine kleine Mélankanone. Nur, die ist selbst zwar nicht laut, aber wenn sie trifft, kracht es wie ein Gewitter. “Ein Schuß muß reichen” meinte Segandor, einer der Wächter “Wenn wir Glück haben, gibt es ja wirklich Gewitter. Dann fällt der Lärm nicht auf; und bis die Typen auf den Booten Hilfe geholt haben, sind wir durch.” - “Ja, aber das bedeutet, wir müssen nahe ranfahren - riskant. Wenn die uns sehen bevor wir zum Schuß kommen, gute Nacht. Dann können wir nur abdrehen und raus aufs Meer, das wäre Mist.” - “Gibt es das bei jeder Fahrt?” Wollte ich wissen und Malcolm grinste “das wäre das Letzte, nein. Sobald ein Schiffer den sie abgezockt haben in Kishasa ankommt , läuft eine Flusspatrouille aus und die Gauner verdrücken sich, oder werden hops genommen. Aber diesen Scheiß-Schrottkreuzer haben sie bisher nie erwischt, wird Zeit daß wir den mal zur Reparatur schicken.” - “Und wie das? Könnt ihr den mit dem Kanönchen zusammenschießen?” Malcolm lachte “schön wärs, nein. Aber wenn wir dem eine Ladung Mélan unter den Kiel ballern, hebt’s ihn aus dem Wasser, die Anker  und Seile reißen, die Sperre bricht auf. Mit etwas Glück kentert er. Feuern kann er jedenfalls erst mal nicht, und wir sind ja schnell. Unter Wasser durch die Lücke, dann können sie mit Gewehren und MG’s nichts anrichten. Die sind dann auch beschäftigt, ihre Sperre aufzulösen und die Kähne zu verstecken.  Denn daß wir der Flußwache Bescheid geben, das können sie sich denken, blöd sind die nicht.”

Wildwest im Regenwald... wäre Alida nicht so ruhig geblieben, ich hätte mir Sorgen gemacht. Aber wenn sie keinen Grund dafür sah, gab es auch keinen. Ruhig ging es zu, bis bei einbrechender Dunkelheit ein schweres Gewitter losbrach. Schon legten wir ab, und gaaaanz langsam näherten wir uns der Sperre, fast getaucht, nur die Mélankanone und der Aufbau ragten aus dem Wasser, die Kanone mit dunklen Tüchern abgedeckt, damit ihr Goldglanz sicht sichtbar wurde. “Wir sind schon mal dicht hinter einem Passagierdampfer durchgeflutscht” sagte Malcolm leise “aber heute fährt ja nichts. Wir warteten auf einen Blitz...

Der alte Kreuzer lag dunkel vor uns, sah aus als wäre er verlassen, unbemannt. Daß dort dennoch wachsame Augen lauerten, war geradezu spürbar. Als sich dort jemand eine Zigarette anzündete, hatten wir die Bestätigung “die wird er nicht zu Ende rauchen können” grinste Malcolm, und eine Sekunde später blitzte es sehr stark. “Ploff” sagte die Mélankanone, wirklich nicht laut. Dann donnerte es, aber wie...und während sich der Kreuzer aus dem Wasser hob, verschwand die Kanone in ihrem Fach, Luken dicht, alles bereit...? Der Kreuzer krachte zurück ins Wasser und trieb auf uns zu, mit starker Schlagseite, drehte sich in die Strömung...und wir tauchten und fuhren los, gleichzeitig. Es gab ein paar metallische Geräusche “Seile” sagte Malcolm” die stören uns nicht” und wir waren durch. Mit höchster Geschwindigkeit fuhren wir getaucht weiter, erst einige Kilometer flußaufwärts tauchten wir auf, um weiterhin so schnell es ging in Richtung Kinshasa zu fahren.

Es war gut gegangen.

Wir gingen erst einmal schlafen, die Fahrt ging ja ruhig weiter, und wurden erst vom Lärm im Hafen von Kinshasa wach. Ich hatte wohl Vorurteile gehabt, jedenfalls war ich erstaunt wie modern es dort zuging. Es gab zwar auch die simplen Langboote die ich erwartet hatte, aber eben auch ganz moderne Schubschiffe. Wir lagen aber kaum eine Stunde am Kai, ein paar Kisten wurden ausgeladen, einige Säcke eingeladen. Vahrsonia erklärte mir das, wir verkauften dort etwas Gold und nahmen Post mit. “Gold? Und was wird dann mit dem Geld?” - “WIr kaufen Dinge die es in Avalonia nicht gibt, Funkgeräte, Telefone, technisches Zeug - das nächste Schiff nimmt das dann mit. Unterhalte dich mal mit Malc, was das angeht. Es läuft anders als wir angefangen haben, er kann das besser erklären.”

Malcolm war zunächst gut beschäftigt, und wir gönnten uns erst mal den touristischen Aspekt der Fahrt. Auf Deck sitzend den großen Fluß zu erleben ist ja auch schon was. Und der bot reichlich Abwechslung, hier war reger Schiffsverkehr, und auch am Ufer gab es “Sehenswürdigkeiten” - verrostete Wracks die nicht alle dem Bürgerkrieg geschuldet sein konnten, dafür waren sie zu alt. Erst als es dunkel wurde und erneut ein Gewitter aufzog, gingen wir zu Malcolm in die Steuerkabine. Der war schon rechtschaffen müde, ließ es sich aber nicht nehmen uns ein paar haarsträubende Erlebnisse zu erzählen, von früheren Fahrten “heute ist das eigentlich ganz ruhig hier. Wenn die noch diesen Rebellen...ach was, Flusspiraten, das Handwerk legen, können wir auch normale Schiffe einsetzen - teilweise, über die Stromschnellen kommen die wieder nicht, da sind Tauchschiffe wie dieses besser geeignet. Die sind ja schon gut, können aber zuwenig Fracht tragen. Eine Xanthor haben wir ja nun auch, das ist schon besser; aber so groß wie die ist, kann man damit im Kongo kaum tauchen. Wird Zeit daß die Regierung ihren Job macht.”

“Vahrsonia sagte, ihr habt das ursprüngliche Konzept verändert?” - “Haha - wir? Der Kongo hat sich verändert, da mußten wir schon mitgehen. Hunger ist hier nicht mehr das erste Problem, eher die Rebellen, und die Aufgabe, künftigen Hunger zu vermeiden. Dieses Land ist gleichzeitig reich und völlig desorganisiert. Die haben Rohstoffe satt, eine Industrie die fast brach liegt, saumäßige Schulen und sowas wie ein Verkehrssystem...ach was rede ich, ihr werdet es erleben. Wir arbeiten natürlich nicht in den Städten, die sind ganz okay, aber etwas flussaufwärts ist Schluß mit Zivilisation. Da geht es Stamm gegen Stamm, und dazwischen diese Rebellen die gar nicht wissen was sie wirklich wollen, außer den dicken Max markieren. Und bei all dem hin und her kann ein junger Mensch froh sein wenn er lesen und schreiben lernt; viel  mehr  ist da oben nicht drin.” - “Ihr arbeitet also jetzt mehr am Bildungssystem?” - “System?” Malcolm schüttelte sich. “Vergiß Avalonia, vergiß Europa, willkommen in der Steinzeit. Nee Norman, wir versuchen eines aufzubauen. Und das nicht so wie du es kennst, nicht so wie die Cuba-Kommunisten das versucht haben, und das mit so gut wie nichts in der Hand. StromschnellenEigentlich müßten riesige Schiffe fertig gebaute Schulen herbringen, und die Lehrer gleich mit - nicht zu vergessen ein paar Wächter die dafür sorgen daß morgens noch eine Schule steht wo abends eine war. Aber das geht natürlich nicht, also sehen wir zu wie wir aus nichts eine Chance machen. Du, frag mich nochmal wenn wir angekommen sind, ich muß mich jetzt um Stromschnellen kümmern, morgen früh kommen wir an. Legt euch mal besser aufs Ohr, morgen müßt ihr fit sein.”

Er hätte wohl auch etwas Schlaf brauchen können, so wie er gähnte. Na egal, wir gingen schlafen und wachten morgens von einem mächtigen Rauschen auf. Das Schiff lag nicht mehr so ruhig wie gewohnt, stieß auch öfter gegen ein Hindernis, und als wir auf Deck gingen sahen wir was das war - Ende der Schiffahrt. Vor uns lagen Riffe, Wasserfälle und reißende Strömungen, und ein grinsender Matrose erklärte uns, mit einem Langboot das einen starken Außenborder hat, könnte man schon weiter fahren. “Mit diesem Holzfass aber nicht. Kisangali, Endstation für unsere Schiffe.” - “So trübe...schlechtes Wetter?” - “Nein, Eisenminen. Etwas flussaufwärts holen sie Erz im Tagebau raus, und ein Gutteil davon schwimmt ihnen glatt weg. Sie habens ja, ist genug da, wozu sorgfältig arbeiten. Na, darum können wir uns nicht auch noch kümmern. Geht mal frühstücken, es geht bald los.” - “Ähm...was?” - “Eine nette Tour durch den Dschungel, auf klapprigen Lastern, bergauf, über einen Paß, und abends ist uns übel, aber wir sind da - hoffentlich.”

Schöne Aussichten, aber wir wollten ja mal erleben wie diese Arbeit vor Ort aussieht. Mit gemischten Gefühlen saßen wir beim Frühstück, hörten von draußen Lärm von Dieselmotoren und vom ausladen des Schiffs, etwas später kam ein übernächtigter Malcolm dazu und frühstückte schweigend und eilig... dann stiegen wir aus und auf Laster, die in Hamburg sofort zum Schrottplatz geschickt worden wären. Mit enormem Lärm und Qualm setzte sich ein ganzer Konvoi dieser Rostefixe in Bewegung, und was für eine Bewegung. Straßen konnte man das nicht nennen, was wir da befuhren. Eher eine Mischung aus Piste und Bergbach...

 

Ubangali

Diese Fahrt erforderte Kondition, und viel davon. Wir waren gut damit beschäftigt uns, auf der Ladung sitzend, festzuhalten um nicht vom Wagen zu stürzen. Dazu kam das ungemütliche Gefühl das davon ausging daß die Wächter nun nicht mehr gemütlich plaudernd dabei waren, sondern mit schußbereiten Stäben ständig die Umgebung musterten; eine Erklärung dafür war nicht nötig, wir sahen einige zerschossene Fahrzeuge am Straßenrand und hatten ja auch die Wracks am Fluß nicht übersehen. Es passierte aber nichts außer Schwierigkeiten mit der ruinierten Strecke, Stopps weil ein Wagen weiter vorn nicht ohne schiebende Helfer weiter kam, und einmal, weil ein umgestürzter Baum erst weggeräumt werden mußte.  Allmählich waren wir ganz schön weit oben, die Aussicht wurde immer atemberaubender, dann ging es durch eine enge Felsschlucht und plötzlich hörte das schaukeln und stoßen auf, die Strecke war asphaltiert. Nicht perfekt glatt, aber eine Wohltat, verglichen mit dem Anstieg aus dem Kongotal. Es ging abwärts, vor uns sahen wir ein weites Tal und eine kleine Stadt an einem ebenfalls kleinen Fluß, “das schlimmste ist geschafft” sagte einer der Wächter und steckte seinen Stab zwischen die Holzkisten auf denen wir saßen “das ist Ubangali, unser Ziel. Hier geht es einigermaßen zivilisiert zu.” - “Regierungstruppen?” der Mann lachte. “nein, wachsame Bürger. Ubangali ist einer der Orte an denen wir schon länger arbeiten, inzwischen ist es uns gelungen so etwas wie eine funktionierende Stadtverwaltung aufzubauen. Da machen dann die Leute mit, wenns darum geht die eigene Umgebung in Ordnung zu bringen.”

Nun ja...vor uns sahen wir die kleine Stadt, neben uns im Tal verlassene Dörfer. Ich mußte nicht fragen, Gelanthor, der Wächter fing die Frage auf “die sind in Ubangali. Es dauert, so nach und nach auch das ganze Tal wieder zu beleben, und wer die Schauze voll hat von Guerillakrieg und Rückständigkeit, geht halt dahin wo es schon besser läuft. Das wird sich wieder ändern wenn wir etwas weiter sind, das heißt, wenn die Einheimischen selbst anfangen sich ihr eigenes Dorf zurück zu erobern. Ist viel Arbeit...frag nachher mal in der Bürgermeisterei, die können dir das genau erklären.”

Ubangali. Eine Ansammlung vieler kleiner Häuser, am Stadtrand auch Zelte, in der Mitte drei große Gebäude - eines davon alt, Kolonialstil; ein anderes wie aus einer europäischen Stadt hierher gebracht, quadratisch, simpel, Betonbarock..und eines, sieh an, typisch avalonisch, und sichtlich neu. Und genau davor war die Fahrt für uns zu Ende; die Laster fuhren dann noch weiter, wir streckten erst mal die verkrampften Glieder und wurden schnell von einer Menschenmenge begrüßt. Malcolm schüttelte etliche Hände, dann kam ein stattlicher Mann aus dem Haus und hieß uns mit lauter Stimme willkommen. “Joseph M’ Bele” flüsterte mir Gelanthor zu “erster gewählter Bürgermeister hier. Der zweite Motor sozusagen, neben Malcolm.” Joseph umarmte uns alle, ruhig und freundlich, selbstsicher und spürbar kräftig. Dann machte er eine ausladende Armbewegung zum Haus hin “bitte, Freunde. Alles wartet auf euch.” Alida strahlte. “der Mann ist großartig” sagte sie leise als wir reingingen “der hat eine Ausstrahlung, alle Achtung. So jemand braucht es wenn sich etwas bewegen soll.” Im Rathaus bewegte sich jedenfalls einiges; in einem Saal war ein Festessen vorbereitet - und ja, Mangel gab es hier wohl nicht. Wir paar Avalonier und gut 200 Einheimische schwatzten und futterten los, es war laut, fröhlich und sehr informativ...

Der klassizistische Prachtbau war also die ehemalige Provinzverwaltung, später Hotel und heute ein von den Cubanern betriebenes Krankenhaus. Der Bauhaus-Klotz ein Relikt europäischer Entwicklungspolitik, und heute Lagerhaus. Und dieses Gebäude, das genauso gut in Atlantis stehen könnte, hatten Malcolms Leute mit einheimischen Baufirmen gemeinsam errichtet, einmal, um ein Rathaus zu haben, aber auch, um zu demonstrieren wie man erdbebensicher baut. Lagerhaus? Avalonische Wirtschaftsweise im Kongo? Halb, erklärte mir meine freundliche Nachbarin deren Namen ich nie erfuhr “kostenlos geht hier nicht, aber im Lagerhaus gibt es Waren die Malcolms Leute beschaffen, die sonst nirgendwo zu haben sind, und soweit es geht, nimmt man da einheimische Waren im Tausch an, die woanders gut zu verkaufen sind. Wer nichts zum tauschen hat, muß aber bezahlen.” - “Normale Geschäfte habt ihr aber auch?” - “Ja, einige - die waren alle ruiniert, so allmählich tut sich da wieder was. Du bekommst hier ja keinen Kredit von irgendwo, eine Bank gibt es nicht, und wenn man das nicht privat organisiert, geht gar nichts.” - “Und wie?” - “Da legen vielleicht hundert Leute zusammen, damit einer von ihnen einen Laden aufmachen kann. Wenn es den erst mal gibt, geht es besser. Da bekommt man vielleicht etwas Hilfe von der Regierung, und ein paar Waren von euren Leuten. Aber aller Anfang ist echt schwierig, die Häuser sind ja beschädigt, die Straßen auch, es gibt nicht überall Strom und Wasser...du willst in einem Haus etwas anfangen und mußt dich durch die halbe Stadt wühlen, damit das auch gelingt.”

Puuh...was haben wir es doch so gut, dachte ich und war gespannt was wohl noch käme.

Es kam eine Sitzung des Stadrats bei der wir Mäuschen spielen durften, außer Joseph M’ Bele waren da zehn Stadräte, Vahrsonia und Malcolm, und ein älterer Mann namens Frank Bugala beteiligt, Chef der Wächter. Aha, auch das Wächtermodell hatten sie hier übernommen..interessant. Nach einigen höflichen Worten hin und wider fragte Malcolm nach dem Stand der Projekte - Joseph machte ein sorgenvolles Gesicht. “Wenig genug” begann er “daß wir einen Straßenabschnitt instand gesetzt haben, habt ihr ja schon mitbekommen. Für mehr hat es nicht gereicht. An der neuen Wasserversorgung wird jetzt gearbeitet, aber da gibt es Probleme mit Rebellen, oben in Libari, wo die Quellen sind. Im Moment ist da Frank dran, wir müssen wohl Libari erst mal befrieden und neu besiedeln, damit das weiter geht. Frank?” - “So ist es. Der Hochbehälter ist fertig, die Quellenfassung auch, und als wir die Leitung dazwischen legen wollten, wurden die Arbeiter angegriffen. Da muß ich euch bitten uns zu helfen, Malcolm - vor euren Wächtern haben die Drecksäcke mehr Respekt als vor unseren. Leider.” Malcolm grinste “den werden sie schon lernen, Frank. Irgendwo habe ich wohl so eine Kiste mit Langstäben gesehen - die können wir euch zwar nicht überlassen, aber ausleihen. Plan du mal den Einsatz, wir unterstützen euch dabei.” - “Wir wollten das am Sonntag machen. Ist schon geplant...okay?” - “Umso besser. Ihr müßt aber erst mal mit den Dingern trainieren; holt sie euch morgen früh am Lagerhaus ab. Aber übt nicht gleich da!” Frank lachte, Malcolm ebenfalls, aber schnell war er beim nächsten Thema.

“Und das Schulzentrum?” Joseph seufzte. “Da hängt es. Wir haben ja flott angefangen, Fundamente sind fertig - und dann ist der Betonfertiger ausgefallen.” - “Ja und? Ihr wißt doch an wen ihr euch da wenden müßt.” - “Schon, aber die liefern nicht - seit zwei Monaten.” Malcolm faßte sich an den Kopf “das glaub ich jetzt nicht. In zwei Monaten hätte man ja wohl nach Kinshasa laufen und schwimmen können, um Ersatzteile zu holen. Außerdem kann man Beton ja wohl auch ohne Maschine machen, wißt ihr das nicht?” - “Malcolm, ich schon. Und wenn du das den Arbeitern sagst und dabei möglichst laut wirst, machen die das auch. Das sind alles keine gelernten Handwerker, und bisher bin ich für die nicht wirklich der Chef - ich bin schwarz, du bist weiß, also schlau.  Sags ihnen halt.” Vahrsonia schüttelte nur den Kopf, Malcolm brummte ein paar Flüche, und einer der Ratsherren bestätigte was Joseph gesagt hatte “das stimmt, so dämlich das auch ist. Ohne eine gute Ausbildung machen die nichts selbstständig, dafür bauen wir ja das Schulzentrum.  Bis das fertig ist, müssen wir schon noch so arbeiten wie die Leute es gewöhnt sind.” - “ja, super. Also sag ich denen, nimm jetzt verdammt nochmal die Schaufel in die Hand und misch dir das Zeug selbst, oder ich tret dir in den Arsch! - so etwa?” - “Nicht genug. Nicht Arschtritt, sondern Fluch der Geister - dann spuren die schon. Daß es diese Geister nicht gibt, können sie ja dann in der Schule lernen, wenn sie die gebaut haben.”

Malcolms Gesicht sprach Bände, und ich hatte angefangen zu begreifen warum er das Konzept geändert hatte. Später, schon in dem ältlichen Gästehaus das einmal zu dem prunkvollen Kolonialpalast gehört hatte, bekräftigte er das “wir hatten ja von Anfang an geplant, Schulen zu bauen und Einheimische bei uns auf Schulen zu schicken. Inzwischen haben wir begriffen daß genau das die einzige wirkliche Lösung ist; denn wer nie gelernt hat selbstständig auch nur zu denken, wird nie selbstständig handeln. Und wer sich vor Dingen fürchtet die es gar nicht gibt, wird das selbst dann nicht tun wenn er es gelernt hat. Wir kümmern uns also ein wenig um Infrastruktur, ein wenig um Wirtschaft und Sicherheit, aber hauptsächlich um diese Schulzentren - nicht nur in Ubangali. Auf unseren Schulen daheim sind etwa 120 Hiesige am lernen, die später hier Lehrer sein werden. Für den Anfang. Und da kommen uns hier Geister in die Quere - als wenn Rebellen nicht genug Ärger machten. Mistkram, die kann man wenigstens verhaften...aber was macht man mit Geistern? Alida?”

Meine Frau war den ganzen Tag fast still gewesen, hatte wenig gefragt und viel zugehört. Nun legte sie den Kopf schräg “Besiegen, Malcolm. Einfach nur besiegen. Ist egal ob es sie wirklich gibt, die Leute müssen nur begreifen daß sie ihnen gar nicht in die Quere kommen können. Das geht schon.” - “Machst du das?” - “Wie, soll ich eine Baustelle leiten? Das kann ich nicht.”  - “Vormachen, daß es geht, Geister hin, Geister her?” - “Wenn du mir erklärst wie man Beton macht, will ich es gern versuchen.” - “Abgemacht, morgen früh auf der Baustelle.” - “Aber irgendwer muß mir mal erklären wie dieser Geisterglaube genau funktioniert. Ich weiß nichts darüber.” - “Das macht Joseph. Ich kann das auch nicht, ich krieg nur die Wut wenn ich sowas höre.  Mensch, wir sollten schlafen...”

Das taten wir dann auch.

 Frühstück gegen sechs Uhr in der Frühe...ungewohnt für uns, aber die größte Arbeit mußte man hier am Morgen erledigen, wegen der Hitze. Joseph war dabei und wenig begeistert...wegen der Dinge die er nun erklären sollte. “Dieser Blödsinn, mir hat man das auch eingetrichtert, dann war ich in Frankreich zum studieren und seither geht es mir besser “ er grinste “Alida, du mußt das nicht wirklich kennen, das macht dir nur Alpträume. Wichtig sind nur ein paar wenige Punkte:

  • alles was du tust, wird von den Geistern beobachtet.
  • wenn du etwas machst was noch nie getan wurde, werden sie böse.
  • hörst du nicht bald damit auf, machen sie dir deine Arbeit kaputt.
  • machst du immer noch weiter, lädst du einen Fluch auf dich und deine Familie.
  • das Werk das du gegen ihren Willen geschaffen hast, wird Unheil bringen.
  • du kannst sie nur über ein Opfer besänftigen, darfst aber auch dann nicht weitermachen.

“So ein Schwachsinn!” Alida schüttelte sich vor lachen. “Und wieso gibt es keinen Fluch wenn eine Maschine die Arbeit tut?” - “Weil eine Maschine selbst ein Geist ist, kein Mensch.” Alida tippte sich an die Stirn. “und wenn ihnen eine Frau das ausreden will, gilt das vermutlich nicht?” - “So ist es. Frauen dürfen nur im Haus das Sagen haben, “richtige” Arbeit können nur Männer tun.” - “Na, da habe ich ja eine herrliche unmögliche Aufgabe übernommen. Wollen mal sehen wie ich das komplett verpfusche.” Sie stand auf, ging in unser Zimmer und kam zurück, nur mit einem dünnen Umhang bekleidet - nicht in dem dicken Uniform-ähnlichen Zeug das wir alle trugen seit wir das Schiff verlassen hatten. Joseph fielen fast die Augen raus...”nein nein Alida, das kannst du doch nicht machen. Die werden dich anstarren und nicht zuhören...” - “Die werden zuhören, verlaß dich drauf. Überleg mal, wenn eine Frau macht was die Geister nicht wollen, und alles geht gut, ist das etwa nicht deutlich genug?” - “Die werden sagen, das ist halt eine weiße Frau, die darf das.” - “Ach so...bist du verheiratet, Joseph?” - “ja...oh nein, das nicht.” - “Oh doch. Bitte hol deine Frau - ähm, die ist doch nicht etwa weiß?” - “Nein...ich weiß nicht... Sarah ist ziemlich schamhaft ...ich kanns ja versuchen, Moment bitte...” Er ging, Malcolm grinste so breit wie es nur ging “Vahrsoni-Schatz, runter mit den Klamotten. Das könnte hinhauen. Zeigen wir den Boys mal was unsere Frauen drauf haben.” - “Malc, gerne - und du sorgst dafür daß ein paar Wächter dabei sind.” - “Mach dir mal keine Sorgen, Alida ist gut genug dafür. Aber wenns dich beruhigt...”

Sarah M’ Bele machte auch große Augen als sie mit Joseph zurück kam “Oh mein Gott, wo nehmt ihr den Mut her...guten Tag zusammen...Joseph hat mir schon berichtet, aber das wird ein Skandal über den Ubangali noch Wochen reden wird.” - “Umso besser” grinste Alida “aber wenn dir das keinen Spaß macht, wir können dich nicht zwingen. Du verstehst aber warum ich das so machen will?” - “ja schon” Sarah kicherte “die Idee ist schon gut, aber...Joseph? Darf ich das?” Joseph legte den Kopf schräg “Wenn ich es dir erlaube, sagen unsere avalonischen Freunde, ich unterdrücke dich. Wenn ich es dir nicht erlaube, auch. Also was sage ich? Entscheide selbst.” Sarah sah ihn erstaunt an, ging zu Alida “hast du noch so ein Tuchding?” die nickte, sie verschwanden im Nebenzimmer, kamen zurück - Sahra sah nun avalonischer aus, grinste “Wenn auch nur einer ausspricht was er eben gedacht hat, Männer, dann...” sie drohte mit dem Zeigefinger - und prompt sagte Malcolm, gegen eine stille Stunde mit ihr hätte er absolut nichts einzuwenden und neigte den Kopf, zeigte auf seine rechte Backe “hier draufhauen.”

Sarah prustete. “Ihr seid schon ein seltsames Volk, wirklich. Ist das bei euch nicht unverschämt, das zu einer verheirateten Faru zu sagen?” - “So wie er dabei gegrinst hat, dürfte klar sein wie enorm ernst er das gemeint hat.” Joseph grinste breit “nur mal theoretisch, wenn Vahrsonia auch eine Stunde Zeit hätte ...” alles lachte. “Wir sollten dann mal” meinte Joseph, und wir brachen auf, zu der Großbaustelle am Stadtrand.

Bei der defekten Maschine zeigte nun Joseph den Frauen wie man Beton mit der Schaufel anmischt. Dort waren keine Arbeiter, die wurden auch grade erst von einem Wächter zusammengetrommelt. “ist das alles?” staunte Sarah “da ist Kuchen backen aber komplizierter.” - “ja, mehr ist das nicht. Vier Schaufeln Kies, eine Zement, langsam Wasser zugeben und wenns an der Schaufel klebt, fertig - und schnell in Schalung damit. Dann geht es so weiter wie mit der Maschine, gut auffüllen, stampfen - nächste Ladung mischen.” - “Phhh..das ist nichts, nur etwas anstrengend.” - “Genau.”

Es gab natürlich aufsehen als die drei Frauen vor die versammelten Arbeiter traten, es fielen auch ein paar üble Worte. Joseph wurde dann etwas laut, und machte klar, wenn hier Beleidigungen kommen, dann haben die Wächter Arbeit “also benehmt euch. Von mir habt ihr es nicht angenommen, also sagen es euch jetzt die Frauen. Vorarbeiter? Komm mal nach vorn.” Ein bulliger Mann trat vor “Frauen können uns gar nichts beibringen, Chef. Wo ist Malcolm? Der wird uns schon helfen können.” - “Du bist ein Dummkopf, Thomas Lakumba. Hier steht Vahrsonia, Malcolms Eherau, Sarah kennst du, und das hier ist Alida, sie ist weiser als ihr alle zusammen. Sie werden euch zeigen wie man Beton nur mit einer Schaufel macht, und ihr werdet das dann so machen, bis die Maschine wieder läuft. Und jetzt will ich keine dreckigen Sprüche mehr hören - zuhören, zusehen, nachmachen. Ab heute wird hier wieder gearbeitet.”

“Aber Chef, du weißt doch was uns passiert, wenn wir das tun. Es wird Unglück über uns bringen.” - “Blödsinn. Alida?” - “Thomas, sind eure Geiste böse, teuflisch, böswillig?” - “Aber nein, sie passen nur auf, daß wir nichts unrechtes tun.” - “ist es unrecht eine Schule zu bauen?” - “Ähm..nein...? Aber wir müssen sie aus Lehm bauen, oder aus Holz, dann lassen die Geister es zu.” - “Dann sind sie  doch böse. Denn Holz kann abbrennen, das tötet eure Kinder. Lehm wird einstürzen, wenn die Erde bebt. Wollen das die Geister?”  Thomas schwieg verwirrt “ Wollen das die Geister? ” - “Sie lieben doch Kinder, nicht wahr?” fragte Sarah nun “ja...schon, aber Beton ist unnatürlich.” - “das ist er auch wenn er aus der Maschine kommt, außerdem stimmt das nicht. Kies ist Natur, und Zement ist aus Kalkstein, auch Natur. Ach ja, ist Wasser unnatürlich?” Es gab Gemurmel, die  Frauen fingen nun einfach an Beton zu machen. Als ein ansehnlicher Haufen fertig war, mischte sich Joseph wieder ein “Thomas, Qualität prüfen.” - “das kann doch gar nicht sein. “ - “ Qualität prüfen - bist du schwerhörig? ” - “Ja Chef. nein Chef. Moment... Thomas ging zögernd zu den Frauen, nahm eine Hand voll Beton, drückte ihn durch die Finger “scheint in Ordnung zu sein, Chef.” - “Also, ran, Leute. Macht es nach, und rein in die Schalung. Keine Ausreden mehr.”

Joseph sprach laut und deutlich, und man konnte sehen wie er nun hatte was er nur Malcolm zugetraut hatte, Autorität. Die Leute gehorchten. Unsere drei Frauen gingen mal zu dem, mal zu jenem, erklärten nochmal, zeigten nochmal, redeten Mut zu. Ich hatte den Eindruck, die Männer  waren beschämt daß Frauen ihnen Mut machen mußten - aber das war wirklich nötig. Erst als eine erste Schalung gefüllt und der  Beton festgestampft war, ging es etwas lockerer zu. Wir standen dann etwas abseits, die Frauen, Joseph und ich, als Thomas zu uns kam. “Alida, du sollst ja weise sein - wer sagt mir jetzt daß unsere Kinder nicht Schaden nehmen, wenn wir sie später in diese Schule schicken?” - “Würde es dir genügen wenn ich dir sage daß wir seit gut tausend Jahren so bauen, und daß es unseren Kindern gut geht?” - “Ehrlich?” - “Schau mir in die Augen. Lüge ich?” Thomas hob den Blick an, sah ihr in die Augen, zitterte, erstarrte...”Oh mein Gott...”stammelte er “nein, du lügst nicht. Was machst du mit mir?” - “halt es einen Moment aus, bitte...” - “ja...” langsam entspannte er sich wieder. “Was war ich für ein Dummkopf” murmelte er leise “so ist das?” - “genau so. Du tust etwas Gutes, und Gott steht dir bei. Er ist Herr über alles, auch über eure Geister.” - “Das ist wunderbar.” - “ja, das ist es. Geh und mach deine Arbeit, Malcolm hätte dir nicht anders geraten.” - “Danke...Mensch...hey...” er umarmte Alida und küßte sie leidenschaflich, dann erschrak er “oh Verzeihung...das durfte ich nicht...” - “Doch, das war ja auch gut gemeint. Aber jetzt geh mal arbeiten.”

Thomas ging kopfschüttelnd zu seinen Männern, redete mit ihnen, man konnte hören wie es immer lockerer zuging. Malcolm kam zu uns “na, alles schief gegangen, ohne meinen göttlichen Beistand?” - “Völlig” lachte Vahrsonia “du Malc, Joseph hat mich da eben etwas gefragt...bist du einverstanden?” - “was? Ähm...ach nein, wirklich? Tja, Sarah...und du?” Sarah sah Joseph an, dann uns, dann wieder Vahrsonia “das ist das erste Mal daß er mich fragt ob er das darf - bisher hat er das auch immer gern gemacht, aber ohne zu fragen. Jetzt bin ich mal gespannt Joseph, laß das sein! .” Der schluckte, sah dann Malcolm an “was mache ich jetzt? Was würdest du tun?” - “Nichts, Jo. Bei euch ist das ja etwas anders, bei uns gilt: einvernehmlich, oder eben nicht.” - “Das ist aber streng... “Joseph war sichtlich aus dem Konzept, Vahrsonia kam zu uns, leise “das ist eine kleine Verschwörung. Wir haben das vorhin abgesprochen, Sarah , ich, Malcolm...diese komische Auffassung daß ein Mann um so mehr gilt, je mehr Frauen er flachgelegt hat, macht reihenweise Familien kaputt. Sarah will da versuchen dran zu drehen - und wir haben gesagt, wunderbar, versuch es. Und nun schau dir diesen Bär von Mann an, wie er um Fassung ringt...”

Joseph gab sich ja Mühe das nicht zu zeigen, aber vor uns? Keine Chance. Er hatte sich zwar im Griff, aber das fiel ihm schwer. “Gut, ich nehme es als Ehre daß Vahrsonia gesagt hat, ja - wenn...Mensch Sarah, du hast noch nie was gesagt...” - “Durfte ich ja nicht. Aber eben hast du gefragt- also?” - “Jaja, schon gut ...Mensch, was da alles anders werden soll...” kopfschüttelnd fügte er sich seiner Frau, wohl zum ersten Mal.

Es kam später von beiden, Sarah wie Joseph, sie wollten Avalonia besuchen.  “Wir tun das ja auch, aber heimlich” sagte Joseph “und ziemlich oft. Vahrsonia hat mir eben geflüstert, das ist so etwas wie ein Geschenk, und selten. Dafür aber nicht heimlich, und keine Schande. Ich staune. Und bin tief in deiner Schuld, Vahrsonia. Das ist wirklich ein Geschenk. Und, Liebes? Ist das nicht besser so?” - “Jo...mir fehlen die Worte. Keine Angst erwischt zu werden, keine Scham weils unanständig ist, und das nach diesem Erlebnis mich vor all diesen Männern so zu zeigen, und keiner darf...ich kanns nicht fassen. Ich fange an zu überlegen wie völlig sich alles verändern könnte, wenn man es wagt.“- “Sehr viel würde sich ändern. Ich darf ja auch ganz offen sagen daß ich auch sehr gern mal mit dir allein wäre, Sarah...” Vahrsonia genoß den geschockten Blick von Sarah sichtlich.” - “Das geht auch? Mein Gott, die würden mich hier...naja, Joseph nicht, aber sonst..und ich dürfte auch offen sage, soviel Mut habe ich nicht - nein?” - “Ja natürlich. Würde ich sonst fragen? Du darfst sagen was immer du willst. Ich auch, Joseph auch, Jeder.” - “Diese Offenheit... und ihr macht das schon lange so?” - “Das hat sich langsam so entwickelt. Ich kenne es nicht anders, und was Joseph eben gesagt hat, das ist mal ein Geschenk, keine dauernde Sache. Das scheint bei euch ja anders zu sein...?” Joseph nickte “es gibt viel Ärger deswegen. Ja, ist das so, daß Offenheit dafür sorgt daß mans nicht übertreibt?” - “Weiß ich nicht. Übertreiben ist irgendwie gar nicht avalonisch .” - “Aber afrikanisch” grinste Joseph “nun gut, große Überraschung, Baustelle läuft wieder, ich muß um Erlaubnis fragen, was für ein Tag. Ich hab Hunger.”

Beim Essen kann man oft mehr erfahren als auf Pressekonferenzen, das war mir klar als ich mich neben Joseph setzte. Und ja, auf meine leise Frage, das wäre doch irgendwie nicht glaubhaft, mit den Ersatzteilen, seufzte er tief, vergewisserte sich daß Malcolm uns nicht zuhörte, und erklärte es mir dann genauer . “Die Firma in Kinshasa hat die Teile schon dreimal losgeschickt, nie sind sie hier angekommen. Unterwegs sind so viele Hände, weißt du, und nicht alle sind sauber...verstehst du?  Malcolm hat zwar Recht daß wir jemanden hätten losschicken sollen. Nur, wieviele Leute habe ich, und wieviele davon sollen ständig unterwegs sein? Wir müssen ja so viel besorgen. Zement, Asphalt, Kabel, Rohre, Diesel, und natürlich Ersatzteile. Und all denen muß ich Geld mitgeben damit sie notfalls zahlen können, um weiter zu kommen. Wir haben aber nicht viel...” er atmete schwer “auch wenn es langsam besser wird. Aber du ahnst nicht wie tief all die Löcher sind, die wir hier füllen müssen. Und, wer unterwegs ist, kann hier nicht arbeiten...” - “Tut denn die Regierung nichts gegen die Korruption?” - “Oh doch, sehr viel. Die bekämpfen sämtliche Korruption an der sie nichts verdienen” Dann sah er mich an “du bist neu in Afrika, was?” Ich nickte. “Dann paß auf deine Nerven auf” grinste er “aber ich bin sicher ungerecht. Hier läuft es immer sauberer, seit wir darauf pfeifen was der Rest des Landes macht, und ganz stur unser Tal wieder in Ordnung bringen. Ha, Ordnung...wenn wir eines von euren Leuten lernen, dann das. Da seid ihr uns um Jahrhunderte voraus.”

Malcolm als  Ordnungshüter...ich konnte nur staunen. Mir war er immer ziemlich chaotisch vorgekommen, aber vielleicht hatte ich nicht genau hingesehen. Oder er war hier ebenso verändert worden wie sein ursprüngliches Konzept...

Das Bergdorf

Wir hatten einige Tage Zeit uns in Ubangali umzusehen und mit einigen Einheimischen ausgiebig zu schwatzen. Eine war uns dabei schnell klar geworden, hier in der kleinen Stadt lief es gut, seit etwa zwei Jahren - aber außerhalb der Stadtgrenzen war das ganz anders. Es gab einen Gürtel neu angelegter Felder rund um die Stadt, dann eine Buschzone die früher auch Ackerland gewesen war, und dahinter begann der Wald. Verstreut darin gab es etliche verlassene Dörfer, so weit reichte der Arm der hiesigen Wächter oder der Stadt noch nicht, wer sich da hinein wagte, war auf unsicherem Gebiet. Rebellen gab es zwar nicht in der direkten Umgebung, aber in den Bergen am Rand des weiten Tals; die kamen inzwischen nicht mehr nach Ubangali, verhinderten aber immer noch, daß die Dörfer wiederbelebt wurden. Genau das war noch das große Hindernis einer besseren Entwicklung, und nichts was avalonische Helfer ändern konnten, denn eines hatte unser Rat ganz klar angeordnet, egal warum und wie auch immer, wir wenden keinerlei Gewalt an. Die Wächter die jede Fahrt begleiteten, die fünf hier ständig stationierten Wächter, waren nur befugt sich oder Mtarbeiter zu verteidigen; nicht aber, gegen die Rebellen vorzugehen, wenn wir nicht von ihnen behelligt wurden.

Schlitzohrig wie Malcolm nun mal ist, hatte er den hiesigen Wächtern zwei Kisten von Langstäben ausgeliehen, die er nicht ganz korrekt in Atlantis besorgt hatte (und auch zurückgeben mußte) damit die einheimischen Wächter überhaupt in der Lage waren Operationen gegen die Rebellen durchzuführen, und zwar, ohne zu töten. Denn das hatte der Stadtrat von Ubangali gern von uns angenommen, mit den gleichen Mitteln die das ganze Land verwüstet hatten, wollte man hier nicht arbeiten. Ich traf Frank eines Abends im einzigen Kaffeehaus, er kam gerade vom Übungsplatz der Stadtwächter und machte einen zufriedenen Eindruck.

“Sie habens gelernt” meinte er schmunzelnd “ein paar Ziegen sind gerade im Tiefschlaf, und die Männer treffen eine Coladose auf 100 Meter. Das dürfte ja genügen.” - “jetzt erzähl mir mal was ihr da eigentlich vorhabt?” - “Ach Norman, Aktion David gegen drei Goliaths.  Es geht nicht anders, wir müssen - die Stadt erneuert gerade ihr Trinkwassernetz, und die kubanischen Ärzte haben uns gewarnt daß Wasser aus der Ubanga (örtlicher Fluß) ein großes Risiko darstellt. Nun gibt es ja gute Quellen in den Bergen, oben, bei Libari. Was sollen wir also machen, wir müssen Libari zurück erobern und wieder besiedeln. Wir haben da auch schon angefangen, einen Hochbehälter gebaut, aber als es an die Pumpstation ging, wurden die Arbeiter überfallen. Joseph hat dann mit Palanga verhandelt, das ist der Boß dieser Desperados; aber warum auch immer und was er auch dagegen hat, wer weiß, er duldet nicht daß Libari wieder besiedelt wird, und daher auch keine Pumpstation, Rohrleitung, erneuerte Straße und was so nötig ist. Joseph hat um Regierungstruppen gebeten - Fehlanzeige. Die UN sagt, mag sein daß sie nächstes Jahr mal Blauhelme herschicken können. Vielleicht, kann sein, wer weiß...also, der Stadtrat hat sich entschlossen daß wir es selbst versuchen. Dabei brennt es ja überall; wir können die Bahn nach Himbali nicht in Betrieb nehmen, weil in Himbali auch so eine Soldateska herumstrolcht. Es sind an die zwanzig Dörfer hier im Tal die leer stehen, weiß der Geier was die Lumpen meinen daß sie davon hätten, und irgendwo muß man ja mal anfangen. Also Limbali, die Quellen, und wenns gut geht, sehen wir mal weiter.” - “Wann?” - “Morgen, Sonntag. Da haben wir eine gewisse Chance daß die großartigen Soldaten sich in ihrem Versteck besaufen, anstatt  in der Gegend herum zu ziehen.” - “Ja Moment, ich denke ihr wollt denen eine Lektion erteilem?” - “Sicher, aber nicht nur. Wir wollen ja auch die Pumpstation fertig bauen. Und da vor Ort hätten wir gerne kein Gefecht inszeniert, da geht ja doch nur wieder alles kaputt.  Den Ort besetzen, mit der Arbeit anfangen - und wenn die den Lärm hören, werden sie schon auftauchen. Und wir werden darauf vorbereitet sein.” Das Dorf Libari

Malcolm sah es so, Joseph stimmte ihm zu, Frank riet uns ebenfalls ab; aber ich wollte dabei sein, und Alida sagte, wo Norman seine Haut riskiert, da bin ich auch. Wir bekamen also auch die alten Kampfanzüge verpaßt, und zwei Wächter wurden angewiesen uns so gut es ging, zu beschützen. Tja, und weil ich auch schlitzohrig sein kann, gelang es mir für Alida und mich zwei Langstäbe zu organisieren.. .die tödlichen Kurzstäbe fehlten nämlich in den Anzügen. In aller Herrgottsfrühe ging es los, zu Fuß und so leise wie möglich, denn wenn es einen Kampf geben würde, dann eben möglichst nicht in Libari. Also nicht auffallen...und im Ort warteten Arbeiter auf ein Funksignal von uns, um mit zwei Gleitern nachzukommen, sobald wir den Ort besetzt hatten. Soweit ich weiß hatten die Männer mehr Bammel vor einem Flug mit den Dingern, als wir vor den Rebellen...

Es ging reibungslos, der Ort war menschenleer, und schnell waren sie überall am Ortsrand verteilt, zehn unserer Wächter, und dreißg Einheimische. In der Ortsmitte blieben wir, Frank, Malcolm, Alida, ich und zwei Wächter. Frank steuerte alles per Funkgerät - und sein erstes Kommando lautete “Gleiter ab”. Die Arbeiter kamen uns nach, und wenn die Rebellen die fliegenden Boote nicht bemerkten, der Lärm von Hämmern und Bohrern tat es dann wohl. Käsebleich stiegen die Arbeiter aus den Gleitern und machten da weiter wo man sie gestoppt hatte, absichtlich laut und nach einigen Minuten auch mit den in Afrika üblichen Gesängen. Frank grinste Malcolm an “entweder sind wir in einer Stunde verprügelt und geschlagen im kubanischen Krankenhaus, oder heute abend besoffen auf dem Marktplatz. Was wettest du?” “2:1 für Besäufnis.” Frank griff zum Funkgerät “melden, wenn sich was tut! Sofort, hört ihr?”  - “Aye, verstanden. Noch ist alles ruhig.”

Es blieb nicht lange ruhig. Wohl als Warnung, schlug eine Mörsergranate in ein leeres Haus ein, dann hörten wir ein Megaphon “Arbeiten sofort einstellen, oder wir brennen das Dorf nieder!” sagte eine raue Stimme - Frank griff zum Funkgerät” jeden den ihr seht, sofort in den Schlaf schicken..” - “Aye, nichts zu sehen..Feiglinge...” - “Dann los, vorwärts.” Er grinste Malcolm an “jetzt wundern sie sich, dachten sie doch, sie wären die Angreifer...not today man, not today ...” Malcolm nickte “hoffentlich erwischen sie diesen Palanga, und wenns geht, wach. Wenn wir den haben, sieht es besser aus.” - “Wenn der Drecksack überhaupt hier dabei ist.”

Es blitzte ein paar Mal am Ortsrand, wir hörten einige Gewehrschüsse, aber eigentlich war weniger los als wir erwartet hatten. Dann kam ein Funkspruch “Achtung, Durchbruch auf der Hauptstraße, zwei Jeeps, schaut mal daß ihr die erwischt..sorry...” Wir sahen uns an...aha, nun waren wir dran. Malcolm, Frank und die Wächter griffen zu ihren Stäben, Alida sah mich fragend an, ich nickte ihr zu - ja, wir auch. Und da kamen sie auch schon, zwei uralte Rostschüsseln, voll besetzt mit Männern, und die warfen Molotowcocktails in die Häuser...ähm...mehr daneben als in...es mußte schnell gehen. Stab in Fensteröffnung, Blitzgedanke “Scheiße, ich hätte das üben sollen..großes Ziel wählen...Räder...” klick, Blitz...Alida drückte einen Moment später. Der erste Jeep fuhr eine scharfe Kurve und kippte dann um, das war nicht gut, mit all den Benzinflaschen darin. Ich konnte mir das nicht ansehen...zweiten Jeep anvisieren, Kühler.. .zack...rumms, fuhr der auf den brennenden ersten auf. Blitz, Blitz, Blitz...”Stop” rief Frank  - wir rannten raus und versuchten Männer aus dem Feuer zu ziehen . Die waren ja betäubt...bis auf zwei, die entsetzt gar nichts taten, aber brannten. Wir wälzten sie im Staub, entwaffneten sie und schon stand Frank über einem vierschrötigen, völlig verängstigten Klotz “willkommen, Herr Palanga. Grade noch mal gut gegangen...man spielt doch nicht mit Feuer..tsss.tss...”

Palanga sagte gar nichts, er mußte gewaltige Schmerzen haben, so wie er verbrannt war. Neben uns verbrannten drei Männer die wir nicht mehr aus den Flammen hatten befreien können, die Arbeiter kamen mit Wassereimern, Malcolm bedeutete ihnen, zu spät, löscht die Häuser...was für eine Szene.  Und am Ortsrand ging es weiter mit Blitzen gegen Gewehrfeuer, ein Wächter stieg in einen Gleiter und raste hinunter nach Ubangali, Ärzte holen. Nach einer Viertelstunde hörten Blitze und Gewehrfeuer auf, der Gleiter kam zurück, Ärzte versorgten Brandwunden und etwas später auch Schußwunden, aber wir hatten keinen Mann verloren. Nach und nach wurden 26 schlafende Rebellen in die Ortsmitte gebracht, Frank forderte nun per Funk einen Lastwagen an.  Palanga lag gut verpackt in einer Hütte, und mit dem Laster kam auch Joseph, ging sofort zu dem Rebellenführer. “Na, du Lump? So sehen wir uns wieder. Wäre es nicht klüger gewesen, du hättest damals unser Angebot angenommen?” - “Pah, ich geh doch nicht freiwillig ins Gefängnis.” - “Nein, aber unfreiwillig - wenn du aus dem Krankenhaus kommst. Du hast drei deiner Männer in den Tod geschickt, sieh zu wie du damit klar kommst. Über Vertreibung, Vergewaltigung, Brandstiftung und Mord wird das Gericht befinden.” - “Erschießt mich doch gleich.” - “Wir sind nicht von deinem Schlag, Herr Räuber. Du wirst Rede und Antwort stehen, und deinen Opfern ins Gesicht sehen. Ob es dann ein Todesurteil gibt, weiß ich nicht - ich bin nicht dein Richter. So, reden wir mal von heute . Sind das alle deine Männer, die hier heute angegriffen haben?” - “Finde es doch heraus.” - “Paß mal auf, du Lump. Du bist hier nicht mehr am Drücker. Wir gehen gleich rauf in dein Bergnest, und wenn es dann nochmal Tote gibt, gehen die auf dein Konto. Befiehl ihnen aufzugeben, Mann. Es ist vorbei, ihr macht hier keinen Terror mehr.” - “Was hätte ich davon?”

Josephs Gesicht wurde diabolisch. “Tja, was? Weißt du, wir alle könnten mal einen Spaziergang machen und unseren Leuten sagen, da drinnen liegt die Obersau. Oder ich könnte dich von zwei Wächtern beschützt, ins Krankenhaus schicken. Das muß ich mir noch überlegen, wie ich das nun mache.” - “Gebt mir mein Funkgerät.” - “Gute Wahl. Frank?” Palanga bekam sein Funkgerät. “Hier Marabu 1. Alle runter kommen nach Libari, unbewaffnet.” - “Chef, schiefgegangen?” - “Völlig. Also kommt runter und baut keinen Mist, die sind uns überlegen.” - “Verstanden. Wir kommen. Haben sie dich?” - “Befehl ausführen!” Er legte das Gerät weg ohne eine Antwort abzuwarten. “Wie viele sind das noch?” fragte Frank “fünf” antwortete Palanga und tastete nach seiner Jacke, gab einen resignierten Ton von sich “also Krankenhaus?” - “Ja. Wir halten Wort. Und keine Sorge, du wirst an keine Knarre und kein Messer rankommen. Dem Gericht entkommst du nicht. Du wirst nicht wissen was das bedeutet, kannst mal Malcolm hier fragen - unser Gericht urteilt nach avalonischem Recht.” Palanga warf Malcolm einen zweifelnden Blick zu “milder oder strenger als unseres?” - “Kommt drauf an. Ich weiß nicht ob du es als milder ansiehst, sollte der Richter dich und deine Männer verdonnern, sämtliche Schäden zu beheben die ihr angerichtet habt....aber wer gemordet hat, braucht sich solche Sorgen nicht zu machen. ” - “Ich habe nicht gemordet, ich habe kommandiert.” - “Sag das dem Richter. Und lüg nicht” grinste Malcolm uns zu, wir verstanden das, Palanga nicht.

Was soll ich noch berichten, von dem jämmerlichen Lager in einem aufgelassenen Steinbruch, wo die Soldateska in Dreck und Nässe gehaust hatte, und das dann nieder gebrannt wurde? Wozu. 33 Mann kamen erst ins Krankenhaus, dann ins Notgefängnis (der Keller des Lagerhauses). Die Arbeiter konnten nun weiter an der Punpstation arbeiten, und die nach Ubangali geflohenen Dorfbewohner nach Libari zurückkehren. Eines von den zwanzig Dörfern begann wieder zu leben, und, pervers wie die Gesetzeslage im Kongo nun mal ist, nun bekamen sie Aufbauhilfe vom Staat, der ihnen nicht geholfen hatte, ihr Dorf zu verteidigen....ich sag da mal nicht zu viel drüber. So ein Irrsinn...

Es gab also das Besäufnis am Abend, aber so richtig lustig wurde es nicht. Drei der Rebellen, fanden die Wächter schnell heraus, stammten aus Ubangali. Wer soll das verstehen...Frank und Joseph schwadronierten nun angetrunken darüber, als Nächstes die Bahnlinie nach Himbali freizukämpfen, und versuchten Malcolm zu überreden, ihnen die Langstäbe hier zu lassen. Malcolm war nicht besoffen genug, das zu erlauben. “Nix da, ich muß die zurück geben. Macht mal der UN-Truppe klar daß sie nicht auf Urlaub hier ist! Überhaupt, bald habt ihr hier klares Wasser. Macht so weiter, und den Rebellen wird es bald sehr stinken wie sie leben müssen, während es hier wieder aufwärts geht. Dorf für Dorf, möchte ich meinen, das schafft ihr aus eigener Kraft. Und jetzt Schluß mit dem Kleinkrieg, mein Glas ist leer. Man muß einen Erfolg auch mal feiern können...

Alida saß grinsend und still dabei, ich verstand sie auch so, mir erging es ähnlich. “Hätten diese Idioten eine anständige Schule besucht, wären sie nicht auf die Idee verfallen, ihre eigene Heimat zu zerstören” dachten wir beide.  Und da gegen Unwissenheit keine Gewehre helfen, auch keine Langstäbe, war es schon richtig so, daß Joseph das Hauptaugenmerk auf sein neues Schulzentrum richtete.

Man mußte ihn nur mal daran erinnern. Morgen. An diesem Abend war er viel zu zufrieden mit der gelungenen Aktion um sich Sorgen um den nächsten Schritt zu machen. Er träumte schon laut davon, Ubangali mit den anderen Orten an denen die avalonische Hilfe tätig ist, zu vernetzen “erst mal die Bahn nach Himbali wieder in Gang bringen. Wenn wir dann auch die Strecke nach Paralong frei bekämen...was, Malcolm? Könnten die uns nicht entgegen kommen, so ganz allmählich?” - “Vielleicht, aber denen geht es auch nicht besser als hier. Und nicht vergessen, was habt ihr von einer Bahn wenn ihr keine Leute habt die sie warten und in Gang halten können? Die Schulen sind wichtiger.” - “Die paar Schienen können doch auch ungelernte Leute reparieren.” - “Und wenn dann eine Lok überholt werden muß? Könnt ihr das auch?” Joseph verzog das Gesicht. “Früher hätten wir die nach Kinshasa gebracht.” - “Ja, früher. Und heute bringt es die Regierung nicht fertig, die Strecke dahin zum laufen zu bringen, und für euch ist das eine Nummer zu groß.  Also eben doch erst Mechaniker ausbilden, dann Technik in Gang setzen, geht das in deinen Schädel?” - “Könnt ihr nicht...?” - “Satz mit X. Bei uns gibt es keine Eisenbahn, also auch keine Ingenieure die das drauf haben. Frag die Kubaner.” - “Ach, wozu..haben wir ja schon. Kannst du wechseln?” Er hob die linke Faust...alles lachte. 

Es war nicht der Augenblick, Pläne zu machen. Eine halbe Stunde später war die ganze Meute ohnehin blau - aber das mußte wohl auch mal sein. 

Rolling home

Morgens ging es verspätet los, wir waren noch einmal dabei als Malcolm und Joseph die Baustelle besuchten wo es nun ganz gut vorwärts ging. Die Grundschule würde wohl bald soweit sein, meinte der Vorarbeiter und Joseph erinnerte Malcolm daran, demnächst bei der nächsten Tour die ersten Lehrer mitzubringen “die sind jetzt schon drei Jahre bei euch, die müssen doch längst soweit sein.” - “Eigentlich sollten sie noch ein Jahr machen, aber du hast Recht, wir sollten hier anfangen so schnell es geht. Ich werde dann mal sehen ob ich so 20 Mann herschleppe. Seht ihr mal zu daß ihr Stühle und Tische zimmert, irgendwie wird es schon gehen.” Vahrsonia sah sich erst ein anderes halbfertiges Gebäude an, dann hatte sie Sorgenfalten auf der Stirn “und die Küche, der Speisesaal? Wird noch dauern, oder wie? Joseph, das geht doch nicht, wir können die Kleinen doch nicht mittags heimschicken, in die Dörfer, geht doch nicht. Das muß auch fertig sein, wenn es losgehen soll.” Joseph schluckte “Verdammt, stimmt. Lakumba! Hab ich dir nicht gesagt ihr sollt nicht versuchen alles auf einmal hochzuziehen? Schick mehr Leute an den Küchenbau!” - “Aber Chef, Herr Malcolm hat...”

“Herr” Malcolm  bekam einen roten Kopf. “Lakumba, du bist ein Holzkopf. Joseph ist dein Chef, nicht ich. Und ich hab auch gar nichts gesagt was die Bauleitung angeht. Tu was Joseph sagt! Oder soll ich dir die Geister auf den Hals schicken???” Lakumba grinste. “Schon gut. Aber erst uns erklären daß die Geister uns mal können, und dann doch damit ankommen... also, Joseph: höhere Schule erst mal nicht weiter bauen, lieber den Fresstempel?” - “Genau. Versucht mal, Grundschule und Mensabau gleichzeitig fertig zu bekommen. Dann gehts weiter mit Handwerkerschule und höhere..ich dachte wir hätten das genug erklärt.” - “Du mußt manchmal brüllen, Chef...das hilft...”

Vahrsonia schusbte mich “das mit den Geistern ist wohl angekommen. Immerhin...wenn das nur nicht überall so wäre. Zehn Orte an denen wir arbeiten, und überall dieses mühsame in Gang kommen...” - “Haha..und überall macht ihr ne Stripshow?” - “Bisher nicht. Aber wenns hilft, kein Problem. Nein, was ich meine: du kannst denen keine Konzepte erklären, immer nur den nächsten Schritt. Das ist so mühsam...” - “Dafür werden die Schulen ja wohl sorgen.” - “Ja, in ein paar Jahren. Bis dahin kommt es mir vor als würden wir Riesenbabies das laufen beibringen.” - “Muß auch sein.” - “ja - und ihr zwei, wollt ihr nicht mitmachen?” Alida winkte sofort ab, ich etwas später. Nein, das war nicht unser Ding, so interessant wir das Projekt auch fanden. Wir freuten uns allmählich auf die Heimfahrt...

Drei Tage später war es soweit. Schon morgens standen die Laster bereit, und gleich nach dem Frühstück ging es los. Diesmal waren wir schlauer und ergatterten Plätze vorn, beim Fahrer - viel besser war das zwar nicht, aber immerhin hatten wir so etwas wie Sitze unter uns. Mit Gejohle wurden wir verabschiedet, und die ersten Kilometer auf der neu asphaltierten Strecke waren ganz angenehm. Über den Rest schweige ich mal lieber, sagen wir mal, die Vorfreude auf ein richtiges Bett  und die sanfte Fahrt im Schiff ließ uns das auch noch überstehen...

Da lag sie, die Africania 4. Die 1 war längst wieder abgefahren, und eine neue Gruppe hilfsbereiter Avalonier wartete auf die Tour ins Gebirge. Es gab eine Menge Umarmungen, einige Schwätzchen, dann ging es aufs Schiff und endlich, raus aus dem dicken Zeug und Umhang übergestreift, was für eine Wohltat bei der Hitze. Aber diese blöden Malariamücken machen das halt nötig...nicht auf dem Schiff. Eine halbe Stunde später legten wir ab, Stromschnellenalles traf sich erst einmal zu einem guten heimischen Essen. das mußten wir allerdings schnell einnehmen, Malcolm drängte zur Eile - etwas später wußten wir, warum. Erst fing es an zu schaukeln, dann hörten wir ein mächtiges Rauschen , dann gab es mehrere dumpfe Stöße von unten - Stromschnellen. Seltsam, auf der Hinfahrt hatten wir nichts davon bemerkt... “ihr habt das verschlafen” meinte Vahrsonia “und es war auch harmloser, das Wasser ist inzwischen gefallen. Wir haben drei Strecken im Kongo, die können wir bei richtigem Niedrigwasser gar nicht fahren, bei mittlerem Stand nur mit den kleineren Holzschiffen, aber bei Hochwasser sogar mit der Xanthor. Die Einheimischen beneiden uns um unsere Schiffe; die können nur mit Motorbooten über diese Riffe fahren, nicht mit großen Schiffen.” - “Und wie behilft man sich da?” - “Mit der Eisenbahn - wo sie schon wieder fährt. Umladen, umladen...anders geht es nicht. Die haben nicht das Geld, um Schleusen zu bauen.” - “Ja klar, da gibt es sicher dringendere Aufgaben. Aber wir können auch nicht alles, oder? Von Kisangali aufwärts, das geht wohl nicht?” - “nein, kein Gedanke. Wir können Stromschnellen fahren wenn die nicht allzu steil sind. Das Wasser darf ruhig wild sein und schnell, aber es darf nicht steil aufwärts gehen, da hört auch bei uns die Kunst auf.” - “Naja, wir können ja eh nicht überall helfen, mit den paar Leuten.” - “Das ist wahr. Selbst wenn wir zehn mal so viele Mitarbeiter hätten, es wäre nicht genug - der Kongo ist riesig, Avalonia klein.” - “Wer außer uns und den Kubanern  ist hier eigentlich noch tätig?” - “Wenig genug. Die UN in einigen Städten, christliche Hlfswerke in und um Goma, die EU fördert Regierungsprojekte, und das war es auch schon.” - “Rußland, China?” - “Vergiß es.” -  “USA?” - “Nope.” - “Au Mann....” - “Genau.”

 Es wurde bald wieder ruhiger, aber am nächsten Tag ging es nochmal über so eine Holperstrecke. Dann waren wir wieder kurz in Kinshasa, und gleich darunter ging es wirklich heftig zu...dann, endlich, freie Strecke vor uns. Freie Strecke? “Die Hafenbehörde hat gesagt, die Flußpiraten wären außer Betrieb” grinste Malcolm “die haben wohl endlich mal durchgegriffen. Sollte also glatt gehen, bis daheim.” Nun..wir sahen den Kreuzer, der versucht hatte uns zu blockieren. Er lag am Ufer auf der Steuerbordseite, backbords klaffte ein großes Loch...”waren wir das?” - “Ach was, wir haben doch keine Torpedos. Da hat wohl die Marine mal etwas geübt” grinste Malcolm, und wirklich, es war nichts von den Flußpiraten zu sehen. Auch die kleinen Motorboote, die alten Frachter mit denen sie die Fahrrinne blockiert hatten, tauchten nirgends auf - aber wir atmeten erst auf als sich die Mündung vor uns öffnete und der Atlantik in Sicht kam. Der war ruhig, na wunderbar, keine unnötige Tauchfahrt, im vollen Sonnenschein ging es hinaus auf die See. Ein Genuß nach der holprigen Flußtour.

Ich fragte noch dies und jenes, erfuhr daß es gerade mal 120 Leute waren, die Malcolms Hilfswerk in Gang hielten (von uns) und etliche Mitarbeiter im Kongo , staunte, daß mit so wenigen Leuten überhaupt etwas zu bewegen ist, aber so halb waren wir in Gedanken schon daheim. Die drei Tage auf See waren Erholung pur, und das hatten wir auch nötig -  wenig Schlaf hatten wir bekommen in den vier Wochen im Kongo, fiel mir jetzt auf, und immer war eine Unruhe dabei gewesen die ich sonst nicht gekannt hatte. Die fiel nun ab von uns, und als wir uns Endrina näherten, waren wir innerlich schon daheim. Der Rest der Tour war schnell vorbei, dann lagen wir am Kai in Atlantis und steuerten das “Faß” an um uns erst mal einen grünen Saft zu gönnen.

Junge, Junge...da wird viel passieren müssen, bis Afrika gehen lernt...ging es mir durch den Kopf als wir uns in das Palaver der Kneipe stürzten. “Nicht alles in Afrika ist wie der Kongo” sagte Vahrsonia sofort “aber wenn das Herz krank ist, sind die Glieder schlaff” erwiderte Alida. “Wir sollten versuchen andere Länder zu bewegen, sich auch dort zu engagieren.” - “Wunderbare Idee. Ein nicht existentes Land versucht eine Initiative” brummte Malcolm bitter “da muß mehr passieren bis wir das machen können. Gut wäre es ja, aber gehst du zur UN und sagst ” hallo, ich komme aus Atlantis und habe eine Idee?”

Es gab Heiterkeit in der Runde, dabei war das ja nicht witzig. Naiv wie ich bin, schlug ich vor, das doch mal dem Rat vorzulegen - noch eine Lachsalve war die Folge. “Norman, dir ist wohl nicht klar wieviele hier unten ganz froh sind, daß wir an dem Gewusel da oben nicht beteiligt sind?” Polardor hielt sich den Bauch vor Lachen “und da meinst du, wir könnten einfach so darauf verzichten? Das kriegst du nie durch.”

Er hatte sicher Recht, aber von dem Augenblick an ließ mich der Gedanke nicht mehr los, daß unsere Isolation sicher für eine lange Zeit ein Segen für Avalonia gewesen war; aber galt das noch? Oder war es Zeit daß wir uns zurück meldeten? “Könnte sein” meinte Alida “Aber da fehlt einer der weiß wie man sowas einfädelt.”

Ja, der war ich sicher nicht. Aber sollte es so einen Menschen gar nicht geben? Hmmm....

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